Abschied eines journalistischen Urgesteins

Tom Janssen recherchierte gerne in Kneipen Hintergrundinfos roter und grüner Gesinnungsgenossen, die auf offiziellen Recherchewegen nicht zu erhalten waren. Der Hamburger taz-Redakteur der ersten Stunde wurde nur sechzig Jahre alt

Bier oder Wein – das war für ihn kein Widerspruch. Betrat er ein Lokal, bestellte er beides auf einen Schlag: Das kühle Blonde gegen den Durst, den Pfälzer für den guten Geschmack – so pflegte der Journalist Tom Janssen zu leben. Am 4. Januar ist der Sechzigjährige an Krebs gestorben, diese Woche wurde er beerdigt. Es heißt Abschied nehmen von einem kantigen und unbiegsamen journalistischen Urgestein.

1982 begann Tom Janssen bei der Hamburger taz seine journalistische Karriere. Eingestellt als Kulturredakteur berichtete Jansen bald vornehmlich über die Hamburger Politik. Seine journalistische Kraft verwendete er – der das politische Profil der Hamburger taz in den 80er Jahren mitprägte – immer stärker darauf, eine rot-grüne Koalition herbeizuschreiben.

Sechs Jahre blieb Janssen der taz treu, dann wechselte er zur Kieler Rundschau, gab ein Gastspiel bei der Hamburger Morgenpost, um später für die Wochenzeitung Hamburger Rundschau zu arbeiten, wo er sich weiter um rot-grüne Regierungsperspektiven bemühte.

Während seine Kollegen morgens ihren Dienst antraten, blieb Janssens Platz tagelang leer, gesichtet wurde er nur zu später Stunde beim Rathaus-nahen Spanier „Picasso“, umgeben von trinkfesten Klüngeln realpolitischer GALier und linker Sozis. Kurz vor Produktionsschluss tauchte der Verschollene wieder in den Redaktionsräumen an der Langen Reihe auf, bepackt mit Hintergrundinformationen roter und grüner Gesinnungsgenossen, die auf offiziellen Recherchewegen nicht zu erhalten waren.

Nach dem Bruch mit Rundschau-Herausgeber Jo Müller tauchte er an der Seite einer anderen Müller 1992 wieder im Politikbusiness auf. Die linke SPD-Frau Traute Müller hatte die neu gegründete Stadtentwicklungsbehörde übernommen, Janssen zu ihrem Sprecher erkoren. Als Müller 1993 über frühere Stasi-Kontakte ihres Lebensgefährten Kurt Wand stolperte, endete auch Janssens Sprechertätigkeit in der Behörde. Ihr Nachfolger, der schnieke Technokrat Thomas Mirow, betrat Janssens Büro, musterte ihn kurz und stellte die rhetorische Frage: „Meinen Sie, das passt mit uns?“ Janssen, so hat er es selbst überliefert, schüttelte nur den Kopf – und verließ bald darauf die Behörde.

Janssen und der linkssozialdemokratische Wissenschaftssenator Leo Hajen – das passte besser – und so wurde der schwergewichtige Journalist 1994 Hajens Sprecher. Auch nach Hajens Abgang arbeitete er, inzwischen SPD-Mitglied, noch viele Jahre in der Behörde.