Philosophen an der Trinkhalle

Sie leben antriebslos vor sich hin und „denken mit dem Hintern“: Die Helden der Gegenwartsdramatik sind anstrengend, wie sich nach der Lektüre neuer Stücke herausstellt. Doch gerade ihr Ausharren in der Beschädigung macht die Figuren glaubwürdig

VON KATRIN BETTINA MÜLLER

Für Dramaturgen ist das Alltag: Neue Stücke lesen und sich ein Bild davon machen, wie diese werden könnten auf der Bühne und wie die Themen der Zeit berührt werden. Ich lese mich durch einen kleinen Stapel Manuskripte von Stücken, die demnächst zur Uraufführung anstehen (in Stuttgart, Wilhelmshaven, dem Theater an der Ruhr) oder von Verlagen zur Uraufführung angeboten werden. Dabei bilden sich Gruppen von dramatischen Konstellationen, wiederkehrenden Themen, Milieus und Figuren. Der Held der Zeit zeigt alle Zeichen der Verunsicherung – und wo er Stärke hat, da ist es die, andere hinter sich her zu ziehen in einen Strudel der Auflösung.

Doch ganz unabhängig vom Inhalt und den Möglichkeiten der Vergegenwärtigung auf der Bühne wickeln einen die Texte beim Lesen ein oder sind störrisch und kantig wie ein schwer zu gehender Weg. Es gibt die Stücke, die man weiterliest, weil man wissen will, wie die Geschichte endet in „Der Passagier“ von Ulrike Syha oder in „Steppenglut“ von Tine Rahel Völcker. Es gibt die, deren Sprache einen eigenen Sog entwickelt, obwohl es dauert, bis man ihre Figuren plastisch vor sich sehen und einem sozialen Umfeld zuordnen kann, wie Martin Heckmanns’ „Wörter und Körper“. Und es gibt die, mit deren Figuren es einem schon nach wenigen Sätzen beängstigend eng wird, wie in Wilhelm Genazinos „Der Hausschrat“.

Und von denen, scheint es, gibt es immer mehr. Ausgehen, aus dem Haus gehen, ins Theater gehen: Das wird mit der neuen deutschen Dramatik nicht selten ein Weg ins Kleinteilige und Schwarze unter den Nagelrändern. Weil zudem einige Stücke auch sehr kurz sind, nicht mal eine Stunde – wie viele der zuletzt gesehenen Uraufführungen von Dea Loher, Anja Hilling, Fritz Kater –, verändert der Theaterabend damit seinen Charakter: Er ist nicht mehr die große Zäsur im Fluss des Tages, das weite Zeitfenster, das über einen anderen Rhythmus in die Imagination hineinführt, sondern gleicht mehr und mehr einen kurzen Injektion von Bildern und Wirklichkeiten, die sich mit denen anderer Medien im Kopf mischen.

Doch zurück zum Lesen: Ganz besonders eng wird es einem da in einem Raum mit dem „Hausschrat“ von Wilhelm Genazino. Karl kriegt den Arsch nicht mehr hoch von seinem Sessel vor dem Fernseher. Selbst für seinen Versuch, seine Frau Sophie gegen eine andere, eine zufällige Besucherin, einzutauschen, bewegt er sich keinen Zentimeter. Wenn er auch ohne Zweifel in eine Reihe mit den antriebsarmen und entscheidungsschwachen Männern aus Genazinos Romanen passt, so wirkte doch noch keiner von denen dermaßen ranzig.

„Du denkst mit dem Hintern“, sagt seine Schwester Hilde, die ihn immerhin schon über fünfzig Jahre kennt, ganz passend zu ihm. Man kann sich schon bald nicht mehr vorstellen, dass Karl und Sophie jemals ein anderes Leben hatten als das von Frührentnern. In den verletzend knappen Dialogsätzen schrumpelt der Kosmos der Gefühle auf die Größe jenes langsam vertrocknenden Käsebrotes ein, das wohl schon mehrfach Anlass zum Ehekrach gegeben hat. Die Familie hat hier zwar keine Leichen im Keller, so dramatisch wird es nicht, aber Koffer voller ungewaschener Unterhosen auf dem Schrank, und das hat eine ganz eigene Tragik.

