Angst am Dovenfleet

VON TOM SCHIMMECK

„Da trat hervor ein Zweiter,

der hatte in seiner Hand einen blitzenden Spiegel,

den hielt er zwischen Aufgang und Niedergang und sprach:

Dieser Spiegel ist Wahrheit; Heuchelei und Larven bestehen nicht –

Da erschrak ich und alles Volk, denn wir sahen Schlangen- und Tiger- und Leopardengesichter zurückgeworfen aus dem entsetzlichen Spiegel.“

(Friedrich Schiller: Die Räuber)

Noch einmal diesen Fahrstuhl nehmen. Edelstahl, schmucklos. Auf die 11 drücken – der höchstmögliche Ausstieg in diesem grauen Turm. Die Tür gleitet auf. Tastend den Gang hinunter. Ins Licht der Kommandobrücke. Frauen im Sekretariat, Herren in den Chefzimmern. So zäh fließt die Zeit. Das Führungstrio ist komplett an Bord.

Vize Joachim „Jockel“ Preuß flegelt wie immer grinsend hinter seinem Schreibtisch, hüllt seinen Schmerz in winterdicke Schichten von Sarkasmus. Vize Martin Doerry, stets akkurat, kommt zum Anstandsgruß aus seiner Kammer gestelzt. Wir waren mal Kumpels in sehr grauer Vorzeit, in einem Klüngel, der sich „Club der hungrigen Herzen“ nannte und unten in der Kantine von einem besseren Spiegel träumte. Der Hunger ist allen längst vergangen, manchem hat es sogar der Appetit verdorben.

Eigentlich doch ganz nett hier. Es gibt Kaffee. Als Ex-Insasse darf man sogar Witze reißen. Der Chef ist noch beschäftigt. Nun geht die Tür auf. Zwei Interviewer raus, einer rein, auf der Couch zurechtruckeln, Fragezettelchen hervorholen, Bandgerät an. Jedes Wort muss hinterher vorgelegt werden. Führungskräfte handhaben das heute so.

Er steht in der Mitte des Raumes, sortiert sich sekundenschnell. Alles Routine, Herr Aust? Er verneint. „Eigentlich ist es ständig ziemlich aufregend.“ Der Hanseat Aust, unpompös, nüchtern, effizient. Der Mund lächelt schmal, smile on the rocks.

Seit zwölf Jahren blickt er durch diese breiten Fensterfronten gen Südwesten, auf die Stadt, den Sandtorhafen, auf die Kräne und die Elbe. Jeden Tag justiert Kapitän Aust den Kurs nach, ordnet die ganze wirre Welt, entscheidet, welche Stückchen der großen Wirklichkeit „ins Blatt gehievt“ werden, wie man in diesem Hause sagt. Ja, das findet er „spannend“.

Seemannsgarn? Wer weiß? Man bekommt die Antworten, die man erfragt. Was treibe ich hier eigentlich? Warum werde ich überhaupt empfangen? Als ich vor Jahren anfragte, mutmaßte Aust schon am Telefon, ich hätte wohl einen „Schlachtauftrag“. Kein Termin. Er war auf der Hut. Schließlich hatten sie in den unteren Stockwerken seines Hauses nicht gerade auf den Tischen getanzt, als er hier oben einzog. Da hält man besser die Flanken dicht.

Heute ist solche Vorsicht überflüssig. Dem „Kleinen König“, wie sie ihn hier ehrfürchtig nennen, kann keiner mehr was. Sein Vertrag geht bis Ende 2008, mit einer Option für weitere zwei Jahre. Die Lage des Spiegel sei „stabil, mit einer steigenden Tendenz“, sagt er. Nicht ohne darauf zu verweisen, dass der Laden, als er anfing, „ein bisschen in der Krise“ war – bedroht vom neuen Focus, diesem bunten Bayern-Spiegel, und vom Internet. Doch 1998 habe der Spiegel den Stern überholt. Focus wie Stern würden heute verlieren, während der Spiegel sich „gut behauptet“, spricht Aust. Und verrät auch gleich gern sein Rezept: „Back to the roots!“ „Wir sind heute viel authentischer, nutzen viel mehr Originalquellen, gehen sehr viel mehr an Originalschauplätze.“

