WikiSearch am Ende

Vom Scheitern im Web 2.0

Jimmy Wales wollte nach der Gründung von Wikipedia kommerziell erfolgreich sein - und eine nutzergetriebene Web-Suche etablieren. Die ist nun gescheitert, allem 2.0-Hype zum Trotz.

Hat sein Projekt Wiki Search erst mal auf Eis gelegt: Wikipediagründer Jimmy Wales.  Bild: ap

Am Ende ging alles ganz schnell: Jimmy Wales, weltweit berühmt als einer der Gründer der kostenlosen Internet-Enzyklopädie Wikipedia, ist mit seinem Versuch gescheitert, einen "Google-Killer" durchzusetzen. Das Projekt Wikia Search seiner gleichnamigen kommerziellen Firma wollte den Suchmaschinenriesen überrunden, indem man die Nutzer an der Erstellung der Ergebnisse beteiligte und auch die technische Entwicklung in aller Offenheit durchführte.

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Doch in diesem Klima der wirtschaftlichen Rezession sei ein solches "Langzeitprojekt" nicht zu stemmen, so Wales gegenüber dem IT-Nachrichtendienst "CNET". "Wir mussten alles auf den Prüfstand stellen und tun, was wir tun müssen, um profitabel zu werden." Wikia Search sei "zu weit weg". Es werde mindestens ein oder zwei weitere Jahre dauern, bis die Technik durch die Öffentlichkeit wirklich nutzbar sei. "Das können wir uns derzeit nicht leisten."

Das Angebot erwies sich bislang als erstaunlicher Flop. Wales nannte Nutzerzahlen von nur 10.000 eindeutigen Besuchern im Monat in den letzten sechs Monaten. Die anderen Projekte von Wikia, das kommerzielle Websites im Stil von Wikipedia anbietet, laufen mit 30 Millionen Nutzern im Monat deutlich besser.

Ganz beenden will Wales sein Vorhaben aber trotzdem nicht: "Ich werde zu ihm zurückkehren, sobald die wirtschaftliche Lage besser ist." Er glaube, dass die Web-Suche weiterhin deutlich offener werden müsse. Google und andere operierten im Rahmen einer "Black Box", in die kein Nutzer hineinsehen könne.

Nicht, dass das Mitmachnetz nur aus Fehlschlägen bestehen würde. Wales' Hauptleistung, das Online-Lexikon Wikipedia, feiert einen Nutzerboom nach dem anderen. Microsoft gab in dieser Woche wohl auch deshalb das Ende seiner eigenen, seit 16 Jahren publizierten Multimedia-Enzyklopädie Encarta bekannt, weil kaum jemand mehr bereit war, für eine Software auf CD oder einen kostenpflichtigen Premiumdienst Geld auszugeben. Die Daten stehen auch so bei Wikipedia. "Die Nutzer suchen heute auf völlig anderen Wegen nach Information als in den letzten Jahren", hieß es in einer Abschlusserklärung lapidar.

Trotzdem bekommen Web 2.0-Angebote auch in anderen Bereichen die Krise zu spüren. Selbst Branchenprimus Google, dem Wales nicht nur insgeheim die Schuld für das Scheitern von Wikia Search gibt, hat seinen Gürtel enger geschnallt, kürzlich 200 Mitarbeiter weltweit in den Bereichen Verkauf und Marketing entlassen.

Am Hauptsitz in Mountain View wurden derweil mehrere der berühmten Kantinen, in denen die "Googler" kostenlos mit bester Nahrung verpflegt werden und die als eine der berühmtesten Annehmlichkeiten des bunten Konzerns für seine Mitarbeiter gelten, dicht gemacht. Als Grund wurden notwendige Effizienzsteigerungen angeführt. Auch das Mitbringen von Gästen wurde erschwert.

Facebook, das im Boom ums Mitmachnetz wohl am schärfsten beobachtete Unternehmen  der Welt, dem einst ein Wert von 15 Milliarden Dollar unterstellt wurde (derzeit dürften es eher deutlich unter 5 sein), musste in dieser Woche ebenfalls schlechte Neuigkeiten einräumen: Finanzchef Gideon Yu verlässt das soziale Netzwerk, ein Nachfolger ist noch nicht in Sicht. Insider beeilten sich zu betonen, dass es der Firma gut ginge, sie werde in diesem Jahr wohl einen Jahresumsatz von 400 Millionen Dollar machen.

Das Problem: Jede neue Nutzermillion kostet die Firma bares Geld, muss sie doch ständig ihre Server-Infrastruktur erweitern. Ob sich das durch Werbeeinnahmen ausgleichen lässt, bleibt abzuwarten. Yu soll angeblich mit dem Einwerben von Investitionen aus Dubai und anderen reichen Regionen zunächst gescheitert sein.

Und dann wäre da noch Twitter, der aktuell größte Web 2.0-Hype. Die Nutzerzahlen wachsen stetig, man geht auf die 10 Millionen zu und im US-Nachrichtenfernsehen kommt der Dienst quasi jede halbe Stunde vor. Doch auch hier fehlt ein schlüssiges Geschäftsmodell. Das Unternehmen setzt auf eine alte Internet-Strategie: "Build it - and they will come" - baut es, und die Leute kommen schon. Sind erst einmal genügend Nutzer da, lassen sich diese schon "monetarisieren", sprich: zu Geld machen.

In der Boomphase klappte das noch, weil genügend Risikokapitalinvestoren bereit waren, längerfristig zu planen. In der Krise wird das schwieriger. Immerhin: Twitter gelang es noch im Februar, 35 Millionen Dollar an Finanzmitteln aufzunehmen. Die sollen dem Unternehmen nun helfen, den aufziehenden "nuklearen Winter" im Web zu überstehen. So viel Glück hat beileibe nicht jede Firma im Mitmachnetz.

 
01. 04. 2009
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