ZWISCHEN DEN RILLEN

Sommer der Liebe

Helikon: „Stumme Detektive“ (Traumton/Indigo)

Sie ist eine Wasserratte. Er macht sich nichts aus kühlem Nass. Gelangweilt sitzt Jochen Schmadtke am Strand und guckt Anne Otto beim Baden zu. Irgendwann ist der Überdruss des Wartenden zu einem Song geworden. „Im Meer verschwinden“ heißt er und klingt, gesungen von der seidenweichen Stimme Ottos, mehr nach der Sorge einer Mutter um ihren Sohn: „Du springst da rein / Und ich schau nur hinterher“.

Unscheinbare Situationen wie diese sind es, die das Bandprojekt Helikon, bestehend aus Otto und Schmadtke, beschäftigen. In den elf Songs ihres neuen Albums „Stumme Detektive“ widmet sich das Hamburger Duo ausgiebig dem Selbstverständnis im Alltag. „Ohne Exzesse, aber trotzdem nicht banal,“ erklärt Schmadtke. Die versteckten, poetischen Erkundungen des Alltags eignen sich prima als Thema im Singer-Songwriter-Genre. Das macht es aber nicht einfacher, darüber zu singen. Man kann sich leicht im gehaltlosem Sinnieren über Sein und Zeit verlieren.

Helikon haben keine Angst vor solchen Fallen, auch nicht vor Verträumtheit, vor dem Besingen von Romantik. Unverkrampft wagen sie sich auch in No-go-Areas wie Melancholie oder Sehnsucht. Gerade der fehlende Bezug zum großen Ganzen bewahrt ihre Songs vor der Beliebigkeit von Schnulzen, aber auch vor der Befindlichkeitsfixiertheit von Emobands. Selbst das vom Schlager verfemte Wort „Liebe“ wird von Anne Otto so gesungen, als hätte sie es zum ersten Mal gehört. Und dann auch noch in Verbindung mit dem ebenso vorbelasteten „Sommer“ auf dem gleichnamigen Stück. „Fängt hier das Leben an / Für mich / Und meinen Plan?“ Helikons Sommerhymne am offenen Fenster ist zeitlos. Was den Sound angeht, so dringt aus ihm und den anderen Songs des Albums „Stumme Detektive“ eine ganz und gar unaufdringliche Lockerheit. Freundlich gestimmte Gitarren- und Klaviermelodien begleiten ein leise ruderndes Schlagzeug, und Ottos klare, angerauhte Stimme, von der man gern einmal in den Schlaf gesungen werden würde.

Und da die Fülle der Sounds zu zweit nicht zu bewerkstelligen ist, treffen sich Otto und Schmadtke des Öfteren mit ihrem Bassisten Simon Fröhlich in der Küche, um bei Tee oder Bier Stücke einzuspielen. Wenn die funktionieren, geht es mit dem Gitarristen Marcus Schneider und dem Schlagzeuger Christian Hake in den Proberaum.

Helikon zu hören ist wie eine warme Badewanne an einem kalten Tag

Der zurückgenommene, aber eingängige Bandsound steht „Stumme Detektive“ gut. Erst waren Helikon ganz anders an ihr zweites Album herangegangen. „Dick aufgetragener Pop sollte es werden,“ sagt Anne Otto. „Aber je länger uns die Songs begleiteten, desto stärker haben wir sie reduziert.“ So fanden Helikon zurück zu vorsichtig ausgetüftelten Arrangements mit minimalistischer Begleitung.

„Stumme Detektive“ hört sich an wie ein Weitgereister, der nach Hause zurückgekommen ist, und mit dem, was er anderswo erlebt hat, den Trott abfedert.

Angefangen hat alles Ende der Neunziger. Otto und Schmadtke hatte es einige Jahre zuvor aus unterschiedlichen Richtungen nach Hamburg verschlagen, das damals subkulturelle Anziehungskraft auf musikbegeisterte Menschen ausübte – der Hamburger Schule sei Dank.

1999 fingen sie an, gemeinsam Musik zu machen, coverten Teenage Fanclub und stritten sich über die große Oder-Frage: „Sie Stones, ich Beatles,“ sagt Schmadtke – zum gemeinsamen Nenner wurde dann aber die Band Prefab Sprout. Während eines Portugalaufenthalts kam Otto das Wort „Helikon“ in den Sinn. Es bezeichnet gleichsam ein Blasinstrument und ein griechisches Gebirge. Der Name blieb, das Debütalbum erschien 2001. Und weil gut Ding Weile haben will, ist „Stumme Detektive“ auch erst das zweite Album von Helikon – 13 Jahre nach dem ersten.

In der Zwischenzeit haben Otto und Schmadtke zusammen ein Kind bekommen und sich anderen Projekten gewidmet. Schmadtke fotografiert und schreibt Soundtracks für Filme und Songs für andere Bands, Otto schreibt Drehbücher. Oder die beiden gehen mit ihrem Sohn auf den Rummel, und daraus entsteht dann ein wunderbarer Song. „Karussell“ heißt er und hat weniger Kinderspaß als erwachsene Beziehungen zum Thema: „Schau doch zwischendurch mal her / Durch den Lärm und das Blaulicht / Durch den ganzen Verkehr / Wirkt es seltsam leer.“

Helikon zu hören, das sei wie eine warme Badewanne an einem kalten Tag, begründete die Jury des Chansonfests Berlin, als sie Helikon 2011 den Nachwuchspreis verlieh. Tatsächlich sind auch die Songs auf „Stumme Detektive“ so kurzweilig, dass man unsanft herausgerissen wird, wenn die Gitarre am Ende des letzten Songs verstummt. Nur noch ein paar Minuten im warmen Wasser, okay? CARLA BAUM