An einigen Gegenwind gewöhnt

KULTURMANAGEMENT Der Kulturmanager Moritz van Dülmen sieht sich als „neutralen Vermittler“ zwischen der Politik und der vielfältigen Kulturszene der Stadt

Um in seinem Büro Besuch zu empfangen, muss Moritz van Dülmen erst einige Papierstapel zur Seite räumen. „Es sieht hier ein bisschen aus“, entschuldigt sich der Leiter der Kulturprojekte Berlin GmbH. Im vierten Stock des Podewil’schen Palais an der Klosterstraße warten zwischen einer roten Couchgarnitur und dem großen Schreibtisch künftige Projekte auf ihre Realisierung, dazwischen verteilen sich Zeugnisse vergangener Arbeiten: Ein zwei Meter großer „Dominostein“ aus bemaltem Styropor, zum Jahrestag des Mauerfalls 2009 von Kindern umgestürzt. Und ein Modell des roten Heliumpfeils, der während des Jubiläums über der Stadt schwebte. Van Dülmen ist der Mann, der für große Ereignisse passende Bilder sucht und sie in Großveranstaltungen überführt: Maueröffnung, Machtergreifung, 125 Jahre Ku’damm. „Ich komme mir manchmal vor wie ein Arzt, der in seiner Praxis nacheinander seine Projektgruppen behandelt“, sagt der 40-Jährige. Und meint damit vor allem seinen vom konsekutiven Abhaken verschiedenster Inhalte geprägten Arbeitsalltag.

Kommunikativ verarzten muss van Dülmen derzeit vor allem die geplante „Leistungsschau“ Berliner Künstler im Sommer. Die vom Regierenden Bürgermeister Klaus Wowereit initiierte Ausstellung, mit deren Ausführung van Dülmens „Kulturprojekte“ betraut sind, bekommt mächtig Gegenwind aus der Kulturszene: Mehr als 2.000 Künstler haben sich bislang in einem offenen Brief gegen die neoliberal daherkommende Leistungslogik des Wettbewerbs gewandt.

Nur eine „Kommunikationspanne“, wischt van Dülmen die offene Kontroverse weg. Inhaltlich steht der Kulturmanager ganz hinter dem von seinem obersten Dienstherrn angeschobenen Projekt. „Anstatt hypothetisch über eine Berliner Kunsthalle zu diskutieren, sollte man die Idee endlich konkret auf’n Platz bringen.“ Zu den Leuten, abseits der elitären Kunstszene.

„Auf’m Platz“, beim breiten Publikum also, sieht van Dülmen seine Aufgabe als neutraler Kulturvermittler. „Ich bin dann glücklich, wenn es gelingt, ein ernstes Thema möglichst vielen zu vermitteln“, sagt er. Einwände wie „zu populär“ oder „kitschig“ lässt er dabei nicht gelten: Das Spektakel mit 2.000 bunten Dominosteinen, die von jungen Leuten aus aller Welt zu Fall gebracht wurden, habe am Ende sogar die härtesten Kritiker gerührt. Auch die von vielen geschmähte Infotreppe auf dem Potsdamer Platz sei stets voll gewesen: „Offenbar ist es ein menschlicher Drang, sich auf Treppchen zu stellen.“ Ähnlich, so vermutet van Dülmen, werde es sich mit Wowereits Ausstellungsprojekt verhalten: Trotz des Murrens über die Ausstellung hätten sich sehr viele Künstler am Wettbewerb beteiligt. Die öffentliche, politisierte Debatte über die Funktion von Kunstproduktion für die Stadt empfinde er als „sehr befreiend“.

