Schlachtfeld

Zwo-drei-null, bei Kalefeld mit Gebrüll

Durch neue Münzfunde lässt sich die Schlacht auf dem Harzhorn zwischen Römern und Germanen nun genauer datieren als bisher. Gekämpft wurde irgendwann zwischen 230 und 235.

Keine Chance für Raubgräber: Archäologen haben das Schlachtfeld mit Metalldetektoren abgesucht.  Bild: DPA

Als die römischen Heere vor rund 2.000 Jahren durch das heutige Deutschland zogen, transportierten Wagen die meisten Habseligkeiten der Legionäre. Das galt nicht für den mageren Sold, den sie für ihre Waffendienste erhielten - ihr Geld trugen die Männer auf den Märschen und auf dem Schlachtfeld mit sich herum. "Kamen sie ums Leben, sind die Münzen oft ins Gelände gefallen", sagte gestern der Frankfurter Münzexperte Frank Beyer.

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Acht solcher Münzen haben Archäologen auf dem kürzlich entdeckten römisch-germanischen Schlachtfeld bei Kalefeld im Kreis Northeim schon gefunden. Alle Geldstücke stammen Beyer zufolge aus dem dritten Jahrhundert. Zwei neu zutage geförderte Denare - der Sold für etwa eine Woche - wurden zur Regierungszeit des römischen Kaisers Severus Alexander zwischen 222 und 226 geprägt. Mit diesem Wissen können die damaligen Kampfhandlungen zeitlich nun genauer als bislang eingeordnet werden. Weil zwischen Prägung und Umlauf der Münzen meist einige Jahre lägen, lasse sich die Schlacht wohl auf den Zeitraum zwischen 230 und 235 datieren, sagte Beyer.

Als die Entdeckung des Schlachtfeldes auf dem Höhenzug Harzhorn im Dezember bekannt gemacht wurde, galt das als archäologische Sensation. Bis dahin waren Historiker davon ausgegangen, dass sich die Römer nach ihrer verheerenden Niederlage in der Varusschlacht im Jahre 9 nach Christus hinter den Limes zurückgezogen und keine großen militärischen Expeditionen ins heutige Norddeutschland mehr unternommen hatten. Neue Funde bestätigten, dass die Geschichte zwar nicht neu geschrieben, aber doch wesentlich ergänzt werden müsse, sagte am Freitag der Niedersächsische Landesarchäologe Henning Haßmann.

Beim Absuchen des Waldbodens und einer ersten Probegrabung seien nun weitere Waffenteile wie Katapultspitzen, Reste von Wagenrädern und Ausrüstungsgegenstände gefunden worden, berichtete der Berliner Archäologie-Professor Michael Meyer. Erstmals ließen sich gefundene Waffen auch eindeutig germanischen Kämpfern zuschreiben. Überreste eines Holzkohleklumpens und von Schweineknochen deuteten auf eine Kochstelle hin.

Durch die Funde und ihre Zuordnung konnten die Wissenschaftler inzwischen auch die Abfolge der damaligen Geschehnisse zumindest in Grundzügen rekonstruieren. "Es gab wohl drei Phasen", sagte Meyer. Zunächst hätten die Germanen auf dem Harzhorn gerastet und einen Hinterhalt vorbereitet, dann seien sie von den aus dem Norden anrückenden Römern beschossen worden. Schließlich hätten diese den Hügel gestürmt und erobert. An dem Angriff könnten 1.000 römische Soldaten beteiligt gewesen sein, sagte Meyer. "Das ist aber nur eine erste Schätzung." Auf Seiten der Römer kämpften vermutlich auch syrische Bogenschützen - sie verwendeten damals dreiflügelige Pfeilspitzen, die ebenfalls in dem Wald bei Kalefeld gefunden wurden.

Die Archäologen konnten inzwischen einzelne Kampfszenen wie den Einschlag von Pfeilsalven oder Infanterieangriffe nachvollziehen. "Kein anderes antikes Schlachtfeld, das Archäologen bisher entdecken konnten, hat so eindrucksvoll ungestörte Hinterlassenschaften erbitterter Kämpfe geliefert", sagt die Northeimer Kreisarchäologin Petra Lönne.

Im Sommer sollen groß angelegte Grabungen auf dem Gelände anlaufen. Dass Raubgräber dem Vorhaben in die Quere kommen könnten, glaubt Lönne nicht. Mit Metalldetektoren sei die Oberfläche des Areals bereits großflächig abgesucht worden. Zudem kontrolliere die Polizei regelmäßig die Zufahrten. "Die Beamten haben die Autonummern von allen Berechtigten", sagte Lönne.

Dazwischen funken könnten die Eigentümer der Grabungsflächen. "Unsere Bereitschaft zur Zusammenarbeit kann nicht grenzenlos sein", sagte gestern der Sprecher der Grundbesitzer, Philip Freiherr von Oldershausen. Der Besucheransturm habe dazu geführt, "dass von einem idyllischen Waldgebiet keine Rede mehr sein kann". Jagd, Forst- und Landwirtschaft könnten kaum noch betrieben werden. "Es muss eine politische Entscheidung her, wie es mit den Grabungen weitergeht."

 
17. 04. 2009

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