Tendenz zu ephemeren Materialien

AUSSTELLUNG Eine sehenswerte Gruppenschau im Georg-Kolbe-Museum beleuchtet Vergänglichkeit als Thema der zeitgenössischen Skulptur. Da fault vieles und schimmelt. Anderes wiederum ermuntert zum Lebensgenuss

VON JULIA GWENDOLYN SCHNEIDER

Im Garten, zwischen Kiefern und Rhododendren, scheint eine Obstschale ausgeschüttet worden zu sein: Mangos, Zitronen, Äpfel, Birnen, Melonen schweben über der grünen Wiese. Die verlockenden Früchte stecken zwischen keilförmig zulaufenden Glaswänden fest. Mit der Zeit allerdings wird die Pracht schlicht zu Fallobst, das vor sich hin fault. Reijiro Wadas Arbeit bildet den Auftakt zu der sehenswerten Gruppenschau im Georg-Kolbe-Museum, die Werke von 15 internationalen Künstlern zeigt, die sich mit Endlichkeit beschäftigen. „Vanitas – Ewig ist eh nichts“ lautet ihr Titel.

Durch die Atelierfenster lockt eine mobileartige Formation von Luca Trevisani: Paradiesvogelblumen, Lilien und Callas schweben kopfüber im Raum. Wie bei Wada geht es um die poetische Inszenierung des Verfalls. Einige Blütenköpfe sind bereits welk, andere stecken in Eisquadern, aber unaufhörliches Tropfen weist auf ihr Ende hin. Die Arbeit ist nach dem Psychologieprofessor James Hiram Bedford benannt, der sich 1967 einfrieren ließ mit dem Wunsch nach späterer Wiederbelebung, was bis heute unmöglich ist.

Vanitas, lateinisch für „Nichtigkeit, eitler Schein“, ist im westlichen Kunstkanon seit dem Mittelalter ein Thema. In den Stillleben des Barock hat das Motiv seine deutlichste Ausprägung gefunden

Vanitas, lateinisch für „Nichtigkeit, eitler Schein“, ist im westlichen Kunstkanon seit dem Mittelalter ein Thema; in den Stillleben des Barock hat das Motiv seine deutlichste Ausprägung gefunden. Totenköpfe, welke Blumen, erloschene Kerzen oder erlegte Jagdtiere verweisen auf die Vergänglichkeit alles Irdischen. Das soll zur Mäßigung anhalten und zum christlichen Glauben hinführen.

In Anlehnung an diese bildprägende Tradition hat James Hopkins ein aktualisiertes Vanitas-Stillleben kreiert. Das Repertoire seiner Skulptur speist sich zwar aus Vanitas-Symbolen, statt aber den moralischen Zeigefinger zu bemühen, ermuntert sie eher zu Lebensgenuss. Von Weitem gesehen, bilden sorgsam platzierte Gegenstände den Umriss eines Totenschädels, mit einer Wanduhr und Discokugel als Augenhöhlen und einem lächelnden Bierflaschengebiss.

Auch Daniel Spoerris berühmte Fallenbilder der 1960er Jahre – in die Vertikale gekippte Tischplatten, die Überreste einer Mahlzeit konservieren – verweisen auf Vanitas-Motive, allerdings mit sehr profanem Touch. Wirkt die hinter Plexiglas geschützte unappetitliche Montage heute fast antiquiert, sollte sie damals den erhabenen Status der bildenden Kunst sprengen. Dieter Roth, ein Freund und Zeitgenosse Spoerris, inszenierte einen ähnlichen Protest. Er presste aus Karnickelmist die Plastik eines Hasen und platzierte sie auf einem weißen Sockel. Damit durchkreuzte er die Vorstellung vom Hasenmotiv als Symbol christlicher Heilserwartungen; so sehen es die Kuratorinnen.

Während Roth das Wandelbare zum Bestandteil seiner Werke machte, allen voran seiner bekannten Schimmelbilder, bewahrt Kei Takemura versehrte Alltagsgegenstände wie Kostbarkeiten auf. Sie kittet die Bruchstellen mittels einer alten japanischen Kulturtechnik mit Lack und Goldpapier, umhüllt die Objekte mit feinem Gazetuch und stickt ihre Wunden mit edlem Seidenfaden nach. Früher, erzählt die Künstlerin, habe man kaputten Gegenständen in Japan viel Respekt entgegengebracht und sie weiterhin benutzt. Indem Takemura das Geflickte als das Besondere herausstellt, lädt sie zum Nachdenken über die Wegwerfgesellschaft ein.

Das wohl empfindlichste Werk ist Tomás Saracenos Spinnwebenskulptur, ein Work in Progress, bei dem die konstruktive Fragilität die Faszination ausmacht. Die Tendenz zum Gebrauch ephemerer Materialien in der zeitgenössischen Skulptur ist in der Schau unübersehbar, dennoch steht das gewählte Thema auch in unmittelbarem Bezug zu Georg Kolbes bronzenem Bildhauerwerk. Der Künstler, dessen Werk das Museum gewidmet ist, ließ seine „Einsiedlerklause“ nach dem tragischen Tod seiner Frau errichten, um ihrem Grab auf dem Friedhof Heerstraße besonders nah zu sein. Hier steht nun eine von Pawel Althamers morbiden Totenplastiken – bestehend aus einem skelettartigen Körper und einem Gesicht, das wie eine Totenmaske vom Gesicht eines allerdings lebenden Menschen abgenommen wurde – neben Kolbes trauernder „Pietà“ (1928), einer in sich gekehrten, kauernden Frauengestalt.

Das Thema Vanitas begleitete Kolbe fast seine halbes Leben, blieb doch das Bild seiner Frau auch nach ihrem Tod in seinem Schaffen weiterhin von zentraler Bedeutung.

■ Bis 31. August, Georg-Kolbe- Museum, Sensburger Allee 25, Di.–So. 10–18 Uhr