Eins mit dem Leben

UNTERSCHÄTZTE FORM Es gibt in Deutschland kaum gute Kolumnisten. Andrea Paluch ist eine Ausnahme

Die unterschätzteste und vernachlässigste journalistische Form in Deutschland ist die Kolumne.

Im Gegensatz zu den angelsächsischen Ländern hat man in vielen Redaktionen immer noch nicht erkannt, welche Kraft und welches Potenzial in ihr steckt. Das hat zur Folge, dass häufig unklar ist, was eine Kolumne eigentlich ist und sein soll. Daher gibt es zwar eine Reihe von Kolumnen, aber nur wenige wirklich gute und gut genutzte, die durch ihre Qualität und Positionierung bei den Lesern identitär mit der entsprechenden Zeitung verknüpft sind.

Unausgesprochen geht es um die eine große Frage, um die man sich im Alltag drückt: Wie können, wie wollen wir jetzt leben?

Dabei ist es kein Hexenwerk: Harald Martenstein und die Zeit haben gezeigt, wie es geht – und deshalb wird über diese Kolumne vermutlich in den anderen Redaktionen auch besonders abschätzig gemosert. Im Regelfall leiden die Kolumnisten unter mindestens einem der folgenden Probleme: Sie können nicht erzählen. Sie haben nichts zu erzählen. Sie erzählen von sich, ohne das Identitäre mit einer höheren, einer gesellschaftlichen oder aktuellen Ebene verknüpfen zu können. Sie dozieren aus dem Off. Im schlechtesten und leider noch nicht strafrechtlich zu belangenden Fall erzählt der Kolumnist, dass er Kolumnist ist und gerade eine Kolumne schreibt. Ich selbst hatte mal eine Kolumne, bei der mir die gutwilligsten Leser immer sagten, sie wüssten wieder gar nicht, worum es da eigentlich gegangen sei. So geht es selbstverständlich auch nicht.

Und jetzt sind da Andrea Paluch und ihre drei Jahre laufende Kolumne in der Wochenendbeilage des Schleswig-Holsteinischen Zeitungsverlages. Eine Auswahl ist unter dem Titel „Nichts ist alltäglich“ als Buch erschienen. Paluch, Jahrgang 1970, berichtet darin von ihrem Leben zwischen Erwerbs- und Familienarbeit. Sie ist Schriftstellerin und hat vier Söhne, lässt aber weder das eine noch das andere raushängen. „Das Gefühl der Fremdheit zwischen mir und meinem Leben ist verschwunden“, das ist ein programmatischer Satz. Sie ist erwachsen in einem nicht unangenehmen Sinn, konzentriert auf den Tag und die Sekunde. Nicht im individualistischen, eskapistischen Sinn des späten 20. Jahrhunderts, sondern sie ist komplett da, lebendig, sozial, „eins mit dem Leben um einen herum“.

Unausgesprochen geht es immer um die eine große Frage, um die man sich im Alltag drückt, obwohl oder weil sie dieser Alltag ist: Wie können, wie wollen wir jetzt leben – Frau, Mann, Kinder, Gesellschaft, Weltgesellschaft? Es sind die Themen des 21. Jahrhunderts, die hier verhandelt werden, ohne dass es explizit gemacht würde: Pragmatismus als Idealismus. Das Private nicht als Rückzug, sondern als Basis für Engagement. Die Familie nicht als Einengung oder Kampfzone, sondern als – na ja – Freiheit. Das Ich ist hundertprozentig weiblich und überwindet dennoch die alte Gender-Dichotomie des klassischen Feminismus, ohne deshalb die Alphamädchenpose zu bemühen. Weshalb die Kolumne auch von Männern nicht nur als „sie“, sondern gleichzeitig als „ich“ gelesen werden kann. Das allein ist grandios.

Dass Paluchs Mann der grüne Spitzenpolitiker und Vordenker Robert Habeck ist, kommt nur am Rande vor. Behutsam und pointiert erzählt, kann man erfahren, dass auch der Philosoph der modernen Familie („Verwirrte Väter“) zwar bei der Konzeption einer neuen Welt jederzeit größtmögliche Fantasie an den Tag legt, nicht aber beim Kochen des Abendessens für die Kinder.

Obwohl Andrea Paluchs Kolumnen selbstverständlich durchkomponiert sind, strahlen sie eine Echtheit aus, die nie profan ist, sondern stets in der Balance zwischen dem Leben und dem Höheren. Das ist zurzeit in Deutschland noch eine seltene Qualität. PETER UNFRIED

■ Andrea Paluch: „Nichts ist alltäglich“. Kolumnen. Ellert & Richter Verlag, Hamburg 2010, 192 Seiten, 8,95 Euro