Sein Selbstbild steht, die Aust-Story ist rund. Jetzt kann jeder kommen, hören, staunen. Hinter dem Schreibtisch hängt riesig die Auflagenstatistik, viele kleine Titelbildchen tanzen an einer Kurve auf und ab. Da sieht er gleich, was Top war und was Flop. Ob die Mischung stimmt, zwischen hart und weich, nah und fern, Medizin, Religion, Skandal und Sex. „Die Angst, dass die Auflage schlecht läuft, ist jede Woche da“, erklärt der Chefredakteur. „Aber wir sind im Augenblick auf sichererem Terrain. Im Augenblick.“ Will sagen: Nur Treibsand da draußen. Doch seid ohne Furcht. Aust weiß den Weg.

***

Der Spiegel bleibt ein einzigartiges Medium, das dickste Ding in Deutschland. Gewiss, die Bild-Zeitung hat mehr Auflage, das Fernsehen mehr Publikum. Der Spiegel aber entwickelt die größte Wucht, trillert mit der Pfeife des Schiedsrichters, liefert gern finale Urteile über diesen, jenes und alles. Er wird noch immer gefürchtet. Zwar hört man rundum öfter: „Den lese ich kaum mehr“ und „Das brauche ich nicht mehr“. Viele schütteln den Kopf ob der politischen Irrungen und Wirrungen des Blattes. Doch selbst bei Ex-Lesern schwingt oft ein Erstaunen darüber mit, dass sie sich gelöst haben von der Droge namens Spiegel.

Ich gestehe: Auch ich war ein Junkie. Schon als Knabe verschlang ich das Blatt. Nicht so sehr, weil der Spiegel besonders klug, analytisch und weitblickend war. Mehr wegen seiner Grundhaltung. Der Spiegel entzauberte die Wichtigtuer, er war die freche Antimacht, die das allzu zwielichtige, dreiste und bigotte Personal im Land bloßstellte. Wenn Deutschland Montag morgens erwachte, lag da ein Magazin, das Parteichefs, Manager und Bischöfe zum Stammeln brachte. Wer log oder sich die Taschen vollmachte, wurde verlässlich abgewatscht. In besten Zeiten war der Spiegel der wöchentliche Einlauf fürs stinkende Gedärm der Republik. Ein Akt der Hygiene. Und insofern tatsächlich, wie Herausgeber Rudolf Augstein einst prahlte, ein „Sturmgeschütz der Demokratie“.

Ich hatte tiefen Respekt vor so viel Respektlosigkeit, fand dieses Blatt so bewundernswert, dass ich mich als junger Mann in den Siebzigern des Nachts regelmäßig in den Haufen der Hamburger Altpapiersammlung wiederfand. Nach langem Suchen und Wühlen hatte ich eine fast komplette Sammlung, bis zurück in die Fünfziger, hübsch sortiert, mit Jahresregistern. Die Freunde hassten mich, weil sie den schweren Papierkram bei jedem Umzug von Dachwohnung zu Dachwohnung schleppen mussten. Doch der Sammler war unbelehrbar. Ein Fan.

Der Spiegel war einfach einzigartig. Er hatte die kesseste Lippe.

Natürlich war ein Trick dabei. Eine Masche, den Leser in den Text hineinzuziehen. „Sanft anschneiden und dann zustechen“ hieß die Regel, wie ich später lernen durfte. Die Architektur ist eigentlich simpel: Ein guter erster Satz, ein hübscher szenischer Einstieg. Im dritten Absatz dann der Kern des Themas, gefolgt von allerlei Beispielen, gewürzt mit Einsprengseln wie „vielerorts“ und „immer mehr“, und einem flotten Für und Wider voller Zitatkonfetti, das den Anschein von Abgewogenheit wahrt, letztlich aber nur das Ziel verfolgt, die im Vorspann formulierte These zu untermauern. Zum Schluss ein Gag. Fertig ist der Artikel. Oder die „Geschichte“, wie es beim Spiegel heißt.

So entsteht eine hochverdichtete Endlosschleife. Ein längst vergangener Chefredakteur sagte einmal, in einer typischen Spiegel-Story könne man an einer beliebigen Stelle den Rotstift ansetzen, über viele Absätze hinweg kürzen und dann mit einem „jedoch“ anschließen.

