Ende der Durststrecke

BERLINALE Katrin Schlösser stammt aus der DDR und produziert heute Filme wie Ulrich Köhlers „Schlafkrankheit“ mit, der im Wettbewerb der kommenden Berliner Filmfestspiele gezeigt wird

Seit 1987 wohnt Katrin Schlösser in ihrer Wohnung in der Lychener Straße in Prenzlauer Berg. Als sie hier einzog, lagen das Haus, die Straße, der Bezirk noch in Berlin, Hauptstadt der DDR. Das war der Staat, in dem sie aufwuchs und lebte. Die Mauer fiel, Schlösser blieb. Wände wurden niedergerissen, die kleine Wohnung, in der sie wohnte, wurde in den Neunzigern mit der großen nebenan zusammengelegt, das Außenklo wanderte nach innen, sie zog um in die neue Wohnung, die nun auch ihre alte inkorporierte. An der Decke erkennt man in der Küche das Neue noch neben dem Alten, hier schmucklos, da Stuck. Unter veränderten Umständen, im anderen Staat, nein, nicht dieselbe zu bleiben, aber doch dem, was war, und der, die man ist, treu zu bleiben: man könnte sagen, dass es Katrin Schlösser genau darum geht.

„Auf einmal im Westen zu leben, das hat mir erst Angst gemacht. Ich glaube schon, dass ich mir mit der Gründung von ö-Film gleich nach der Wende ein vertrautes Umfeld in der plötzlichen Fremde geschaffen habe.“ Mit besonderer Liebe zur DDR hatte das erschreckend wenig zu tun. Aufgewachsen war sie im weltoffenen Theatermilieu, ihre Mutter arbeitete am Berliner Ensemble, die Theater- und Opernregisseurin Ruth Berghaus war eine Freundin der Familie. Eigentlich wollte Katrin Schlösser Tänzerin werden. Sie hätte sich an der Palucca Hochschule in Dresden bewerben können, der Schritt in die fremde Stadt schien ihr damals aber zu groß. In Potsdam-Babelsberg hat sie stattdessen Film- und Fernsehwirtschaft studiert. Ihre Diplomarbeit schrieb sie 1986 über den Dokumentarfilmer Volker Koepp, dessen Werk sie bis heute verehrt.

Die Atmosphäre an der Filmhochschule hat sie als – in gewissen Grenzen, versteht sich – offen und frei in Erinnerung. Danach aber musste sie zwei Jahre Dienst schieben fürs DDR-Fernsehen, die Lage im Land war desolat, ihre Chefs waren unerträglich, nur zeigen durfte man das nicht. „Ich habe furchtbar gelitten“, sagt sie, „und trotzdem die Zähne zusammengebissen.“

Das meint sie durchaus selbstkritisch. Andere haben hingeworfen, protestiert, Widerstand geleistet. Ihrem Temperament entsprach das nicht. Ihre Stärke ist nicht der große Ab- oder Auftritt, eher der lange Atem. Da muss man nur auf die inzwischen mehr als zwanzig Jahre ö-Film-Geschichte blicken. Mit einem Bekannten, Frank Löprich, gründet sie 1990 die Filmproduktionsfirma, die beide bis heute gemeinsam betreiben. Löprich ist vor allem für die Geschäftsführung zuständig, Schlösser für die künstlerische Arbeit.

„Wir waren so ahnungslos“, erinnert sich Schlösser. „Hätten wir gewusst, worauf wir uns da einlassen – wie hätten es niemals gewagt.“ Die vertrauten DDR-Strukturen wurden abgewickelt, doch ö-Film konnte sich dennoch im vereinigten Deutschland behaupten. Und zwar nicht mit Anflügen von Ostalgie, sondern mit entschiedener ästhetischer Avanciertheit. Zu den ersten Produktionen gehören Fernsehprojekte von Volker Koepp, der als einer der wenigen wichtigen DDR-Regisseure auch im Westen Fuß fassen kann. Aufsehen erregt 1992 „Stau“, Thomas Heises provozierend neutral beobachtender Film über junge Rechtsextremisten in Halle.

Es folgt ein Auf und Ab, „Sonnenallee“ wird ein großer Erfolg. Und fürs Durchhalten und den Glauben an die eigenen Konzepte gibt es jetzt eine verdiente und schöne Bestätigung: Ulrich Köhlers von ö-Film koproduziertes neues Werk „Schlafkrankheit“ läuft im Wettbewerb der kommenden Berlinale.

Köhler ist ein Regisseur, an dessen Qualitäten Schlösser glaubt, schon seinen Vorgängerfilm „Montag kommen die Fenster“ hat sie produziert. Auch Köhler sagt über seine Koproduzentin: „Bei ihr kommen Eigenschaften zusammen, die man in der Branche sonst selten findet. Sie hat eine starke Meinung, sie spricht und agiert ohne strategische Hintergedanken.“ Und was ihm besonders wichtig ist: Schlösser lasse dem Filmemacher seine „künstlerische Freiheit“.

