Weniger Obdachlose, mehr Straßenkids

9.000 Kinder haben ihren Lebensmittelpunkt auf der Straße. „Terre des hommes“ befürchtet, dass die Zahl steigt – gerade in großen Städten. Das Kinderhilfswerk nutzt Erfahrungen aus der Dritten Welt, um Kontakt zu Straßenkindern hier zu bekommen

Wenn der weiße Van auf dem Alexanderplatz vorfährt, gibt es eine warme Mahlzeit. Dann drängeln sich die Straßenkinder ums Essen. Im Berliner Bezirk Mitte ist der Transporter der Initiative „Drugstop“ oft auch die einzige Chance auf medizinische Hilfe. Viele von ihnen schlafen noch zu Hause, andere haben gar kein Dach mehr über dem Kopf. „Die Straße ist ihr Lebensmittelpunkt“, sagt André Vick, der das Streetwork-Projekt „Drugstop“ leitet. Das Projekt soll Kinder und Jugendliche von 12 bis 27 Jahren aus dem Sumpf von Obdachlosigkeit, Drogen und Gewalt befreien. „Die Zahl der Straßenkinder nimmt zu“, sagt Vick.

Nach Schätzungen des Bundesfamilienministeriums aus dem Jahr 1998 leben in Deutschland 7.000 Kinder auf der Straße. „In den letzten zehn Jahren ist die Zahl der Straßenkinder aber deutlich gewachsen, speziell in größeren Städten wie Hamburg und Berlin“, warnt Wolf-Christian Ramm, Sprecher von „terre des hommes“. Die Organisation hat in einer Hochrechnung ermittelt, dass es rund 9.000 Straßenkinder in Deutschland gibt.

Das Hilfswerk, das gestern seinen 40. Geburtstag feierte, kämpft gegen Kinderarmut, hauptsächlich in Entwicklungsländern. „Aber wenn die Dritte Welt zu uns kommt, ist ein verstärktes Engagement in Deutschland nicht auszuschließen“, so Ramm, der zunehmend Parallelen zur Dritten Welt beobachtet. „Die Schere zwischen Arm und Reich wird größer.“ Und der Staat habe nur wenig Geld, um die Kinderarmut aufzufangen.

Die Entwicklung der Obdachlosigkeit unter Kindern ist deshalb besonders bemerkenswert, weil die allgemeine Zahl der Wohnungslosen seit Jahren sinkt. Seit 1995 hat sich ihre Zahl um zwei Drittel reduziert. Die „Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe“ schätzt, dass 2004 noch rund 340.000 Menschen kein Zuhause hatten. Entgegen dieser erfreulichen Entwicklung steigt jedoch die Zahl junger Obdachlosen zwischen 18 und 25 Jahren. „Das ist die einzige wachsende Gruppe“, warnt Werena Rosenke, stellvertretende Geschäftsführerin der Wohnungslosenhilfe. „Hartz IV wird das Problem weiter verschärfen“, meint Rosenke.

„Terre des hommes“ will die Erfahrungen, die bei der Arbeit mit Straßenkindern der Dritten Welt gesammelt wurden, für die deutsche Sozialarbeit nutzen. „Wir haben in Städten wie Bombay gelernt, wie wir uns Kindern nähern müssen“, sagt Terres-Sprecher Ramm. Wichtig sei, die Straßenkinder ernst zu nehmen und auf ihre Bedürfnisse einzugehen. „Wir müssen sie behutsam betreuen“, meint Ramm. Ein Patentrezept gebe es jedoch nicht. „Es ist schädlich, einheitliche Lösungen aufzustülpen.“

Mit individueller Betreuung versucht auch die Berliner „Drugstop“-Initiative den Straßenkindern zu begegnen. „Wir versuchen, sie aus der Szene zu lösen und ihnen Perspektiven aufzuzeigen“, so Sozialpädagoge Vick. Vor allem in den Sommermonaten ist das aber keine leichte Aufgabe – Misserfolge und Enttäuschungen gehören zum Alltag in der Sozialarbeit.

Nur 60 von 500 angesprochenen Berliner Straßenkindern lassen sich überhaupt von den Streetworkern betreuen. „Das Leben auf der Straße bietet ihnen eine scheinbar faszinierende Freiheit“, meint der Sozialpädagoge. „Die meisten obdachlosen Kids sind mit familiärer Gewalt aufgewachsen.“