Und jetzt mal zu etwas völlig anderem …

QUEREINSTEIGER „Flexibilität“ ist das Zauberwort der heutigen Berufswelt. Ohne breit gefächerte Erfahrungen aus Ausbildungen und Jobs geht da wenig. Ein Sprung in andere Branchen hingegen wird meist ungern gesehen. Doch gerade ein bunter Mix kann es bringen

VON OLE SCHULZ

„Die Biografie eines schöpferischen Menschen ist ganz und gar unwichtig“, schrieb Red Marut – besser bekannt unter seinem Pseudonym B. Traven. Der Schriftsteller war ein Verwandlungskünstler, der seine Identität nicht preisgeben wollte und stets empört reagierte, wenn es um Details seines Curriculum Vitae ging: „Von einem Arbeiter, der geistige Werte schafft, sollte man nie einen Lebenslauf verlangen.“ Denn das würde ihn nur zum Flunkern und Lügen verleiten.

So ähnlich fühlen sich viele kreative Köpfe, die beruflich gern umsatteln würden, denen aber die entsprechenden formalen Qualifikationen fehlen. Denn obwohl geradlinige Lebenswege und Karrieren sukzessive seltener werden, hat man es in Deutschland, B. Travens Heimat, bis heute als Autodidakt oder Quereinsteiger nicht immer einfach.

Akademische Monokultur: Joberfahrung zählt nicht

Die HIS Hochschul-Informations-System GmbH aus Hannover fragte in einer europäischen Vergleichsstudie unter Studenten, inwieweit Berufserfahrung das Abitur oder einen vergleichbaren Abschluss ersetzen könne. In Deutschland hat demnach nur jeder hundertste Student einen solchen Lebenslauf, in Großbritannien oder auch der Schweiz liegt die Quote deutlich höher.

In künstlerischen Studiengängen hat man immerhin die Möglichkeit, in einer Aufnahmeprüfung auch ohne Abitur als „Hochbegabter“ einen Platz an der Uni zu ergattern, doch sonst geht hierzulande ohne Hochschulreife oder Uniabschluss in höher qualifizierten Tätigkeiten traditionell nicht viel.

Auch fachfremdes Wissen erweist sich früher oder später als nützlich

Allerdings hat sich die Arbeitswelt in Zeiten von Digitalisierung und Globalisierung derart verändert, dass es Quereinsteiger in bestimmten wirtschaftlichen Bereichen leichter haben. Vor allem in der Medien- und IT-Branche gibt es weiterhin ein weites Betätigungsfeld für Autodidakten und Seiteneinsteiger – auch wenn die Anforderungen beispielsweise an Webdesigner nicht zu unterschätzen sind: Onlineplattformen sind im Web 2.0 inzwischen multimedialer und interaktiver geworden, und Webdesigner müssen nicht mehr nur „Web-Visitenkarten“ für Firmen layouten, sondern ganze Shopkonzepte entwickeln.

Auch bei Start-ups im Dienstleistungssektor gibt es Möglichkeiten zum Quereinstieg, nicht zuletzt weil hier die Unternehmensorganisation oft flexibler ist und die Hierarchien flacher sind als in Großbetrieben. Bei Mister Spex zum Beispiel, dem größten deutschen Onlineversand von Markenbrillen mit Sitz in Berlin, müssen Bewerber vor allem durch Engagement und Enthusiasmus überzeugen. Laut Personalleiterin Eva Nöll sind weder fachliche Kompetenz noch die sogenannten Soft Skills allein entscheidend: „Bei uns ist die Motivation am wichtigsten“, erklärt sie.

Über 40 neue Mitarbeiter hat Nöll 2010 eingestellt – darunter einen ausgebildeten Fleischer, der nun als Programmierer tätig ist, und einen Fernmeldetechniker, der im Marketing unterkam. „Wir schauen uns genau an, was die Bewerber neben Studium oder Ausbildung gemacht haben. Sie müssen zeigen, dass sie sich für etwas begeistern und engagieren können.“ Dass eine solche Begeisterung und Selbstaufopferung für manchen Arbeitgeber allerdings auch bedeutet, dass man, ohne aufzumucken, regelmäßig Überstunden einlegt, steht auf einem anderen Blatt.

Peer Bieber, Gründer der Jobbörse Talentfrogs.de, findet ebenfalls, dass in Deutschland für einen Berufswechsel zu viele formale Hürden zu überwinden sind. Er sieht Chancen für Quereinsteiger insbesondere in „nicht fachgebundenen“ Tätigkeitsbereichen. „Dazu gehört in erster Linie die IT-Branche, daneben sind es die Bereiche Werbung, Marketing und PR“, sagt Bieber. Auch im Pflege- und Servicesektor und sogar im öffentlichen Dienst gebe es gute Möglichkeiten.

Der 30-jährige Bieber hat vor vier Monaten das Onlineportal Talentfrogs.de gegründet, um Quereinsteiger und Arbeitgeber zusammenzubringen. „Weil heute wichtige Eigenschaften wie Kreativität oder analytisches Denken selten an Branchen gebunden sind und sich oft nicht durch bestimmte Studien- oder Berufsabschlüsse erwerben lassen“, so Bieber, „stellt Talentfrogs die Persönlichkeitsmerkmale und Talente in den Mittelpunkt der Suche.“

Menschen, die auf eigenen Wunsch den Beruf wechseln, arbeiten laut Bieber häufig produktiver – und gerade in Deutschland seien viele mit ihrer Arbeitssituation unzufrieden: Während laut der Gallup-Studie 2010 nur 11 Prozent der Beschäftigten wirklich motiviert arbeiten, ist nach der DGB-Studie „Index Gute Arbeit“ nur jeder siebte Arbeitnehmer zufrieden mit seinem Job. „Wer Fachfremde einstellt“, sagt Bieber, „profitiert nicht nur von deren hoher Motivation, sondern auch von ihrem Wissen aus anderen Branchen und Berufsfeldern.“

Neben der IT-Branche sind es vor allem zwei „Old Economy“-Berufe, in denen zurzeit großer Bedarf an fachfremden Einsteigern besteht: die Lehrer und Erzieher. Ein Umsatteln in diese Berufe mag für manch einen verlockend erscheinen und tatsächlich sinnvoll sein. Doch sollte man sich vorher stets gut überlegen und eingehend darüber informieren, was die Vor- und Nachteile einer solchen Tätigkeit sind und ob man dafür auch tatsächlich geeignet ist.

Wer es etwa mag, mit Kindern zu arbeiten, für den ist der Erzieherberuf sicherlich eine Option – der Nachteil ist jedoch eine recht dürftige Entlohnung. Bei den Lehrern ist das Gehalt dagegen verhältnismäßig gut, aber nicht jeder ist dafür gemacht, tagtäglich vor einer Klasse zu stehen und zu unterrichten – Studien zufolge ist der Lehrerberuf ein Knochenjob.

Nach Angaben des Deutschen Philologenverbandes fehlen derzeit insgesamt rund 45.000 Pädagogen – vor allem für Mathematik und Naturwissenschaften. Obgleich Bildungsexperten bei quer einsteigenden Lehrern eine umfassende Nachqualifizierung für sinnvoll halten, sollte man Talente unter ihnen auch gezielt suchen. Denn etwas mehr Praxisluft kann dem verstaubten Schuldienst nur guttun.

■ Jobbörse für Quereinsteiger: www.talentfrogs.de