Angesprochen auf den Erfolg, den die Wettbewerbsteilnahme bedeutet, sagt Schlösser: „Doch, ich bin stolz“– und zögert. „Stolz“ ist ein Wort, das sie sichtlich nicht ohne Weiteres in den Mund nimmt. Überhaupt muss man sagen: Wenn man sich unter einem Filmproduzenten einen Zampano vorstellt, der machohaft anpackt und mit Vorliebe große Töne spuckt, dann wird einem bei der Begegnung mit Katrin Schlösser sehr schnell klar: Das geht auch ganz anders.

Anders sehen darum auch die Filme aus, die sie produziert. Kein pompöser Mainstream, stattdessen eigenwillige Autorenfilme, bei deren Herstellung sich Katrin Schlösser als Beraterin und Ermöglicherin versteht. „Klein“ sind diese Filme nur für den, der keinen anderen Maßstab als hineingesteckte Gelder und Zuschauerzahlen kennt. Weil das viele sind, weil im deutschen Filmbetrieb so weithin der Biedersinn regiert, ist es schwierig genug, ästhetisch reflektiert gemachte und genau beobachtende Filme durchzusetzen.

Und das Ergebnis lohnt alle Mühen. Es gibt keine wichtigeren und faszinierenderen Filme über die innere Lage des Ostens der Republik als eben Thomas Heises von ö-Film produzierte „Stau“-Trilogie. Genauso beeindruckend ist Elke Haucks Porträt eines Stahlarbeiters namens „Karger“ von 2007, ein der Realität der Stadt Riesa und ihrer Bewohner abgelauschtes Meisterwerk.

„Ich habe lange gebraucht“, sagt Katrin Schlösser, „bis ich wirklich das Gefühl hatte: Ich bin angekommen in diesem Land.“ An Anerkennung immerhin fehlt es nach so mancher Durststrecke nicht mehr. Inzwischen gehört sie selbst zu denen, die Gelder vergeben und Weichen stellen. Die Kunsthochschule für Medien in Köln berief sie auf eine Professur. Als Bereicherung erlebt sie die Arbeit mit den Studierenden, gerade weil man im Kunstumfeld nicht ganz so stark auf das Berufsfeld „Filmregisseur“ fixiert ist. „In dem Studiengang ist sehr vieles möglich, da wird manches lustvoll gewagt und probiert. Schockiert bin ich dann eher, wenn es zum Kontakt mit der Fernsehwirklichkeit kommt. Mit meinen Studierenden wollte ich einmal ein experimentierfreudiges Konzept für das öffentlich-rechtliche Vorabendprogramm entwerfen. Als ich das dem Redakteur vorstellte, sah er mich an, als käme ich von einem anderen Stern.“

Fremdheitserfahrungen macht Katrin Schlösser auch sonst immer wieder. Auf die Frage, ob es in dem ganzen Betrieb nicht nach wie vor mehr männliche Selbstdarsteller gibt, als ihm gut tut, bekommt man ein emphatisches „Natürlich!“ zur Antwort. „Es gibt Situationen, da halte ich das nicht mehr aus. Es ist schon vorgekommen, dass ich aus Besprechungen einfach wortlos rausgegangen bin.“ Schon deshalb sucht sie sich genau aus, mit wem sie zusammenarbeitet und auf welche Projekte sie sich einlässt. Mit der Professur ist das einfacher geworden. Seit ein paar Jahren beschränken sie und Frank Löprich die Arbeit von ö-Film auf Koproduktionen. „Ich fühle mich heute sehr viel unabhängiger. Das ist eine große Erleichterung. Und es macht es grundsätzlich einfacher, auf der eigenen Position zu beharren.“

Gelegenheit dazu hat sie mittlerweile reichlich. Man kann nicht darum herumreden: Als einstiges Mitglied im Auswahlkomitee des Berlinale-Wettbewerbs, als Mitglied der Filmakademie, mit ihrem Sitz in den Fördergremien der millionenschweren Filmförderanstalt hatte und hat sie selbst längst eine Menge Macht im Betrieb. „Früher“, sagt sie, „habe ich diesen Begriff ‚Macht‘ für mich abgelehnt. Heute sage ich: Ja, ich nehme diese Macht an, aber doch immer nur, um für das zu kämpfen und zu argumentieren, wovon ich überzeugt bin. An Widerständen fehlt es ohnehin nicht.“ Oft genug stoße man einfach an eine Wand. Dann tritt Macht nur in Gestalt von Machtworten auf. Oder es ruft keiner „Zurück!“.

Argumente gehen ohne Echo ins Leere. „Gelegentlich“, sagt sie, „denke ich schon: Ich bin da hoffnungslos naiv.“ Dass „Naivität“ das falsche Wort ist, weiß sie vermutlich. Eher ist es so, dass sie sich von großen Tönen und Summen, von angeblichen Sachzwängen, von Angebern und Rechthabern und Feiglingen jeder Couleur einfach nicht beeindrucken lässt. Und ihr Erfolg in einem Umfeld, in dem es oft genug anders läuft, zeigt: Es geht auch so.