Schneewittchen in New Orleans

In „Déjà Vu – Wettlauf gegen die Zeit“ träumt der Regisseur Tony Scott von einem perfekten Überwachungssystem. Sogar die Toten erweckt es zum Leben. Was die Liebe zu Wasserleichen erleichtert und Denzel Washington zum lauen Superhelden macht

In „Déjà Vu“ überlistet Denzel Washington die Zwickmühle der modernen Überwachungstechnologien: Denn entweder schnappt man mit ihrer Hilfe die Täter nach begangener Tat, aber dann ist die Bombe bereits explodiert, die Bank leergeräumt, das Kind im Brunnen. Oder man verhindert durch massive Präsenz und Kameras an jeder Ecke, dass die Terroristen sich trauen, aus ihren Löchern zu kommen. Und lebt mit der furchtsamen Ungewissheit, dass im nächsten Moment sich möglicherweise doch etwas ereignen könnte. Genau in diese Bresche springt Hollywood: Das Imaginäre bietet Auswege aus Konflikten, die sich im wirklichen Leben hartnäckig als unlösbar erweisen. Vor ein paar Jahren hat Regisseur Tony Scott mit „Staatsfeind Nr. 1“ noch die beklemmend realistische Vision einer ausgespähten Gesellschaft in den Händen durchgeknallter NSA-Agenten gezeichnet. Doch das war vor 9/11 und bevor Bush im Namen des Kampfes gegen den Terror die Bürgerrechte weitgehend ausgehebelt hat. In „Déjà Vu“ feiert Scott nun die totale Überwachung als Wunderwaffe aus dem Geist der Quantenphysik.

Zu Beginn des Films geht ein vollbesetzter Ausflugsdampfer in einem Feuerball erst auf, dann unter. Die Marinesoldaten an Bord tragen Weiß, die Farbe der Unschuld, die Kinder tragen Luftballons. Die ersten Minuten sind nur deshalb Scherzen und Lachen und heile Welt, damit uns die Katastrophe umso stärker in die Magengrube fährt. In den Bildern von brennenden Menschen, die durch die Luft geschleudert werden, fallen, hart aufschlagen, wird dem Zuschauer schon sein erstes Déjà-vu serviert. Die Referenz auf die World-Trade-Center-Anschläge ist so überdeutlich, wie sie leer bleibt. Der Film zählt dann in rascher Folge die weiteren nationalen Traumata der vergangenen Jahre auf, winkt aber mit lauter Zaunpfählen, hinter denen nichts zu sehen ist. Schauplatz des Bombenterrors ist New Orleans, doch die von „Katrina“ verwüsteten Stadtviertel, die immer noch auf ihren Wiederaufbau warten, werden nur für Sekunden ins Bild gerückt. Für das Attentat von Oklahoma durch Rechtsextremisten muss eine einzige Dialogzeile genügen. Regisseur Scott und Produzent Jerry Bruckheimer, beide bekannt für ein opulentes Kracher-Kino der spektakulären Oberflächen, sind nicht die Männer, von denen man die Aufarbeitung dieser Ereignisse erwarten würde. „Déjà Vu“ unternimmt nicht einmal den Versuch, diesem Eindruck zu widersprechen, kann sich aber auch nicht für das Popcorn-Event entscheiden.

Denzel Washington spielt den Spurenermittler Carlin, dem kein Trümmerfeld voller verkohlter Körper zu unübersichtlich ist, als dass er nicht in Windeseile genau das Fetzchen Beweismaterial in Händen halten würde, das den Fall fast von selbst löst, aber eben nur fast. Für alles weitere gibt es die Heisenbergsche Unschärferelation und geheimnisvolle Botschaften aus Kühlschrankmagneten. Mittels einer Zeit-Raum-Bizarrerie und jeder Menge quantenphysikalischem Brimborium können die Ermittler die Vergangenheit wie ihre Gegenwart betrachten. Zwar ist der Bombenleger (Jim Caviezel) dadurch gefasst, dass man einer jungen Frau, die eigentlich schon tot ist, ausgiebig beim Duschen zusieht. Die wahren Probleme setzen aber ein, als Carlin sich in bester romantischer Tradition in die schöne Wasserleiche verliebt. Plötzlich wird klar, warum das hoch geheime Regierungsprojekt im Film ausgerechnet auf den Codenamen „Schneewittchen“ getauft ist: Es geht darum, das tote Mädchen hinter der Glasscheibe wieder auferstehen zu lassen. Und dem bekannten Satz, wonach die Geschichte immer von den Siegern geschrieben wird, eine ganz neue Bedeutung zu verleihen.