YOUNGHI PAGH-PAAN, KOMPONISTIN DER FREMDE

Die Ernsthafte

■ 65, Komponistin. Geboren in Chungju (Korea), seit 1994 Professorin an der HFK Bremen, wo sie das Atelier Neue Musik gründete.

Merkwürdig: In Gelächter ausbrechen – das bedeutet Paan auf Deutsch. Heute erhält Younghi Pagh-Paan zur Emeritierung die Bremer Senatsmedaille. Aber auch dabei wird dieses Rätsel nicht gelöst: Warum sich die Komponistin Younghi Pagh-Paan 1971 ausgerechnet diesen Namen zugelegt hat, als ihr ein Stipendium half, der südkoreanischen Militärdiktatur zu entkommen. In Seoul fertig ausgebildet zog sie damals nach Freiburg, um bei Klaus Huber weiter zu studieren, der ihr Lebensgefährte ist.

An ihrer Musik jedenfalls ist nichts zum Lachen. Deren Schönheit liegt in Schmerz und in der Trauer. Sie reflektiert bäuerliche koreanische Klänge, Rhythmen und Spieltechniken mit europäischen Komponierweisen und Instrumenten – ohne sie kitschig zu verschmelzen, wie in so genannter „Weltmusik“. Sie bleiben einander fremd, ja vielleicht ist das Fremde genau das, was sie kompositorisch am meisten interessiert. Heitere Momente hingegen? Allenfalls, wenn man bewusst gewisse Spielanweisungen missversteht: So soll der Solo-Schlagzeuger in „Ta-Ryong IV – Die Kehrseite der Postmoderne“ in eine Trillerpfeife atmen und schließlich das „mit einer Hand voll Erbsen“ gefüllte Bongo „wie einen Kochtopf unentschlossen kreisen lassen“. Witzig? Von wegen. Was man hört, also der Klang der beatmeten Pfeife, erinnert an Todesröcheln. Und durch ein Zitat: „Brot ist Himmel“, gibt der letzte Takt des Stücks einen deutlichen Hinweis. „Der Begriff ‚Postmoderne‘ konnte nur in den Köpfen einer satten Minderheit ausgedacht werden“, so Pagh-Paan. Bedingung der Sattheit ist der Hunger der Mehrheit.

Auch das Komponieren ist ihr keine heitere Arbeit: Dass sie neben dem Schreibtisch kniend Noten schreibt kann als Geste der Demut gedeutet werden. Den Studierenden an der Bremer Hochschule für Künste (HFK) – Professorin ist sie dort seit 1994 – offenbarte sie die Ängste, die sie plagen, wenn sie ein neues Werk in Angriff nimmt. Schmal ist ihr Oeuvre deshalb. Doch von großer Bedeutung.