MARTIN UNFRIED über ÖKOSEX

Wissen ist Machtnix

In Deutschland grassiert der VW-Touran-Habenwollen-Virus. Der Van-Wahn ist ein Schlag ins Gesicht der Klimaschützer

Oh Gott, oh Gott, oh Gott, ist das nicht schlimm mit dem Klimawandel? Alarmierender Stern-Report! Schrecklicher Al-Gore-Film! Das stimuliert die Klimaschutz-Liebe im deutschen Journalismus. Plötzlich haben viele eine ganz neue, heiße Story entdeckt: Pinguine und Zeh Oh Zwei! Und jetzt noch dieser warme Winter! Nun sind die Journalisten zurück aus dem schneefreien Allgäu in ihren Redaktionen und verfassen – immer noch emotional erschüttert – einen Klimaschocker-Bericht nach dem anderen. Und flehen: „Angela Merkel, geh raus in die Welt und rette das Klima!“ Prima – finden wir bei Ökosex.

Unterdessen nimmt auf der linken Spur der Autobahn die Touran-Dichte zu. Der Touran ist ein beliebter Familienwahn von Volkswagen. Ich bewundere VW: Wie die in der Werkstatt bisherige Passat- und Golffahrer mit dem Touran-Habenwollen-Virus infizieren, ist schon klasse! Ich vermute, das wird oral verabreicht, im Gratis-Kaffee. Anders ist der Touran-Wahn kaum zu erklären. Auf der A 61 aus den Niederlanden Richtung Baden-Württemberg rasten 3.324 Tourane mit Skibag und gefühlten 167 km/h an mir vorbei. Darin sicher viele klimaschutzbesorgte Journalisten mit ihren Familien, deren Auto auf der Fahrt zum schneelosen Wintersport weit mehr als die von VW zugegebenen 167 g/km CO2 (als TDI) emittieren. Zum Vergleich: Ein 3-Liter-Auto stößt 80 g/km aus.

Je dringlicher die Klimarhetorik wird, desto heiterer erscheint die gesellschaftliche Unfähigkeit, Produkte der Klimaschande zu erkennen. Der Touran ist ja kein böser Offroader. Er wird zum Mainstreamauto für Leute mit Kindern und etwas Geld, die ja nicht die Dümmsten sind. Und doch ist der Touran – jetzt mal ehrlich, Touranfahrer! – ein Schlag ins Gesicht und der Dolch in den Rücken von Angela Merkel, die versucht, auf EU- und G-8-Gipfeln unser Klima zu retten.

Selbstredend wisst ihr, sofern ihr nicht Zeit-Herausgeber seid, dass 8–10 Liter Dieselverbrauch nicht dem Kant’schen klimapolitischen Imperativ entsprechen.

Wissen ist aber in Klimafragen nicht Macht, sondern Machtnix. Wenn die Touran-Gefühle stärker sind. Gegen positive Produktaufladungen sind auch wohlmeinende Fidschi-Untergangsgeschichten machtlos. Letzte Eilmeldung aus dem Bekanntenkreis: Eddy, intelligent und informiert, hat sich soeben einen 234 g/km emittierenden Mercedes Viano gekauft – wegen der Zwillinge! Ich gratuliere Mercedes zu diesem schönen Verkaufserfolg und gebe die bittere Niederlage unumwunden zu. Meine engagierte Ökosex-Beratung ist leider kläglich gescheitert. Ökosex wird selbstkritisch analysieren, was in Sachen Touran/Viano zu tun ist. Jetzt Neues vom Stromwechsel.

Das Konzept der privaten Atomausstiegsparty funktioniert großartig! Und zwar habe ich festgestellt, dass man die Party ja gar nicht selbst organisieren muss. Party hijacking ist viel einfacher. Ich war letzte Woche bei einem größeren Fest eingeladen und habe einfach 50 Faltblätter dabei gehabt. Die hatte ich bei www.atomausstieg-selber-machen.de runtergeladen. Ach, war das schön, alte Freunde mal wieder zu sehen! Da kommt es gut, wenn man gleich im ersten Satz fragt: „Ach übrigens, Annette, welcher Strom kommt eigentlich zu Hause aus deiner Steckdose?“ Waren das intime Gespräche! Und alle waren so freundlich zu mir! Ja, das mit dem grünen Strom, das hätten sie sich ja auch schon mal überlegt. Das sei ja eine ganz tolle Sache. Ich hatte einige heitere motivierende Sprüche vorbereitet: „Atomstrom zu Hause, das ist doch, als ginge der Vegetarier jeden Tag zum Metzger!“, „Die Oma meiner Kinder hat schon seit Jahren Ökostrom!“, oder „Und wenn die Russen uns das Öl abstellen, dann bist du fein raus mit dem Ökostrom!“ Fazit: Von 50 Partybesuchern, die teilweise dem (früheren) links-alternativen Milieu zuzurechnen waren, hatten ungefähr fünf zu Hause bereits grünen Strom. 40 haben den Flyer mitgenommen und wollen es sich überlegen. Fünf haben mir geschworen, sie wechseln – aber „echt“! Morgen ruf ich die zur Kontrolle mal an. Das ist das Schöne als Nervensäge: Man bleibt in Verbindung mit den Leuten!

Fragen zum 3-Liter-Auto? kolumne@taz.de Montag: David Denk ist GONZO i.V.