***

Der Spiegel war nie links. Das zu glauben wäre ein Riesenmissverständnis. Obschon hier viele Rote und Grüne dienten. Er war allenfalls, wie Augstein einst erklärte, „im Zweifel links“. Was aber eigentlich nicht passieren durfte, da der Spiegel keinen Zweifel an sich selbst zulässt. Eher schon ist er, was man heute „cool“ nennen würde. Er legt sich niemals fest. Nach Gutdünken kürt und verfeuert er seine Helden, hebt sie himmelhoch, um sie irgendwann umso tiefer plumpsen zu lassen. Wer diesen Montag Superstar ist, kann nächste Woche zum Trottel der Nation absteigen. Der Vorgang ist nicht berechenbar. Die Konstante in diesem Spiel ist der Spiegel selbst: Er wusste es immer schon. Und zwar besser. Im Zweifel sind alle doof außer ihm.

Der Mehrwert für den lieben Leser: Er darf sich mit dem Spiegel schlau fühlen. Das tut zuweilen gut. Man blickt gemeinsam durch Schlüssellöcher und guckt zu, wie sich die Deppen abzappeln.

Als Hans Magnus Enzensberger noch eigensinnig war, schrieb er nicht nur bewegende Gedichte, sondern auch eine berühmt gewordene Spiegel-Kritik. Schon damals sprang offenbar eine gewisse Beliebigkeit des Magazins ins Auge: „Die Stellung, die es von Fall zu Fall zu beziehen scheint, richtet sich eher nach den Erfordernissen der Story, aus der sie zu erraten ist: als deren Pointe. Sie wird oft wenige Wochen später durch eine andere Geschichte dementiert, weil diese einen anderen ,Aufhänger‘ verlangt.“ Auch diese eigentümliche Spiegel-Sprache, die „unkenntlich macht, was sie erfasst“, analysierte der Dichter trefflich: „Es handelt sich um eine Sprache von schlechter Universalität: Sie hält sich für kompetent in jedem Falle. Vom Urchristentum bis zum Rock and Roll, von der Poesie bis zum Kartellgesetz, vom Rauschgiftkrawall bis zur minoischen Kunst wird alles über einen Leisten geschlagen. Der allgegenwärtige Jargon überzieht alles und jedes mit seinem groben Netz: Die Welt wird zum Häftling der Masche.“

Die Welt hat offenbar lebenslänglich. Der Text ist fünfzig Jahre alt. Und passt noch. Selbst der Spiegel druckte ihn mit vierzigjähriger Verspätung. Enzensberger aber hat sich wohl stärker verändert als der Spiegel, publiziert längst auch dortselbst. Etwa, wenn er uns mitteilen muss, dass Saddam der neue Hitler sei und ganze Völker „ewige Verlierer“. Es sind düstere, kaltherzige Essays, die recht gut zum Spiegel passen.

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Es wird zu gemütlich. Bin schon wieder zu zahm. Wir müssen zu den Inhalten kommen. Auch wenn sie schwer zu greifen sind. Stefan Aust schaut aus dem Fenster. Er droht sich zu langweilen. Unten funkelt der Dovenfleet. „Wir vom Dovenfleet“, sagten Spiegel-Leute früher bei Anfällen von Selbstironie. Andere nannten das eigene Blatt gerne Bild am Montag.

Man spürt die Gereiztheit, die dieser Etage innewohnt. Auch wenn man Jahre nicht hier oben war. Es ist ein hochgespannter Ort. Obwohl: Erich Böhme schenkte am Freitagabend schon mal Champagner aus, wenn es richtig rund gelaufen war. Doch die Dramen überwogen. Zumal, wenn mehrere Kapitäne auf der Brücke waren. Sie hassten und sie schlugen sich. Bei einer Visite vor vielen Jahren sagte mir ein bitterer Chef, den Blick auf die Zimmerwand des benachbarten lieben Kollegen geheftet: „Er ist ein Schwein und kann nicht anders.“

Die Macht ist voller Tücken. Und Qualen. Aber Inhalte? Warum, Stefan Aust, schreiben Sie eigentlich nie? Er lächelt wie der Beißer bei Bond. „Ich bin ja ein bescheidener Mensch, wie du weißt“, sagt Aust, nun mit einem fast schon treuherzigen Augenaufschlag. „Viele können besser schreiben als ich.“ Außerdem habe er gar keine Zeit dazu, beschränke sich auf gelegentliche Moderationen für „Spiegel-TV“. Kennen wir: Aust mit Stakkato und Großinquisitormiene.

