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Das Weltwissen quer durch die Jahrhunderte – eine Enzyklopädie über Enzyklopädien

Das Wissen selbst verändere sich nur wenig, weiß dieses Buch über die Enzyklopädien der frühen Neuzeit. Trotz neuer Informationstechnologien und Internet. Es sind die Lebensbedingen, die sich änderten und damit die Wege, mit denen Wissen transportiert wird. Tatsächlich fällt beim Aufschlagen des Buches der erste Blick zufällig auf einen Mann, der seine eigene Haut in der Hand hält. Sogleich denkt man an Gunther Liebchen, diesen Mann, der aussieht wie ein missglückter Beuys-Klon und der durch eine Heirat den feinen Namen von Hagens erhielt.

Gerade sichert er der Stadt Guben wertvolle Arbeitsplätze, indem er Leichen in dünne Scheiben schneidet oder zu Skulpturengruppen formiert. Auch der Plastinator will Wissen vermitteln. Die Objekte, mit denen er das tut, ähneln denen aus Rudolf Virchows Kabinett der Abnormitäten, den Stücken der pathologisch-anatomischen Sammlung in der Berliner Charité, nur eben, dass sie nicht im Glas mit Formaldehyd liegen, sondern trocken in 3-D, als Skulptur frei im Raum schweben, versehen mit Kunstanspruch: In Ulrich Schneiders Werk „Seine Welt wissen“ präsentiert nun ein Muskelmann seine Haut, die er sich offensichtlich gerade vom Körper getrennt hat – im Jahr 1559, eine Radierung aus Valverdes Enzyklopädie der menschlichen Anatomie.

Nun wissen wir also endlich vom langen Weg des Hautträgers in eine Welt der modernen medialen Freakshow namens Körperwelten, wo er aus rätselhaften Gründen mit Topfpalmen zusammentrifft. Eine Enzyklopädie übernommener oder transformierter Ideen wäre übrigens auch eine aufregende Unternehmung, aber wer hätte schon Lust, eine Enzyklopädie der geklauten Ideen oder gar ein Lexikon der Opportunisten zu verfassen? Außerdem geschieht in den hier im Buch vorgestellten Sammlungen das Sortieren gesammelten Wissens eher in Kapiteln, nach systematischen Konzepten oder gern nach alphabetischer Ordnung, nicht aber nach persönlicher Beurteilung oder Wertung. Es geht um objektive Wahrheiten. Oder um die Summe subjektiver Gewissheiten, die zusammen dann so etwas wie Objektivität ergeben.

Enzyklopädien nennen sich selbst übrigens am liebsten „Bibliotheken“ oder älter „historia“ und „Theatrum“, begrifflich portionierte und alphabetisch sortierte Enzyklopädien nennen sich Dictionarum, Lexikon und Wörterbuch. Ulrich Johannes Schneiders Buch ist nun eine Enzyklopädie über Enzyklopädien, zumeist aus dem 16. bis 18. Jahrhundert; es ist üppig und anregend bebildert und beschreibt die Sujets so klar, dass statt einer Rezension eine kleine Abschweifung als neu zu etablierende Kategorie gestattet sein sollte.

Zu beschauen sind hier bekannte Standardwerke wie auch seltene, unbekanntere. So zeigt sie ein Sammelwerk über Deutschlands Poetinnen von 1715, es umfasste 111 Schriftstellerinnen. Mit diesem wollte der Leipziger Bibliothekar Lehms seinerzeit beweisen, „daß das Weibliche Geschlecht so geschickt zum Studieren sei, als das Männliche“. Dass das Christentum, die Ketzerei wie auch der Papst selbst menschliche Erfindungen seien, wusste dagegen der englische Diplomat und Humanist Polydorus Vergilius bereits sehr früh in „von den erfyndern der dyngen“. Der Bestseller wurde erstmals 1499 gedruckt und bis ins 18. Jahrhundert immer wieder neu aufgelegt. Wissen hat selbst über große Zeiträume folglich nur begrenzte Wirkung. Immer wieder bezaubernd anzusehen sind natürlich die Kräuterbücher, deren einzelne, herausgerissene Seiten oft gerahmt im Antiquitätenhandel verhökert werden. Freundlich gegliedert lädt die Welt der Pflanzen ein, der Tiere, darunter auch entzückende Fabeltiere. Zurückgeblättert im reich illustrierten Buch taucht Zedlers Lexikon auf, das am liebsten alles vereinen möchte, was es so alles gibt. Zu viel, der Kopf schwirrt. WOLFGANG MÜLLER

Ulrich Johannes Schneider (Hg.): „Seine Welt wissen“. Primus Verlag, Darmstadt 2006, 240 Seiten, 29,90 Euro