Das Drama zwischen den Bildern

PIXELANALYSE Was ist überhaupt eine Fotografie? Im Photomuseum Braunschweig geben Adrian Sauer und Timm Rautert Antworten

Eine kauzige Idee wäre es, würde man die millionenfach im Internet hochgeladenen Fotografien mit einer Lupe in der Hand in den Blick nehmen. So schnell wie diese Bilder mit Digicam oder Smartphone geschossen worden sind, ebenso schnell ziehen sie an uns vorüber, um zu verschwinden. Dass dies einmal ganz anders war, zeigt ein Blick zurück in jene Zeit, als das gerade entwickelte fotografische Verfahren sein erstes neugieriges Publikum fand. Einer der legendären Fotopioniere, der Pariser Theaterunternehmer Louis Jacques Mandé Daguerre, reichte bei öffentlichen Präsentationen seiner Daguerreotypien Vergrößerungsgläser herum, um das Staunen über die Detailtreue dieser Bilder noch weiter anzuheizen.

1839 war das Geburtsjahr eines Mythos, auf den sich seither ebenso hartnäckig wie fragwürdig eine weit verbreitete Vorstellung von Fotografie stützt: Als ein Spiegel der Wirklichkeit gebe sie wieder, was einmal tatsächlich so gewesen sei. Heute, mehr als 170 Jahre später, ist es angebracht, an diese Gründungsgeschichten eines längst alltäglich gewordenen Bildmediums zu erinnern, um ermessen zu können, welch bedeutende Ausstellung gegenwärtig im Museum für Photographie in Braunschweig zu sehen ist. Zwei künstlerische Positionen hat Florian Ebner, der Leiter und Kurator des Hauses, auf luzide Weise miteinander konfrontiert. Beide stellen exakt die selbe Frage – jedoch aus vollkommen unterschiedlichen Perspektiven: Was ist überhaupt eine Fotografie?

Den jüngeren Versuch, auf diese Frage zu reagieren, unternimmt der Leipziger Fotograf Adrian Sauer. Und er greift hierbei zur denkbar ausführlichsten Antwort: Ganz genau 16.777.216 einzelne Farbpixel hat Sauer auf einer mehrere Meter breiten Tafel ohne jede erkennbare Ordnung zusammengerückt. Es entsteht ein Feld, das unentschieden zwischen violett und grau schimmert und das man angesichts seiner Nüchternheit, wenn nicht gar Leere nur mit Zögern ein Bild nennen möchte. Doch kommt es hier auf die Exaktheit der Zahl an. Lässt sich doch mit dem gängigen 8-Bit-RBG-Verfahren gerade diese Masse von verschiedenen Farben generieren – keine einzige mehr, aber auch keine weniger. Sauer zeigt all diese Farben auf seiner Fotografie jeweils ein einziges Mal. Streng wörtlich verstanden handelt es sich bei diesem Bild also, nach dem gegenwärtigen Stand der Technik, um den sichtbar gewordenen Inbegriff der vollständigen digitalen Farbfotografie.

Bei Sauer geht es um den sichtbar gewordenen Inbegriff der vollständigen digitalen Farbfotografie

Doch ist Sauers Arbeit weit mehr als ein bloß in das technisch Machbare vernarrter Gestus. Es handelt sich um eine Aussage von grundsätzlicher Art: Am Grund der digitalen Fotografie findet sich ein zwar riesenhaftes, mehr als 16 Millionen einzelne Farbwerte umfassendes Alphabet; aber dennoch ist es ein endlicher, mathematisch bestimmbarer Satz von Zeichen. Und gerade hierin ist der wesentliche Unterschied ausgesprochen, der diese, wie Sauer es gewitzt nennt, „Bilder aus Berechnung“ von der inzwischen beinahe ganz außer Kurs gelangten Vorgängerin, der analogen Fotografie, trennt.

Diese genauer zu bestimmen unternimmt die zweite, vierzig Jahre ältere Antwort der Ausstellung. Zwischen 1968 und 1974 arbeitete der Essener Fotograf Timm Rautert an einem Meilenstein konzeptueller Kunst, seinen fortgesetzten Experimenten zur „Bildanalytischen Fotografie“. Und es ist eine ebenso seltene wie fantastische Gelegenheit, eine größere Auswahl dieser Bild gewordenen Versuchsanordnungen in Braunschweig sehen zu können.

Rauterts kritisches Interesse richtete sich seinerzeit insbesondere auf die landläufig erhobene Behauptung von der Wirklichkeitstreue des Fotografischen. Und nicht selten sind es in diesen fotografischen Zergliederungen die Kommentare, die der Fotograf selbst neben seine Bilder stellt, um das, was man dort zu sehen glaubt, ganz beiläufig zu unterwandern.

So rückt Rautert etwa zwei beinahe identische Ansicht der Niagarafälle zusammen. Einmal ist an deren tosendem Abgrund ein Passagierboot zu sehen, beim zweiten Mal hingegen nicht. Wenn Rautert lakonisch daneben notiert: „Am 12. 9. 74 starben 67 Menschen“, dann nimmt zwischen diesen beiden Fotografien ein veritables Todesdrama seinen Lauf. Und doch verdankt es sich einzig unserem eigenen Blick, der einfach mehr sehen will, als es auf diesen lapidaren Bildern überhaupt zu sehen gibt.

Fotografische Wirklichkeit muss, mit allem was daraus folgt, auf dem Adjektiv betont werden. Sieht man auf frühere Arbeiten Adrian Sauers, die in Braunschweig zu einer eigenen wunderbaren Werkschau zusammen gestellt sind, so wird deutlich, was hiermit gemeint ist: Alle diese Bilder sind dazu gemacht, unseren Blick auf hintersinnige Weise zu verführen und hierbei den Glauben an eine ins Bild getretene Wirklichkeit grundlegend zu irritieren. Und vor allem sind sie eine Aufforderung, bei Betrachtung der Fotografie doch noch einmal die Lupe in die Hand zu nehmen.