Aber Moment. Der Mann hat hunderte Filmbeiträge gemacht, etliche Bücher geschrieben. Er ist ein Vollblutjournalist, ein Enthüller, ein Trüffelschwein, und meinungsfreudig obendrein. „Dafür werd ich nicht bezahlt“, sagt Aust. „Ich werde dafür bezahlt, den Kurs des Blattes zu bestimmen und dafür zu sorgen, dass wir von größeren Katastrophen verschont bleiben.“ Der Satz gefällt ihm, er lehnt sich zurück. „Ach“, seufzt der Chefredakteur, „ich schreibe ja wenige Zeilen. Aber die finden sich meistens vorne auf dem Titelbild.“ Ja, der Titel – das ist sein Ding. Weil man in so einem dicken Heft „nicht jede Geschichte selber recherchieren und schon gar nicht schreiben, ja nicht einmal in Auftrag geben“ kann. Also musste sich Aust „Schwerpunkte suchen, wo die Hebelkraft am größten ist, mit denen das Gesicht des Blattes am ehesten bestimmt ist. Das ist die Titelgeschichte, das Titelbild, die Titelzeile.“ Der Aust’sche Dreiklang.

Der Kurs? Ist so einfach nicht auszumachen. Der Spiegel, sagt Aust, sei „Aufklärung. Und Realitätscheck. „Was aber die Meinung angeht, ist der Spiegel ein Kuriosum: Europas größtes Nachrichtenmagazin hat offiziell keine Meinung. Früher durfte meist nur der Herausgeber kommentieren. Was Aust bestätigt: „Zu der Zeit, als Rudolf Augstein noch lebte, wäre kein Chefredakteur gut beraten gewesen, sich anzumaßen, neben Rudolf Augstein Kommentare zu schreiben.“

Seit er tot ist, ist es ganz aus mit der Meinung, findet sich keine dezidierte Haltung, keine ausformulierte Position mehr im Blatt.

Umso stärker stehen vor allem Produkte der Ressorts Wirtschaft und Deutschland unter ideologischem Dampf. Wenn es etwa wider die Windkraft oder das Dosenpfand geht, gegen die ganze rotgrüne oder, neuerdings, die großkoalitionäre Richtung. Und sowieso gegen all diese nervigen Verlierer: Arbeitslose, Gewerkschafter, Ökos, Flüchtlinge, Moslems und andere Geringverdiener.

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Der Spiegel ist das einzige Blatt, bei dem ich mich je beworben habe, so richtig schriftlich. Das war gleich nach der Flickaffäre, journalistisch eine große Zeit. Die Einvernahme des Spiegel-Aspiranten fand in einem schummrigen Restaurant unweit des Hamburger Rathauses statt. Ich saß zwei echten Politressortleitern gegenüber und war aufgeregt. Dann verblüfft: Die Herren versuchten mir meine Bewerbung auszureden. Sie schilderten Spiegel-Tristesse, malten den typischen Spiegel-Redakteur als über die Flure schlurfenden Faulpelz, der missmutig die Reichtümer aus seiner Gewinnbeteiligung verwaltet, am Dienstapparat die Mieter seiner Eigentumswohnungen zusammenstaucht und ansonsten kleine Gemeinheiten gegen den Zimmernachbarn ausheckt. Erschüttert wankte ich hinaus ins Tageslicht.

Später wurde ich dennoch Redakteur; Arbeitsbiene im neunten Stock. Als ich den Dienstantritt wegen einer Bandscheiben-OP verschieben musste, diagnostizierte mein Ressortleiter trocken: „Ist ja gut, wenn vorher was am Rückgrat gemacht wird.“ Ich fand den Scherz ganz gelungen, kaufte mir eine schicke Schreibtischlampe und war stolz wie Bolle.

So golden funkelte die Galeere, die Bänke schienen gut gepolstert. Es ist keine Strafe, beim Spiegel zu arbeiten: Feiner Lohn, hohes Sozialprestige, Kaffee und Archivmaterial werden gebracht. Man trifft viele gute, sogar einige richtig sympathische Leute. Sobald man seinem Namen am Telefon ein „Der Spiegel“ folgen lässt, hört man, wie am anderen Ende die Hacken zusammengeschlagen werden. Das kann dem Selbstwertgefühl förderlich sein. Ich hatte es gut.

