Ich spüre Sie nicht, mein Führer

Vielleicht kein feiner Humor, aber ein heilsamer: Der Berliner Rabbiner Walter Rothschild über Dani Levys Hitler-Film, der nächste Woche startet

Kommende Woche läuft Dani Levys Hitler-Film „Mein Führer“ an – Hauptdarsteller: Helge Schneider. Der in Berlin lebende Brite Walter Rothschild, Landesrabbiner von Schleswig-Holstein, hat ihn sich für die taz angeschaut.

Humor ist Geschmackssache. Ich will lieber geschmacklos als humorlos sein. So schaut man sich „Die wirklich wahrste Wahrheit über Adolf Hitler“ an und spürt: Humor. Bitteren, sardonischen Humor. In Trümmern, aus Zerstörung, Versagen und Niederlage heraus – regt sich ein pompöser Führer hervor, der seine Pompösität verloren hat.

Eigentlich gibt es nichts Neues unter die Sonne. Jeder, der die Geschichte von Jael und Sisera kennt, aus Richter, Kapitel 4, kennt das Bild von einem starken Führer, der schwach wird, der ohnmächtig wird, der dürstet, der schläft – der ein ganz normaler Mensch ist. Der deswegen sterben kann. Kurz nachdem der zweite Nebukadnezar als ein normaler Sterblicher in Bagdad aufgehängt worden ist und 62 Jahre nach der dargestellten Zeit haben wir Gelegenheit, Hitler als ganz normalen, schwachen Menschen zu sehen – in schlechter Laune, im Bad, weinend, verzweifelt, tief von einer unglücklichen Kindheit geprägt, ein Mann, der bereit ist, auf dem Boden zu knien, wo er von seinem Hund Blondie bestiegen wird … obwohl er selber, als er mit der verzweifelten Eva Braun versucht, etwas zu schaffen, eigentlich ein impotenter Potentat ist. „Ich spüre Sie nicht, mein Führer.“ Welch Liebesbotschaft! Was für ein charismatischer Weltherrscher!

Eine Komödie ist es nicht, im normalen Sinn – mehr tragikomisch, weil wir wissen: Fast alle, die hier erscheinen, werden innerhalb von sechs Monaten tot sein. Nichts ist, wie es scheint – die Kulissen stehen vor dem ausgebombten Berlin, die hohen Herrschaften beschäftigen sich kleinbürgerlich mit Titeln und Machtkämpfen, die eifrigen Untertanen fallen über sich selber her, mit wiederholten Hitlergrüßen, Rangkämpfen und endloser Bürokratie. Ohne ein „Formular 512 /IV“ kann sich nichts bewegen, auch mitten im Krieg nicht. Es braucht 136 Stempel, um einen Gefangenen aus Sachsenhausen zu bringen. Es ist ein Gefangener, der sich immer noch als „Professor“ betiteln lässt, der auf seine Würde besteht. Dem es sogar gelingt, Hitler beizubringen, das Schlagen hilfloser Kinder sei „charakterlos“ …

Der Held des Films ist eigentlich Goebbels, der es schafft, alle zu betrügen: seinen Führer, seine Kollegen, seine Frau, seine Statisten und seine Untertanen, sein Volk. Alles ist von ihm „inszenierte Realität“. Der jüdische Professor tut, was er kann, um seine Familie, seine Freunde, seine Mitgefangenen zu retten, muss aber am Ende dem deutschen Volk eine bittere Botschaft bringen: „Heil dich selbst.“

Als Engländer kenne ich die Werke von Spike Milligan, der es auch schon vor Jahrzehnten geschafft hat, Hitler als kleinen Mann lächerlich zu machen. Vielleicht kann Deutschland sich nur heilen, wenn Deutsche wirklich über diesen Mann lachen können, als Verführer statt Führer. Es wird kein feiner Humor sein – aber doch heilsam.

Dani Levys Film ist superb. Kulissen, Location, Kamera, Inszenierung, Licht, Ton, die feinen Details – alles wunderbar. Und der Inhalt. Man lacht, und man denkt, und man weint. Weil die wahrste Wahrheit immer scherzhaft und schmerzhaft sein muss.