die wahrheit

Klappstuhlverbot auf englischen Bahnsteigen

Auf englischen Bahnhöfen gibt es keine Liebe. Erst haben sie das Küssen verboten, nun trifft es die Liebhaber von Eisenbahnen...von RALF SOTSCHEK

Auf englischen Bahnhöfen gibt es keine Liebe. Erst haben sie das Küssen verboten, nun trifft es die Liebhaber von Eisenbahnen. Auf dem Bahnhof von Warrington hat die Verwaltung ausgerechnet am Valentinstag Kussverbotsschilder aufgestellt, weil der lange Abschied angeblich zur Verstopfung führt - der Bahnsteige, nicht der Küssenden. Manch Spielfilm hätte in dem Kaff nicht gedreht werden können: Man stelle sich Celia Johnson und Trevor Howard vor, wie sie in David Leans "Brief Encounter" vom Bahnpersonal in eine Kusszone verwiesen werden.

Trainspotter küssen höchstens Lokomotiven, aber auch das soll verboten werden. Die Bahngesellschaft National Express will niemanden ohne Fahrkarte auf den Bahnsteig lassen. Aus Sicherheitsgründen. Wer hätte gedacht, dass bebrillte Männer im Anorak, die mit einem spiralgebundenen Buch, belegten Broten und einer Thermoskanne auf Klappstühlen am Bahnsteigende sitzen, die Sicherheit gefährden? Befürchtet das Unternehmen, dass die Nerds mit ihren Bleistiften die Züge zum Entgleisen bringen?

Sie irritieren zumindest die Lokführer, meint National Express, weil die nicht wissen können, ob der Mensch am Gleis lediglich die Lokomotivnummer aufschreibt, um sie später zu archivieren, oder ob er sich im nächsten Augenblick vor den Zug wirft. Welcher Selbstmörder bringt Verpflegung mit, wartet geduldig auf einem Schemel und notiert sich die Nummer des Zuges, vor den er sich werfen will?

Michael Palin von Monty Python ist ein bekennender Trainspotter. Seine Truppe hat den wunderbaren Sketch "You're No Fun Anymore" gedreht, bei dem es um einen Camelspotter geht. Wie viele Kamele er denn gesehen habe? "Nun ja, fast, fast … fast eins. Eigentlich gar keins." Am Ende kommt heraus, dass er ein normaler Trainspotter ist, dem sein Hobby peinlich ist.

Gerry Doherty von der Eisenbahnergewerkschaft beschuldigte National Express, dieses "Hobby, das fast so alt ist wie die Eisenbahn", mit Füßen zu treten. "Nur Leute ohne Sinn für die Geschichte begehen solchen Akt des blindwütigen Vandalismus. Die Barbaren haben offenbar die Bahn übernommen." Das dämmert ihm erst jetzt? Die Barbaren haben die Bahn seit der Privatisierung 1994 im Würgegriff.

"Diese Leute kennen den Preis von allem und den Wert von nichts", mosert Doherty. "Die sollten lieber ein Busunternehmen leiten. Junge Trainspotter gibt es seit dem viktorianischen Zeitalter. John Betjeman wird sich im Grab umdrehen." Der 1984 verstorbene Dichter lungerte gern auf Bahnhöfen herum, einen rettete er sogar vor dem Abriss: St. Pancras in London, vor dem heute seine Statue steht. Im Zweiten Weltkrieg arbeitete Betjeman als Presseattaché in Dublin, von wo er über Politiker und die Irisch-Republikanische Armee (IRA) nach London berichtete. Die IRA wollte ihn deshalb angeblich umbringen, sah davon aber ab, weil ein IRA-Chef seine Gedichte mochte.

Ein anderer trainspottender Schriftsteller, W. H. Auden, hat ein Gedicht über einen Postzug nach Schottland geschrieben: "Letters of thanks, letters from banks, letters of joy from the girl and the boy." Dafür wäre er von der IRA zu Recht nicht verschont worden.

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