Nach wenigen Wochen aber war mir elend. Zunächst gab ich der Klimaanlage die Schuld. Dann dämmerte mir: Es ist das Binnenklima; diese obskuren, altmaskulinen, vordemokratischen Umgangsformen. Das durchritualisierte Weitpinkeln. Ich war in eine Burschenschaft geraten. Unter Männer, die beim Witz warteten, bis der Chef lacht. Die sich gegenseitig Wunden schlugen und sie dann stolz herzeigten. Die niemals die geringste Blöße zeigen durften.

Als ich einem Kollegen, der über einem schwierigen Thema brütete, einen interessanten neuen Artikel zeigte, riss er ihn mir aus der Hand, stopfte ihn ins Jackett und krähte: „Kenn ich schon!“ Ich fragte einen der Superstars um Rat, einen Mann mit Herz. Der nickte wissend und erklärte mir, solches Befremden sei normal am Anfang. Er zum Beispiel habe das erste halbe Jahr „jeden Morgen gekotzt“.

Eines Tages saß ich bei einem jener perfekten Redakteure, die immer vor einem leeren Tisch saßen, den Moment erwartend, da ein Leitender ins Zimmer tritt, einen Zeitungsschnipsel mit einem Thema in der Hand fallen lässt und spricht: „Neun Blatt fürs Vorprodukt.“ Der Redakteur erzählte mir seinen Traum: Er sei mitten im Text tot vom Stuhl gefallen. Nach einiger Zeit sei der Ressortleiter ins Zimmer gekommen, über seinen Leichnam gestiegen, habe das Manuskript aus der Maschine gezogen und es zur Vollendung ins Nachbarzimmer gegeben.

Ich schenkte uns einen Whisky ein und beschloss, vor Beginn der Gewinnbeteiligung die Biege zu machen. In die weite Welt zu gehen, ohne Spiegel. Als ich es später tat, kam es zu komischen Szenen. Alte Haudegen traten im langen Flur auf mich zu, guckten sich um, ob die Luft auch rein sei, drückten mir kräftig die Hand und sagten: „Glückwunsch!“

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Als ideologische Kampfzentrale fungiert, das ist hinlänglich dokumentiert und nahezu allwöchentlich nachlesbar, das Berliner Spiegel-Büro unter Gabor Steingart, Austs kongenialem Partner, der die Lage der Nation in düstersten Farben zu malen pflegt, wenn es sein muss, buchdick. Er wollte Schröder weghaben. Nun klagt er über Merkels „Selbstverrat“: „Die Ausweitung der sozialen Zone kommt noch hinzu. Die aufgestockten Hartz-IV-Zahlungen für Ostdeutsche und ein großzügig in Aussicht gestelltes Elterngeld für alle nähren einmal mehr jene Ansprüche des Einzelnen an die Gesellschaft, die Merkel einst aus gutem Grunde begrenzen wollte. Nun versucht auch sie eine Wohlstandsillusion zu verlängern, die Schröder als solche schon enttarnt hatte.“ Das ist Friedrich Merz pur.

Steingarts Arbeitsmotto heißt: Alarmstufe rot. Neuerdings recycelt er sogar die alte „Gelbe Gefahr“, entdeckt in China die Hauptbedrohung unseres Lebensstandards und ruft nach transatlantischem Protektionismus. Seine neoliberalen Freunde verwirrt das ein wenig. Roger Köppel beispielsweise, der damalige Chefredakteure der Welt, fühlte sich in seinem Blatt gar zu einer rettenden Brandrede für den Kapitalismus bemüßigt, die in einem zackigen Tod-den-Bürokraten endete.

