EINE EUROPAREISE ALS ANTIEUROPÄISCHE MOBILISIERUNG

Erdogan sucht seine Türken

Knapp überm Boulevard

ISOLDE CHARIM

Der türkische Premierminister reist nun also durch Europa – in Köln und Wien war er bereits, Lyon und Paris werden folgen. Recep Tayyip Erdogan führt einen europäischen Wahlkampf der eigenen Art. Man konnte ja in letzter Zeit zwei Formen von transnationalen Wahlkämpfen beobachten. Da waren zum einen die Europawahlen. Worum es Juncker, Schulz und Ska Keller, worum es dem Europaparlament mit seinen Spitzenkandidaten ging, war die Überwindung einer Sammlung von nationalen Voten. Es war der Versuch, die Wähler (auch) als Europäer und nicht (nur) als Deutsche oder Österreicher aufzurufen. Erdogan hingegen hat nicht nur ein anderes Programm, sein transnationaler Wahlkampf hat sogar das gegenteilige Ziel: Ihm geht es nicht um die Überwindung, sondern um die Stärkung der Nation.

Transnationale Wahlkämpfe sind ein neues Phänomen. In Zeiten der Globalisierung muss sich auch die Nation von einer ihrer zentralen Kategorien lösen: vom Territorium. Die Nation selbst bekommt ein migrantisches Element. In den Diasporagruppen der Auswanderer lebt die Nation von ihrem Territorium getrennt weiter. Hier entsteht eine nicht räumliche Vorstellung der Nation. Denn in der Diaspora lebt man gewissermaßen in einem territorialen Schwebezustand: zwischen dem Hier und dem Herkunftsland. Was dabei entsteht, hat Benedict Anderson als long distance nationalism bezeichnet– eine Art Verankerung in der Ferne.

Wenn nun Erdogan „seine“ Türken quer durch Europa sucht, dann ist das mehr als eine Wählersuche. Er betreibt damit eine „diasporische Mobilisierung“ (Rainer Bauböck). Er macht den hier Lebenden klar, dass sie eine Diaspora sind und deren Definition liefert er gleich mit: Für ihn ist die türkische Diaspora nichts anderes als ein Außenposten der Türkei. So werden die Migranten in seinen Reden nur als Türken angerufen, nicht aber auch als Österreicher oder Deutsche. Und genau deshalb sind seine Auftritte mehr als nur Wahlveranstaltungen. Sie sind zugleich auch Rituale: Rituale der Retürkisierung, Rituale der emotionalen Rückbindung ans „Mutterland“. Diasporische Mobilisierung heißt dann Mobilisierung der Loyalität zur Türkei. Und Loyalität zur Türkei setzt Erdogan mit Loyalität zu ihm gleich. Deshalb fallen Retürkisierung und Wählersuche dabei in eins.

Und wenn Erdogan und seine Anhänger vor Ort immer wieder erklären, er sei gegen Assimilierung, aber er befürworte die Integration – sei es doch Erdogan selbst, der den hier Lebenden rate, Deutsch zu lernen –, dann muss man dem ein dreifaches Nein entgegensetzen. Nein, es ist keine Integration, wenn der türkische Premier den Leuten in der Diaspora sagt, wie sie sich hier zu benehmen haben (nämlich als gute Gäste). Nein, es ist keine Integration, wenn er sie nur als Türken adressiert und eben nicht als Österreicher oder Deutsche, die sie auch längst sind. Und nein, es ist keine Integration, wenn er sie deshalb nur als Gruppe anspricht, nicht aber als Individuen. Anderswo ankommen kann man bis zu einem gewissen Grad nur als Einzelner.

Eine geistige Heimholung

Dies ist kein Plädoyer für Assimilation und Anpassung. Weit davon entfernt. Aber es ist ein Plädoyer gegen diese Art der diasporischen Mobilisierung. „Man kann stolz auf seine Wurzeln und sein neues Leben sein. Österreicher türkischer Herkunft sind keine Fremdkörper, sie sind Österreicher.“ Das hat der österreichische Außenminister Erdogan ausgerichtet. Auch wenn es mir nicht ganz leicht fällt: Ich muss ihm zustimmen. Es braucht ein eindeutiges Statement gegen dieses Vorgehen. Gleichzeitig aber darf diese Eindeutigkeit nicht aus dem Ressentiment kommen.

Ja, es ist an der Zeit, die Nation vom Territorium zu lösen. Es ist an der Zeit, vielfache Arten der Zugehörigkeit, multiple Loyalitäten zu denken. Aber nicht so. Nicht wenn Erdogan den Transnationalismus zur geistigen Heimholung „seiner“ Türken macht. Als solche Heimholung ist Erdogans diasporische Mobilisierung das genaue Gegenteil einer europäischen Mobilisierung – eine antieuropäische Mobilisierung.

■ Isolde Charim ist freie Publizistin und lebt in Wien