In Genazinos Dialogen schrumpelt der Kosmos der Gefühle auf die Größe eines Käsebrotes ein

Das Unterlaufen jeder ästhetischen Geste, die zu einem bigger than life ansetzt oder gar zur Sinnstiftung zwischen den Zufallsbröckchen eines Lebens, die Genazino in seinen Romanen so großartig und witzig gelingt, wird im „Hausschrat“ zu einem quälenden Bohren in allerkleinsten Gedankengängen.

Ebenso unbarmherzig in seiner Monothematik und noch einen ganzen Zacken trauriger und gemeiner ist die Sprache der Dialoge im „Heimspiel“ des jungen Autors Ulf Schmidt. Entscheidend im Setting ist eine Batterie von leeren Flaschen, über deren Entsorgung „er“ und „sie“ erbittert streiten. „Halt doch den Mund / Du riechst nach Verwesung / wenn du den Mund aufmachst / schwappt Scheiße heraus“. Doch trotz der Gehässigkeit der hin und her geschleuderten Sätze beginnt man unter den Beschimpfungen die emotionalen Abhängigkeiten zu spüren. Es wird nie ausgesprochen, aber ihr Aufeinanderhacken wird trotzdem plastisch als Effekt eines Herausgefallenseins aus allen anderen Bindungen. „Er“ wendet das in eine Aggression gegen die Sprache selbst und weigert sich, lesen zu lernen. Schrift ist für ihn schon eindeutig identifiziert als das Instrument derer, die dich weghaben wollen. Es ist das erste Stück von Ulf Schmidt und wird im April in Karlsruhe auf den deutsch-französischen Autorentheatertagen vorgestellt.

Nichts Richtiges zu tun zu haben und keinen Anhaltspunkt für die eigene Identität, das ist ein gemeinsamer Nenner der Protagonisten in den neuen Stücken von Tine Rahel Völcker, Ulrike Syha und Martin Heckmanns. Aribert, der in Völckers „Steppenglut“ aus seiner Wohnung und aus der Stadt floh, als das Telefon gekündigt wurde, und der die Steckdosen zukleben musste, um nicht die Finger hineinzustecken, preist am Abend jeden Tag, den er wieder überlebt hat. Er ist auf dem Land und fast bei einem Freund untergekommen, dessen Lust an der Arbeit – ein Dichter – Aribert aber nicht ertragen kann. Er will „keine Hilfe, sondern ein anderes Leben“, selbst wenn er dafür andere aus ihrem herausdrängen muss.

Line, in Heckmanns’ „Wörter und Körper“, fliegt schon in der ersten Szene aus ihrer Wohnung. Sie ist ohne Job und ohne Geld, aber nicht ohne Fantasie. Sie begreift sich selbst nicht als Verliererin, sondern als eine notwendige Störung des Systems, ein Katalysator, der die anderen, in ihren Rollen befangenen, die Wahrheit sehen lässt. Sie ist, darin gleicht sie Aribert, eine Zumutung und eine Klette. Sie bringt Ehen auseinander, bedrängt Verkäuferinnen, beschimpft die Kunden einer Werbeagentur, drängt sich auf, wo sie stört, und entzieht sich, wo man sie will. In ihrer Spur drehen sich die anderen einmal um sich selbst, verlieren etwas von ihrer Überheblichkeit und Selbstgewissheit und merken: Das Leben könnte noch so viel mehr sein als das bisschen, an dem sie festhalten.