In just jenem Organ fand sich auch ein höchst skurriles Streitgespräch zwischen Steingart und dem FDP-Grafen Otto Lambsdorff, einst Schlüsselfigur in der Flickaffäre und damals sehr erbost über die „journalistische Todesschwadronen“ des Spiegel. Wie anders tickt heute die Spiegel-Welt: „Reformstau“-Steingart klagt, dass Lambsdorffs berühmtes „Wendepapier“, mit dem die Kanzlerära Helmut Schmidts endete und jene von dessen Nachfolger Helmut Kohl begann, noch immer nicht umgesetzt sei. Während Lambsdorff die armen Chinesen rettet: „Herr Steingart, Sie verwenden in Ihrem Buch in erheblichem Umfang militärische Ausdrücke, bis hin zum Titel. Allein diese Sprache führt zwangsläufig zu defensiven Vorschlägen.“

Man ist überfordert, dies alles noch vollkommen ernst zu nehmen. Innenpolitisch ist der Spiegel von Focus und Bild-Zeitung nur mehr schwer zu unterscheiden. Wohin also des Weges, Herr Aust? Warum macht der Spiegel einen auf neoliberal?

„Ehrlich gesagt“, sagt Aust, „das ist so ein bisschen wie früher der Satz ‚Geh doch nach drüben‘. Neoliberal? Ich weiß gar nicht, was das eigentlich heißt. Realistisch zu sein, zwei und zwei zusammenzählen zu können? Was ist daran neoliberal?“ Simpel gesagt: Wenn man den Schwachen ordentlich Druck macht und den Mächtigen devot den Bauch krault. Wenn man ständig Tsunamis publizistischer Aufgeregtheit auslöst, um eine bestimmte politische Agenda voranzutreiben. Das müsste Aust doch kapieren. Steckte er nicht bis zum Hals in der APO, war er nicht bei den wilden St. Pauli Nachrichten, bei Konkret, bei „Panorama“, bei Demos gegen alles und jeden?

Er sei vielerlei Einflüssen ausgesetzt gewesen, meint Aust – „ohne diesen Einflüssen jemals erlegen zu sein. Ich bin ja in keiner Sekte gewesen, gar nix. Ich hab mich sehr wenig verändert. Das ist einfach ein Fakt. Ich habe bei Konkret nicht anders gedacht, als ich heute denke. Ich war immer mit den Füßen ziemlich auf dem Boden.“

Wiewohl, findet er, sich das Grundklima der Republik „ein Stück verändert“ habe. Es deshalb „ziemlich komisch“ wäre, „wenn der Spiegel als einziger noch mit ‚Ho-ho-Ho-Tschi-Minh‘ über die Straßen galoppieren würde“.

Was der Spiegel ohnehin nie tat – nun aber „Me-Me-Merkel blöd“ skandiert. Weil Aust von der Kanzlerin enttäuscht ist. Deren Koalition sei „in ihrem Reformwillen weit hinter die rotgrüne Regierung zurückgefallen“. Das Familiengeld etwa sei „eine kolossal falsche Entscheidung“. Er reckt sein Haupt: „Ich habe Frau Merkel gesagt, dass ich das für Quatsch halte.“

Was ist der Kern des Austismus-Steingartismus? Haben sie die Rotgrünen etwa nicht in die Tonne getreten? „Wir waren sehr kritisch mit den Regierenden. Das hat auch damit zu tun, dass wir die ja alle lange kannten, schon bevor sie Würdenträger waren.“ Aust ruft die Schröder-Memoiren in den Zeugenstand. Der kritisiere nicht die Medien, sondern „die Linke in der SPD und in den Gewerkschaften. Und ich glaube, da ist was dran. Gerhard Schröder wurde von seiner eigenen Partei gestürzt.“

Also kein Kurswechsel? „Rudolf Augstein ist für die FDP im Bundestag gewesen. Ich bin nicht in der FDP“, sagt Aust. Aber war das nicht zu sozialliberalen Zeiten, in der Bürgerrechts-FDP eines Karl Hermann Flach? „Das“, er wird eine Spur lauter, „ist die FDP gewesen, die anschließend Kohl zum Kanzler gemacht hat. Rudolf Augstein ist bis zu seinem Tode FDP-Mitglied gewesen. Ich bin in keiner Partei und werde auch nie eintreten.“

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Ergüsse wie diese Geschichte über den Spiegel haben immer einen Hautgout. Man ist nie nüchtern. Es geht um das eigene Metier. Hier obendrein um ein Stück eigener Geschichte. Will der etwa nachtreten? Sich rächen? Ich erklärte hiermit: Ich hatte es gut. Keiner hat mir persönlich etwas getan. Ich ging in Frieden. Sogar mit „Rückkehrgarantie“. Ich erkläre weiter: Der Spiegel ist wichtig für dieses Land. Sein Niedergang betrübt mich als Bürger und Leser.

