Sterben für das Vaterland

KUNST UND KRIEG Zwischen ihren Arbeiten liegt ein Jahrhundert: Die Ausstellung „Mahnung und Verlockung. Die Kriegsbildwelten von Käthe Kollwitz und Kata Legrady“ stellt wuchtigen Pazifismus gegen modernen Zynismus

Mit bunten Smarties beklebte Minen, mit Pelz überzogenen Handgranaten, die die Namen von Supermodels tragen, eine Plastikbombe, bemalt mit pinkem Chanel-Nagellack: Kata Legradys Arbeiten machen Spaß, das ist das Gefährliche an ihnen. Die ungarische Künstlerin verbindet Gewalt, Konsum und Popkultur auf so amüsante Art und Weise, dass die wahren Schrecken des Krieges erst auf den zweiten Blick wieder ins Bewusstsein kommen.

Daneben das Kontrastprogramm in Schwarz-Weiß: Die Zeichnungen, Holzschnitte und Lithografien von Käthe Kollwitz zeigen Leiden, Hunger, Tod – ganz ungebrochen. Während die bekannte deutsche Künstlerin in ihren frühen Grafikzyklen „Weberaufstand“ und „Bauernkrieg“ noch Gewalt als legitimes Mittel des sozialistischen Kampfes zeigte, wurde sie mit dem Tod ihres Sohnes Peter, der 1914 in Flandern fiel, zur überzeugten Pazifistin.

In ihrem Spätwerk beschäftigte sich Kollwitz insbesondere mit den Qualen der zurückgebliebenen Frauen, die um ihre Söhne und Ehemänner bangen. Zu ihren bekanntesten Arbeiten zählt die Skulptur „Pietà“ einer trauernden Mutter, die sich über ihren toten Sohn beugt, und sozialpolitische Plakate wie jenes mit der Aufschrift „Nie wieder Krieg!“, das noch heute auf Demos der Friedensbewegung in Deutschland verwendet wird.

Es geht um die Ästhetisierung von Gewalt, die Frage nach den Schuldigen am Krieg

Schon zu Kollwitz’ Lebzeiten kritisierten manche die Gegenständlichkeit ihrer Arbeiten, ihre klare Botschaft. Doch es ist gerade diese scheinbar so unmoderne Unmittelbarkeit, die im Kontrast mit dem zeitgenössischen Zynismus Kata Legradys an Wucht zurückgewinnt. In sieben thematischen Abschnitten zeigen die Initiatorin von „Mahnung und Verlockung“, Gudrun Frisch, und der Kokurator Pay Matthis Karstens, im Berliner Käthe-Kollwitz-Museum, wie sich die so unterschiedlichen Arbeiten der beiden Künstlerinnen ergänzen können. Es geht um die Ästhetisierung von Gewalt, die Frage nach den Schuldigen am Krieg, die Indoktrination von Kindern. Letztere war prägend im Leben beider Frauen. Käthe Kollwitz’ jüngster Sohn Peter ließ sich von der begeisternden Kriegsmetaphorik während des Ersten Weltkrieges anstecken und meldete sich freiwillig als Soldat. Da er erst 18 Jahre alt war, benötigte er die Erlaubnis seiner Eltern. Käthe Kollwitz überzeugte ihren Ehemann, und Peter zog als einer der ersten Freiwilligen in den Krieg – Wochen später war er tot.

Auch in Kata Legradys Leben spielte Kriegspropaganda eine große Rolle. Sie wuchs im sozialistischen Ungarn auf und kam schon als Kleinkind in eine Schießsportgruppe. Dort wurde Legrady für einen möglichen Militäreinsatz ausgebildet und musste schwören, im Notfall bereit zu sein, für ihr Vaterland zu sterben. Später sagte sie sich vom Schießen los und studierte Operngesang, bevor sie ihre Karriere als bildende Künstlerin einschlug.

Im Käthe-Kollwitz Museum sind diese Erfahrungen in künstlerischer Form gegenübergestellt. Legradys Werk „Kindersoldat“, das einen bewaffneten kleinen Jungen vor dem Hintergrund bunter Smarties zeigt, hängt vis-à-vis von Kollwitz’ Grafik „Die Freiwilligen“, auf der sich junge Männer blinden Auges in den Tod stürzen. Woanders zeichnet Kollwitz eine Mutter, die ihre Kinder schützend unterm Mantel versteckt, während Legrady auf ein Triptychon aus drei Schultafeln mit Kreide die Pistole „Government“ malt.

Die Government, die lange zur Ausrüstung der US-Streitkräfte gehörte, ist ein wiederkehrendes Motiv in Legradys Arbeiten. Das Modell kam in beiden Weltkriegen und im Vietnamkrieg zum Einsatz und steht so für die Kriege des 20. Jahrhunderts wie kein zweites. Als Handfeuerwaffe macht die Pistole aber auch darauf aufmerksam, wie Krieg heute funktioniert: als inoffizielle Kriege wie in Mexiko oder Syrien, in denen meist unbeteiligte Zivilisten die Opfer sind.

Während Kollwitz in ihrem Werk die Leiden der Bevölkerung thematisiert und die Frage nach Schuldigen am Krieg offenlässt, deutet Legrady an, was für sie die Motivation hinter den Konflikten ist, wenn sie die Government-Pistole mit verschiedenen Währungen beklebt – von US-Dollar bis Rubel – oder eine Patrone mit patriotisch blau-weiß-roten Zuckersternchen beklebt.

Ein Jahrhundert liegt zwischen den Arbeiten der beiden Künstlerinnen. Ein Jahrhundert, das zeigt, dass Käthe Kollwitz’ Ziel „Nie wieder Krieg“ nach wie vor in weiter Ferne liegt und die Anklage in ihren Werken nichts von ihrer Aktualität eingebüßt hat. In einem eigens für die Ausstellung angefertigtem Werk unterstreicht Kata Legrady diesen Eindruck. So zeigt ihre großformatige „Hommage an Käthe Kollwitz“ eine Friedenstaube, die – mal wieder erst auf den zweiten Blick erkennbar – aus Patronen zusammengesetzt ist.