Martin Heckmanns’ „Wörter und Körper“ ist sein 9. Stück und wieder der Poesie sehr nah. Bilder formen sich, die sich nicht halten lassen. Wörter und Körper sind da, aber ihr Zusammenhalt ist flüchtig. So wie die erste Sätze: „Die Geschichte begann mit einer Bewegung. Jemand war sich nicht sicher, ob er etwas verloren hatte. Er war sich nur sicher, dass ihm etwas fehlte.“

Prekäre Verhältnisse und die Möglichkeit des sozialen Absturzes sind in vielen der neu geschriebenen Dramen zwar prägend, aber dennoch sind die Geschichten keine Arbeitslosendramen. Sie knüpfen die Fäden anders. Sie wollen nicht die Eindimensionalität des Klassendramas; sie zielen nicht auf die Politik, sondern erzählen von deren Verwüstungen im Individuum. Heckmanns, Völcker und Ulrike Syha mischen die Milieus, pendeln zwischen den Obdachlosen und den Kreativen – Schriftsteller, Fotografen, Werber. Aber man merkt ihnen die Anstrengung auch an, das ständige Kreuzen zwischen oben und unten erfordert erzähltechnischen Aufwand. In der Konstruktion der Geschichten bleibt ein Wollen spürbar, ein symbolischer Akt, mehr als ein Milieu zu umfassen.

Bei Heckmanns steht dafür neben Line gleich eine ganze Gruppe von Figuren, Philosophen von der Trinkhalle und dem Bahnhofsvorplatz: der Alte, der Passant, der Bisweilen Stumme und der Gelegentlich Verfolgte. „Diese Werbetafeln auch. Erst herrschen sie mich an, dass ich telefonieren soll oder sofort ein Kaltgetränk einzunehmen habe oder directamente in ein Einkaufscenter fahren müsse bis zum 31. 1. allerspätestens – wer das nicht schafft, ist auf den Kopf gefallen –, aber wenn ich genauer nachfrage, stehen sie da, als wäre nichts gewesen“, sagt der Gelegentlich Verfolgte in einer seiner Sprachkaskaden. Es ist nur eine kleine Verschiebung in der Deutung der Zeichen, die dieses Quartett aus der Normalität katapultiert hat. Und doch liefern sie von dieser Position aus genau jene Beschreibungen eines gesellschaftlichen Klimas, die die Realitätsnähe des Stücks verbürgt.

Kein Happyend, aber doch ein versöhnlicher Schluss. „Ich kaufe ganz sicher keine Obdachlosenzeitung, ab morgen verticke ich wahrscheinlich selbst welche“, sagt Theo in Ulrike Syhas „Der Passagier“, dem spannendsten Stück unter den Vorgestellten. Theo ist der Unauffälligste unter den Außenseitern. Seine zersetzende Arbeit an den Wurzeln des Selbstverständnisses der anderen kommt nur ganz allmählich ans Licht. So nimmt das Stück immer wieder unerwartete Wendungen, es geht um eine Liebe, einen Fotografen im Nahen Osten, um Geldeintreiber, Drogendeals, einen Botschaftsskandal möglicherweise. Am Ende hat der Stein, den Theo ins Rollen gebracht hat, viel zerschlagen, eine Ehe, zwei Karrieren und vor allem die Bilder, die sich Theos Freunde von sich selbst gemacht haben. Trotzdem suhlt sich das Stück nicht in der Destruktion, sondern gesteht den Figuren eben auch ihre Hilfskonstruktionen über den eben noch sichtbaren Abgründen zu.

Der neue Held ist und bleibt eine Zumutung, der mit seiner Bedürftigkeit und seinen Wünschen zum Querschläger in seiner Umwelt wird. Politik ist seine Sache nicht – er verlangt, was das System ihm verweigert, vom Nächsten. Das macht Karl, Line und Aribert so anstrengend – aber auch so glaubwürdig.

Wilhelm Genazino: „Der Hausschrat“. UA am Theater an der Ruhr im März, Regie: Roberto CiulliUlf Schmidt: „Heimspiel“. UA offenUlrike Syha: „Der Passagier“. UA Schauspiel Stuttgart, 9. Februar, Regie: Enrico Lübbe Martin Heckmanns: „Wörter und Körper“. UA Schauspiel Stuttgart, 10. Februar, Regie: Hasko WeberTine Rahel Völcker: „Steppenglut“. UA Landesbühne Niedersachsen Nord in Wilhelmshaven, 20. Januar