Hebräisch ist ihre Heimat

LITERATUR Maya Kuperman, Ronen Altman Kaydar und Mati Shemoelof sind Dichter, sie schreiben auf Hebräisch und sind Teil der wachsenden Community von Israelis in Berlin

VON JUDITH POPPE

„Ich hatte das Gefühl, es ist Zeit, alles loszulassen“, sagt Maya Kuperman. Die junge israelische Schriftstellerin sitzt im K-Fetisch, einer Neuköllner Kneipe, und spricht über ihren Entschluss, nach Berlin zu ziehen. 2007, kurz nachdem ihr erster Lyrikband, „Sfat em“, auf Deutsch: „Muttersprache“, in Israel erschienen war, besuchte sie die Stadt zum ersten Mal. Es begann das, was sie als längste Liebesbeziehung ihres Lebens bezeichnet. Vier Jahre später, Kuperman ist 28 Jahre alt, packt sie die Koffer und zieht um: „Ich habe mich in Berlin sofort zu Hause gefühlt, obwohl es eigentlich keinen Grund dafür gibt: Ich kannte die Sprache nicht, ich kannte keinen hier, historisch gesehen ist es kompliziert. Aber mit dem Umzug nach Berlin war ich glücklich.“ Die Lyrikerin macht eine kurze Pause. Dann fügt sie hinzu: „Und sehr erleichtert.“

Kuperman ist nur eine von vielen Israelis, die es nach Berlin verschlägt. Es gibt Schätzungen, wonach es mittlerweile 30.000 Israelis seien, die in Berlin wohnen. Das Besondere aber an Kuperman ist, dass sie hier hebräische Literatur schreibt. Auch damit ist sie nicht allein. So wie sie zog es Mati Shemoelof und Ronen Altman Kaydar in die deutsche Hauptstadt. Am Samstag werden sie im Jüdischen Museum aus ihren Gedichten lesen: „Zeitgenössische israelische Dichtung aus Berlin“, heißt die Veranstaltung. Der Titel ist groß und vorsichtig zugleich. Vorsichtig, weil er Fakten beschreibt. Groß, weil er nahelegt, es gäbe „die“ spezifische israelische Dichtung aus Berlin. Gibt es sie?

Die Stadt als Türöffner

Mati Shemoelof ist im Herbst 2013 nach Berlin gezogen. Wie Kuperman trifft man auch ihn häufig in Neuköllner Cafés und Kneipen. Seine Kleidung – lila Pullover und pinkes Hemd – gibt seinem maskulinen Erscheinungsbild eine queere Note.

„Berlin hat mir ein Tor zu mir selbst geöffnet“, sagt er und nickt einem Bekannten zu, der am Café vorbeiläuft. Für einen, der erst seit knapp einem Jahr in der Stadt ist, kennt er erstaunlich viele Menschen auf der Straße. In Israel hatte sich der Schriftsteller in den letzten Jahren immer mehr etablieren können. Er veröffentlichte vier Gedichtbände, gewann eine Reihe von Literaturpreisen, schrieb Kolumnen für Zeitungen. Gleichzeitig war er fest in der zionismuskritischen politischen Szene Israels verankert und gründete die Bewegung „Guerrilla Tarbut“ mit – die „Kulturguerrilla“. „Das alles liegt mir am Herzen, aber ich habe mich immer ausgelaugter gefühlt, wie ein Geist.“ Im April 2012 kam er mit einer Einladung der Literaturwerkstatt erstmals nach Berlin. Einige Monate später bombardierte Israel den Gazastreifen, über Tel Aviv flogen Raketen der Hamas. „Ich halte das nicht mehr aus“, sagte er zu seiner Freundin. Ein gutes Jahr später zog der Schriftsteller nach Berlin.

