DVDESK

Ein Werk der Zuwendung

„Landschaften und Porträts. 1970–1987. 14 Filme“ (Regie: Volker Koepp)

„Nichts als Felder breiten sich zwischen Löwenberg und Gransee aus, Felder und ein paar Koppeln. Wer hält da schon an?“ Blöde Frage: Volker Koepp hält da an. Mitte der Siebziger ist das, Koepp arbeitet in der Abteilung „document“ der Defa, hat mancherlei schon gedreht, unter anderem gerade einen biografischen Essayfilm über den Regisseur Slatan Dudow, er war auch im Jahr zuvor das erste Mal in Wittstock (Dosse), wohin er wieder und wieder zurückkehren wird, zuletzt 2009, weil er sein Herz hängt an die Landschaften, aber wohl mehr noch an die Leute, die er in seinen Filmen porträtiert.

Es sind die Anfänge des großen Dokumentarfilmers Volker Koepp, der noch das eine oder andere ausprobiert, aber spätestens jetzt, 1975, 1976, kann man schon erkennen, wo er zu Hause ist, als Mensch wie als Regisseur: in der Landschaft, im Osten, als einer, der da hinwill und der da anhält, wo sonst keiner anhält und wo viele schon weg sind und die meisten, die blieben, eigentlich lieber gingen. „Die Alten sind die Geschichtenerzähler, die Jungen ziehen davon“ – ein Satz, der in einem der frühen Filme schon auftaucht, in „In Sarmatien“ von 2013 kehrt er wieder. Was auch wiederkehrt: die Gedichte von Johannes Bobrowski, das eine vor allem, dessen erste Strophe „Feuer, / aus Blut die Lockung / der schöne Mensch – und wie Schlaf das Vergangene, / Träume auf Flüssen hinab / Segellos in der Strömung“, zieht sich durch Koepps ganzes Werk.

„Absage“ lautet der Titel dieses Gedichts, aber „Zuwendung“ müsste man das Werk Volker Koepps überschreiben. Zuwendung, also etwa zu Häsen, zwischen Löwenberg und Gransee. „Das weite Feld“ heißt der Film, für den Koepp hier anhält. Ein Mann, den er antrifft, kennenlernt und für sich, uns und die Nachwelt festhält, ist der französischstämmige Louis Fournier, der hier hängen geblieben ist und dessen Kinder hier leben. Einen anderen Mann, den achtzigjährigen Gustav Jurkschat, trifft Koepp in Bad Doberan („Gustav J“., 1973), aber eigentlich kommt Gustav J. aus Litauen, einer Gegend, die bis in die jüngste Gegenwart in den Sehnsuchtsbewegungen von Koepps Filmen eine zentrale Rolle spielen wird.

Mit Ausnahme von „Grüße aus Sarmatien für den Dichter Johannes Bobrowski“ (1973) betreibt der Regisseur in den unter den Überschriften „Landschaften“ und „Porträts“ auf zwei DVDs versammelten, in der DDR entstandenen Filmen noch keine großen Fahrten gen Osten, sondern eine Ethnografie des Inlands und seiner Landschaften: Häsen und Oderbruch, Bad Doberan an der Ostsee, Rheinsberg und Wittstock, weiter südlich auch Bauerbach in Thüringen. Die Handschrift ist aus späteren Filmen vertraut, wenngleich zunächst noch Rolf Hoppe, nicht Koepp selbst, die Gedichtzeilen und Sacherläuterungen des Voiceover spricht. Und es gibt manchmal, etwa im meisterlichen „Am Fluss“ (1979) und dem auch famosen „In Rheinsberg“ (1982), ein wenig mehr Kunstwillen mit teils leicht atonaler Musik, eine Nähe zum viel strengeren Thomas Heise.

Aber dann diese Fragen, zum Beispiel die an den älteren Herrn ganz am Anfang von „An der Unstrut“ (1986): „Wie soll man leben? (Koepp aus dem Off). „Du stellst aber Fragen“, antwortet der Mann und rückt ein wenig nach rechts, dann zwei Schritte nach links, während Koepp (bzw. sein Kameramann Christian Lehmann) weiterfilmt. „Was soll man da sagen“, sagt der Mann, der sich solche Fragen nicht stellt. Es ist keineswegs so, dass Koepp ihn in Verlegenheit bringen oder gar bloßstellen will. Darum geht es ihm nie, und um sozialistische Indoktrination schon gleich gar nicht. Eher sagt dieses Porträt: Dieser Mann steht, wo er steht, richtig. Er lebt, wie er lebt, und es ist schon in Ordnung. Nicht wie sie (und wir) leben sollen, sondern wie sie (und wir) leben: davon handeln Koepps Filme.

EKKEHARD KNÖRER

■ Die Filme sind ab rund 22 Euro im Handel erhältlich. Zeitgleich erscheint auch der Wittstock-Zyklus mit sechs Filmen auf Doppel-DVD