Manchmal einfach Puffer

Im Gespräch merkt man: Moritz van Dülmen ist Gegenwind gewöhnt. Seit fünf Jahren steht der Mann mit der Glatze an der Spitze einer Institution, die im Idealfall eine Drehscheibe ist zwischen Verwaltung und Kulturszene – und manchmal ein Puffer, der viel aushalten muss. Das Konstrukt der gemeinnützigen Kulturprojekte BerlinGmbH ging 2006 aus der Fusion der landeseigenen Kulturveranstaltungs-GmbH mit dem Museumspädagogischen Dienst hervor. 44 MitarbeiterInnen stemmen seither im Auftrag des Senats kulturelle Großveranstaltungen wie die Lange Nacht der Museen, die Berlin Music Week oder den Europäischen Monat der Fotografie. Dazu kommen die anfallenden Jahresthemen. Geburtshelfer der Ost und West vereinenden Institution war der damalige Kultursenator Thomas Flierl (Linke).

■  Die gemeinnützige Landesgesellschaft entstand 2006 aus der Fusion der landeseigenen Kulturveranstaltungs-GmbH mit dem Museumspädagogischen Dienst. Vom Podewil’schen Palais in Mitte aus konzipiert und organisiert sie kulturelle Großvorhaben wie die Lange Nacht der Museen, ist Träger von Spielstätten und Festivals und übernimmt Serviceleistungen für Museen und andere Kulturinstitutionen.

■  Ein wichtiger Schwerpunkt der Institution ist die Vermittlung von Kunst und Kultur. Als Verwalterin des Projektfonds Kulturelle Bildung kümmern sich die Kulturprojekte um die Vernetzung von Kulturinstitutionen und Schulen. Am 17. und 18. Februar findet dazu im Podewil die Tagung „1+1=3“ statt. Die Veranstaltung ist eine Bestandsaufnahme der vielen Projekte und Initiativen, die zur Förderung der kulturellen Bildung entstanden sind. Das seit fünf Jahren existierende Modell „Patenschaften Künste und Schulen“, das mittlerweile als „Berliner Modell“ auch anderswo Schule gemacht hat, wurde frisch evaluiert, die Ergebnisse sollen bei der Tagung vorgestellt werden. Die ganze Bündelung und Vernetzung passiert gerade noch rechtzeitig zur dieses Schuljahr in Kraft getretenen Schulreform. Mit den damit entstehenden Ganztagsschulen eröffnen sich ganz neue Spielräume für kulturelles Wirken an den Schulen.

Unter Klaus Wowereit (SPD), der die Kultur zu seiner persönlichen Zuständigkeit erklärte, lief der Betrieb bereits: Die in dem Barockpalais und späteren DDR-Haus der „jungen Talente“ residierenden Kulturprojekte werden von der Kulturverwaltung bezahlt, als verlängerter Arm des Senats sieht man sich trotzdem nicht. In Konzeption und Durchführung der einzelnen Projekte sind die Kulturprojekte autonom – auch die Mittel dafür müssen sie stets aufs Neue von der Lottostiftung und anderen Geldgebern einwerben.

Wenn van Dülmen sagt, er brauche den Kultursenator Wowereit, damit dieser seine Ideen nach außen vertrete, bekommt man einen Eindruck vom Selbstbewusstsein dieses Mannes, der zuvor die Kulturhauptstadt-Bewerbung Potsdams stemmte.

Von den Befindlichkeiten und Gepflogenheiten der Berliner Kulturszene ist der gebürtige Saarländer, der schon während seines BWL-Studiums am Theater Saarbrücken jobbte, noch immer bemerkenswert unberührt. Zu allen wahrt er die ihm eigene sachliche Distanz. Zur Westberliner Mischung aus Gewerbetreibenden und Künstlern, die sich schon im Vorfeld der „125 Jahre Ku’damm“-Festlichkeiten in der Wolle haben. Zu den Ost-Puppenspielern der Schaubude, die unter der Trägerschaft der Kulturprojekte stehen. Und zum Riesenkonglomerat der Berliner Museen, für die man ein Webportal und einen Besucherdienst organisiert. Er liebe es, „mit Hinz und Kunz“ zusammenzukommen, sagt van Dülmen. Glücklicherweise genössen die „Kulturprojekte“ überall in der Stadt einen guten Ruf als neutrale Vermittler.