„Der Nahe Osten ist wie ein Gefängnis, für die Araber, für die Palästinenser, aber auch für die jüdischen Israelis.“ Eine Welt jenseits nationaler Grenzen, ein gleichberechtigtes Zusammenleben von Arabern und Juden, das ist die Utopie von Shemoelof, der selber arabischer Jude ist, seine Familie stammt zu großen Teilen aus dem Irak. Trotz der Grenzen, die sich auch durch Berlin ziehen, findet er hier einen Teil seiner ersehnten Freiheit. Obwohl er in Israel geboren wurde, hat er sich dort immer als Migrant gefühlt. Hier kann er durch die Sonnenallee – das „Kairo“ Berlins, wie er es nennt – spazieren, kann mit IranerInnen und Menschen aus dem Libanon im Café Kotti sitzen, Bier trinken, sich unterhalten. Diese Freiheit lässt ihn anders schreiben. Die Berliner Gedichte aus seinem letzten Gedichtband „Last Tango in Berlin“ sind privater, persönlicher als die aus Israel.

Das Gefühl von Freiheit hat auch Maya Kuperman in Berlin. „In meiner Anfangszeit in Deutschland bin ich wahnsinnig viel gereist, nach Italien, nach Polen. Die Möglichkeit, einfach so Grenzen überschreiten zu können, das ist die größte Erleichterung für mich; das wirkt sich auch aufs Schreiben aus.“ Es geht ihr allerdings nicht nur um die Bewegungsfreiheit, sondern auch um die Distanz zu Israel: „Ich muss dem Land fern sein, um ihm nahe sein zu können“, sagt sie. Die Distanz erlaubte ihr einen klareren Blick, und ihre Kritik an der israelischen Politik wurde schärfer. Gleichzeitig packen israelische FreundInnen immer einen Stapel ihrer Bücher ein, wenn sie Kuperman in Berlin besuchen – Gedichtbände von Dalia Ravikovitch oder Lea Goldberg. „Ich vermisse Hebräisch“, sagt sie mit einer berührenden Zartheit und lächelt. Und dennoch: Sie hört sich bestimmt an, als sie sagt, dass sie in Berlin bleiben wird.

Auch Ronen Altman Kaydar zieht es im Moment nicht zurück nach Israel. „Die politische und ökonomische Situation in Israel war nicht der Grund, wegzugehen“, sagt er und schüttelt seinen lockigen Kopf: „aber es ist durchaus ein Grund, nicht zurückzukehren.“ Er sitzt in einer Bäckerei in Schöneberg, nicht weit entfernt vom Europa Center. Früher war dort das Romanische Café – Schauplatz der sogenannten deutsch-jüdischen Symbiose. Menschen wie Billy Wilder und Bertolt Brecht verkehrten hier; Else Lasker-Schüler zelebrierte hier ihre kurze Liebesbeziehung mit Gottfried Benn.

Altman Kaydar weiß das besser als die meisten, er hat einen Reiseführer ins Hebräische übersetzt und führt jetzt Touristen auf Englisch und Hebräisch durch die Stadt. „Berlin ist wieder ein liberaler, kosmopolitischer Ort, eine wunderbare Stadt für Schriftsteller“, sagt er lächelnd. Ein Revival der deutsch-jüdischen Symbiose? „Nicht als exakte Wiederholung der Geschichte. Aber zusammen mit Communitys wie der türkischen oder vietnamesischen hat auch die jüdische wieder ihren Platz in dieser Kultur.“ Seit acht Jahren ist er jetzt in Deutschland, die ersten drei hat er mit seiner Frau, einer Opernsängerin, in Saarbrücken verbracht, dann sind sie ein zweites Mal migriert, ins pulsierende Berlin.