Das zweite Problem: Bei der Beobachtung deutscher Chefredakteure ist die Pressefreiheit eingeschränkt. Sie sind alle Kumpels. Sie verabscheuen sich wie die Pest. Aber sie schützen sich. Wie Chefärzte. Früher gab es Lager in der deutschen Presse. Verdarb man es sich mit dem einen Haufen, mochte der andere einen umso mehr. Heute sind alle in einem Boot. Und singen: „Was du nicht willst, das man dir tu’, das füg auch keinem andern zu.“

Wenn da irgendein Unterling frech wird, ist das Sperrfeuer sofort gewaltig. Franziska Augstein, Tochter und Erbin, bekam das zu spüren, als sie es wagte, Aust zu kritisieren: „Er hat das Magazin zu einem geschwätzigen Blatt unter anderen gemacht. Der Fisch stinkt vom Kopf.“ Da war was los! Die Spiegel-Ressortleiter verfassten eine Ergebenheitsadresse für den Chefredakteur. In den Medien erschienen bittere Artikel. Aust, der „überaus erfolgreiche“, das „Multitalent“, das „Wunderkind“, dieser „journalistische Berserker“, hieß es etwa in der Zeit, sitze jetzt „fester denn je auf seinem Stuhl als Spiegel-Chefredakteur“ und sei „noch ein bisschen stärker geworden“. Selbst ihr Bruder Jakob putzte Franziska Augstein runter. Man sollte die Mappe mit den Texten an allen Journalistenschulen verteilen und draufschreiben: Lernt lieber was Anständiges, Leute!

Aust hat die ganz große Allianz mitgeschmiedet: Die Schirrmacher-Aust-Döpfner-Allianz. Vorbei die fruchtbaren Zeiten, als der Spiegel über die „Bertelsmann-Kumpanei mit Springer“ schrieb und sich über die „heilige Vielfalt der Springer-Ideologie“ mokierte. Als Axel Springer daraufhin empört ein Interviewbegehren des Spiegel abschmetterte: „Offen gesagt verwundert es mich, mit welcher scheinbar nahtloser Glätte der Spiegel einen Mann mit unqualifizierten Mitteln verhöhnt und verteufelt und ihn dann mit kaum zu begreifender Unbefangenheit zu einem Gespräch einlädt.“

Springers Zorn gipfelte damals in dem bezaubernden Satz: „Natürlich bringt es auf die Dauer gar keinen Spaß, den Kakao immer zu trinken. Durch den man gezogen wird.“ Die Medienberichterstattung des Spiegel, einst ein Markenzeichen, ist tot.

Spiegel-Aust, FAZ-Schirrmacher, Springer-Döpfner sind sich einig. Man feiert sich gegenseitig, hat Freude aneinander. Auch wenn der gemeinsame Kampf gegen die Rechtschreibreform schiefgegangen ist. Austs Kumpels lancieren gerne die Idee, nach Dienstschluss auf der Spiegel-Brücke könnte er einen TV-Vorstandssessel bei Springer erklimmen.

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Und die Redaktion? Wie kann man sich sein Leben so zur Hölle machen? Unter – zumindest theoretisch – beinahe idealen journalistischen Bedingungen? In einem Blatt, das obendrein zur Hälfte der Belegschaft gehört? Ist die Kehrseite des Klugschisses der Komplex? Als der Spät-Thatcherist Matthias Matussek zum Kulturchef ernannt wurde, sagte mir ein alter Spiegel-Mann: „Wir haben ein neues Rekrutierungsprinzp für Ressortleiter: ‚Das größte Arschloch wird’s.‘ “

Der Schlüssel heißt Angst. Ihr ursprünglicher Erzeuger, wohl Rudolf Augstein, dieser hochbegabte Menschenfeind, der wirkte wie einer, der an vielem litt: an den Verhältnissen, an der Dummheit, an sich selbst. Je älter man wird, desto besser versteht man das. Welch eine Tragödie. Er saß ganz oben, im zwölften Stock, spottete über sein „komfortables Gefängnis“ und schaute mit wachsender Verachtung auf sein Fußvolk. Auf all die alerten Jungs, die ihn nicht zu stürzen vermochten, nicht einmal zu kritisieren wagten. Keiner traute sich, dort hinaufzusteigen und zu sagen: Rudolf, das ist jetzt Mist. Augstein spuckte auf sein Schloss. Er säte Misstrauen und erntete Feigheit.