So ebenmäßig heiter und organisationsgewieft wirkt der Mann, dass man sich irgendwann fragt, welche seiner vielen Projekte seine innere Leidenschaft wecken können. Da bringt van Dülmen von selbst die Tagung zur kulturellen Bildung zur Sprache, die eine Bestandsaufnahme der Bemühungen sein soll, Kinder und Jugendliche am kulturellen Leben teilhaben zu lassen. Es war Klaus Wowereit, der 2008 eine „Offensive Kulturelle Bildung“ ausrief und dafür einen Fonds mit 2 Millionen Euro im Jahr einrichtete.

Beispielgebendes Projekt

Seitdem sitzen mit „TuSch“ (Theater an Schulen) und „Tanzzeit“ zwei der profiliertesten Projekte direkt im Podewil. Das Theater-Netzwerk, das eine dauerhafte Partnerschaft zwischen 123 Schulen und 36 Bühnen etabliert hat und jährlich ein gemeinsames Theaterstück auf die Bühne bringt, ist Vorbild für zahlreiche Nachfolgeprojekte in ganz Deutschland. Das 2005 von der Choreografin Livia Patrizi gegründete Projekt „Tanzzeit“ will Schülern zu mehr Selbstbewusstsein, Bewegung und Motivation verhelfen – mit riesigem Erfolg: Mehr als 10.000 Berliner Kinder nahmen bislang daran teil. Obwohl Vorzeigeprojekte, waren beide Initiativen jahrelang unsicher finanziert. Die kulturelle Bildung, die besonders hart um kontinuierliche Förderung kämpfen muss, soll im Podewil einen zentralen Anlaufpunkt haben.

Die „Kulturprojekte“ selbst betreuen bislang sieben Bildungsinitiativen und 50 Patenschaften zwischen Berliner Schulen und Kunstinstitutionen. „Es ist gut für unsere Arbeit, dass kulturelle Bildung derzeit so ein Trendthema ist“, sagt van Dülmen. Aber insgesamt sei das bisher Erreichte „leider ein Witz“ – gemessen an mehr als 700 Schulen im Stadtgebiet und dem Bedarf, der durch die flächendeckende Einführung der Ganztagsschule entsteht. Doch die „Kulturprojekte“ allein haben es nicht in der Hand, ob aus der gegenwärtigen Begeisterung für kulturelle Bildung ein dauerhaftes Engagement wird. „Wenn man den Theaterbesuch, das Museumsprojekt nicht endlich im Schulleben institutionalisiert, bleiben alle schönen Projekte letztlich Stückwerk“, sagt van Dülmen.

Als er von den Lehrplanzwängen erzählt und von Eltern, die statt eines Theaterbesuchs lieber mehr Mathe wollen, wird der Kulturmanager zum ersten Mal laut. Auch Künstler, für die eine Zusammenarbeit mit Jugendlichen nur pädagogisches Pillepalle sind, regen van Dülmen auf. Es müsse doch allen klar sein, dass Kultur wichtig für die Persönlichkeitsbildung und eine Teilhabe aller an der Kulturproduktion eine Zukunftsaufgabe sei. „Mein persönliches Ziel ist es, in zehn Jahren allen Berliner Schulklassen einen regelmäßigen Zugang zum kulturellen Leben der Stadt zu gewähren“, sagt van Dülmen ein wenig trotzig.

„Manchmal gleicht mein Job dem Versuch, eine lebendige Krake in einen Einkaufsbeutel zu stopfen“, sagt er und sieht für einen Moment aus, als wolle er müde werden. Dann nimmt er sich noch einen Kaffee und setzt wieder sein zurückhaltend-optimistisches Lächeln auf. Die Patienten warten.