Seit seiner Migration widmet er sich verstärkt Übersetzungen. „Deutsch zu lernen und schließlich in der Lage zu sein, aus dem Deutschen zu übersetzen, das eröffnet neue Welten.“ Mascha Kaléko etwa ist in Israel weitgehend unbekannt. Er hat Gedichte von ihr übersetzt und veröffentlicht. Aber er kennt auch die Distanz, die Momente, in denen die Geschichte ins Spiel kommt. „Sie ist nicht immer da, ich denke nicht dauernd an den Holocaust, aber wenn es um deutsche Bürokratie und Ordnung geht, vor allem bei älteren Menschen, dann denkt man daran. Unwillkürlich.“ Bei der Frage, ob es Gemeinsamkeiten im Schreiben israelischer SchriftstellerInnen in Berlin gibt, zögert er: „Wir schreiben alle sehr unterschiedlich. Wenn es eine Gemeinsamkeit gibt, dann hat es vermutlich mit dem Holocaust zu tun. Allerdings“, er wiegt seinen Kopf hin und her, „berühre ich selber das Thema kaum in meiner Literatur.“

Maya Kuperman wiederum bietet das Leben in Berlin die Möglichkeit, sich ihrer Geschichte und der ihrer Familie zu stellen. In Israel hätte sie sich nicht träumen lassen, von ihrem Großvater zu schreiben. Erst in Berlin kann sie seiner Geschichte nachspüren, kann Fragen stellen und ist bereit, mit den Antworten umzugehen: „Was habe ich von dir geerbt“, fragt sie in einem Gedicht ihren mittlerweile verstorbenen Großvater: „Abgesehen von diesen zu weichen Fingernägeln / Und einer gebrochenen Sprache?“ Er war aus deutscher Gefangenschaft geflohen, hatte als Partisan in den polnischen Wäldern überlebt und war schließlich nach Kopenhagen immigriert. Die Schriftstellerin hat ihn nie kennengelernt.

Der Winter als Chance

Auch Shemoelof beschäftigt sich seit seinem Umzug mehr mit der Vergangenheit. „Es ist interessant, an dem Ort zu sein, an dem auch das Problem Israels begann. Es gibt so viele Schichten hier. Manchmal berühre ich sie, manchmal versuche ich sie zu ignorieren.“ Aber seine eigene Geschichte ist für ihn, dessen Familie nicht aus Europa stammt, weniger stark an den Holocaust gebunden. Shemoelof liebt es zu graben, auf tiefer liegende Schichten zu stoßen. Besonders der Winter kommt diesem Drang entgegen. Er hasst ihn, den Winter, aber er ist für ihn auch ein Tor. „Der Winter erlaubt mir zurückzugehen in die Kindheit, in die Erinnerungen, in Sphären der Sexualität. In Tel Aviv ging das nicht.“

Berlin fließt in die Literatur der drei SchriftstellerInnen ein. Aber ihre Biografien und ihre Literatur scheinen doch zu disparat, um Spezifika auszumachen. Wenn es was Gemeinsames gibt in ihrem Schreiben, dann wohl die Lust, mit Konzepten von Migration und Heimat zu spielen.

Ob es bald eine deutschsprachige Literatur israelischer SchriftstellerInnen aus Berlin geben wird? Es ist das einzige Mal, das Maya Kuperman nicht in der ihr typischen Klarheit antwortet: „Hebräisch ist meine Heimat, aber vielleicht würde ich sie aufgeben für …“ Dann schüttelt sie den Kopf: „Nein, würde ich nicht. Aber auf Deutsch Gedichte zu schreiben – das wäre eine neue Stufe des Ankommens.“ In ihr perfektes Englisch mischt sich ein deutsches Wort. In ihrem Mund wird es ein anderes, ein besseres: „Maybe“, sagt sie und lächelt: „Maybe you can have different Heimats.“

■  Maya Kuperman, Ronen Altman Kaydar und Mati Shemoelof stellen am Samstag, 18 Uhr, im Garten des Jüdischen Museums, Lindenstr. 9–14, ihr Werk vor – im Rahmen des Kultursommers, der sich dieses Jahr den „Israelis in Berlin“ widmet. Gelesen wird auf Deutsch und Hebräisch. Der Eintritt ist frei