Wer ihn erlebte, schrieb Dieter Wild, langgedienter Spiegel-Offizier, „war oft verblüfft über seine Angst, die vor allem eine Angst vor Nähe war, der seiner Freunde oft mehr als der seiner Feinde“. Es herrscht die Omertà, das Schweigegebot der Mafiosi. Wobei sich immer wieder Leute finden, die Angst und Feigheit eingestehen. Ehemalige. Und Spiegel-Leute, die in innerem Exil verharren. Ganz offen, aber nie öffentlich.

Als Spiegel-Redakteur hatte ich oft den verrückten Gedanken: Da einfach mal hoch gehen, anklopfen und reden. Doch so weit reichte der Mut nie. Jahre später, kurz vor seinem Tod, war ich zu Besuch im Spiegel, latschte von Büro zu Büro, plaudernd und Kaffee schlürfend. Irgendwann saß ich bei einem leitenden Mitarbeiter, fragte nach Augsteins Befinden und der Zukunft des Spiegel. „Ich weiß nicht, wann der Alte die Rosette zusammenkneift“, sprach der Mann, „aber das ist eigentlich auch scheißegal.“ Bald darauf erschien ein ganzes Spiegel-Heft voll salbungsvoller Nachrufe.

***

Wäre Augstein zufrieden mit dem Spiegel heute? (Einmal angenommen, ihm sei die Kategorie „zufrieden“ bekannt.) „Ich bin ganz sicher“, sagt Aust und holt tief Atem. Er wiederholt den Satz dreimal. Bis zu seinem Tode, berichtet Aust, habe er viel mit Augstein geredet. „Ich bin ganz sicher, dass er es heute kein bisschen anders machen würde.“ Fast ist es, als ginge ein Engel durchs Büro.

Fehlt er? „Er fehlt. Er hat mir den Rücken freigehalten.“ Ist sein Leben härter ohne Augstein? „Man ist da natürlich noch ein Stück einsamer.“

Auch der Chefredakteur hat schon zu hören bekommen, er herrsche mit Willkür, verbreite ein „Klima der Angst“. Doch ist es nicht ratsam, dies im Hause laut zu sagen. Man wird zügig weggebissen. Als Augstein fort war, hat Aust schnell gehandelt. Flugs befand er, dessen Fußstapfen seien zu groß für jeden denkbaren Nachfolger. Weg war der Herausgeberposten. Die Erben verloren ihre Macht ob einer komplizierten Vertragsklausel.

Ich“, meint Aust fröhlich, „habe mit den Erben nie einen Zwist gehabt.“ Nur die Mitarbeiter-KG als größter Anteilseigner kann ein Problem werden. Wurde es auch schon. Auch wenn Aust beteuert: „Das war immer nett und freundlich. Für die Inhalte ist die Mitarbeiter-KG nicht zuständig.“

Was ist eigentlich aus der Augstein-Etage geworden? Ein Spiegel-Mann nimmt mich mit die Treppe hinauf, in den zwölften Stock. Im Flur in schlichten Holzrahmen zwei Titel mit dem Kopf Augsteins darauf. Einer aus der Zeit der Spiegel-Affäre, einer zu seinem Tod. Ansonsten alles voll mit Konferenzzimmern diverser Größen. „Das hat der Kleine doch clever hingekriegt“, sagt mein Begleiter feixend. „Hier passt kein Herausgeber mehr rein.“

TOM SCHIMMECK, 47, war 1979 Mitgründer der taz, arbeitete danach für Transatlantik , die Frankfurter Rundschau und den NDR. Von 1987 bis 1989 arbeitete er als Spiegel -Redakteur. Seither unterwegs für die Woche, Geo, die Zeit, die Süddeutsche Zeitung, Merian und viele andere Blätter. Seine Liebe gilt dem Radio. Die nächsten Jahre will er sich vor allem dem Schwarzen Meer widmen. Er lebt mit seiner Familie im Wendland