„Väter weg von Puff und Kneipe“

INTERVIEW JAN FEDDERSEN
UND SUSANNE LANG

taz: Herr Sloterdijk, was hat in diesem Jahr Ihren Zorn geweckt?

Peter Sloterdijk: Ich weiß nicht recht, ich bin nicht leicht zu provozieren. Am ehesten denke ich, es waren die Studentenproteste in Frankreich gegen die Einführung des neuen Erstbeschäftigungsvertrags. Sein Zweck bestand darin, den Arbeitgebern Spielräume einzuräumen, um ihnen die Hemmungen vor der Einstellung neuer Mitarbeiter zu nehmen. Absurderweise wurde das von den Betroffenen als Angriff auf ein vermeintliches Grundrecht auf Lebenszeitbeschäftigung vom ersten Arbeitstag an gewertet. Ihr Widerstand war völlig illusorisch, als wollte man Spitzenjobs für alle fordern.

Idealismus zeichnet eine Studentenbewegung doch aus?

Man sollte Illusionismus und Idealismus unterscheiden. Die Haltung der Jüngeren hat sich verändert. Ich selber komme aus einer Generation, die unter ganz anderen Vorzeichen angetreten war: Als ich 1966 Abitur machte, wollte man überhaupt nie einen Kompromiss mit der Welt der Festanstellungen eingehen. Unser Motto lautete: „Meine Arbeitskraft kriegt ihr nie.“

Aber das galt doch nur für die linken Kader, nicht für ihre Schutzbefohlenen, die Arbeiter.

Es stimmt, dass in den frühen 70ern, zur Zeit der sogenannten Vollbeschäftigung, eine studentische Boheme entstehen konnte. Diese 68er-Boheme hat einen politischen Überschuss erzeugt, der fantastische Öffnungen bewirkte. Von denen leben wir bis heute. Die Proteste in Frankreich haben dagegen eine geradezu überwältigende Verspießerung der Jugend sichtbar gemacht.

Weil die Jugend arbeiten statt revolutionieren will?

Weil sie ihre Wünsche von der Logik der Arbeitswelt strukturieren lässt. In früheren Lebensläufen spielte Jugend die Rolle eines psychosozialen Moratoriums, in dem der Mensch im Zustand der Unentschiedenheit, sogar der Desorientierung geduldet und geschützt blieb. Die Voraussetzung war ja immer, dass dies im Dienst einer späteren optimalen beruflichen Anwendung geschieht. Heute gehen 18-Jährige zu Hunderttausenden auf die Straße und klagen die Lebenszeitanstellung ein!

In Frankreich gingen auch Jugendliche in den Banlieues auf die Straße und zündeten Autos an. Sind sie die eigentlich Zornigen dieser Gesellschaft?

Nein, beide Proteste sind vor allem mimetische Bewegungen, die einen Zorn nachahmen, den die Akteure selbst gar nicht nicht immer haben. Frankreich schöpft aus einer reichen Empörungsfolklore.

Die beherrschen wir in Deutschland auch ganz gut, oder?

Ja, aber sie ist schwächer ausgeprägt. In Frankreich herrscht eine viel immobilere Atmosphäre, und die hat eine Dialektik von Stillstand und Explosion zur Folge. Bei uns sind die Dinge mehr im Fluss, deswegen hat der Protest keine so breite Basis mehr wie in den 80ern.

Als vor allem die Grünen sehr laut zu hören waren?

Wer die Grünen verstehen will, muss wissen, dass Deutschland nach 1945 bei der Hervorbringung von Verliererverhaltensweisen Außerordentliches geleistet hat. Bei uns ist die thymotische Kultur, die über Selbstaffirmation und Stolz läuft, bis auf den Stumpf abgetragen worden. Der Rest an selbstaffirmativem Verhalten musste sich seither über Moralismus ausdrücken. Da waren die Grünen federführend, sie waren teilweise richtige Jakobiner.

Demnach gaben die Grünen als Partei eine gute Zornbank ab, wie Sie es in Ihrem neuen Essay „Zorn und Zeit“ ausführen. Sind sie das noch?

Die Funktion der Institution Partei, nicht nur der Grünen, hat sich heute grundsätzlich geändert. Historisch gesehen waren Parteien nie nur Organe für Interessenausdruck, sondern mehr noch Affektsammelstellen. Es war ihre Aufgabe, Hoffnungs-, Illusions-, Wunsch- und Zornsammlung zu betreiben. Aufgrund verschiedener Mischungen haben sie jeweils verschiedene Publikumssegmente angesprochen: Diejenigen, die ihre Satisfaktion über nationale Symbole gesucht haben, artikulierten sich im rechten Flügel. Die anderen, die sich mit Symbolen des materiellen Fortschritts, des Ausbaus der Gerechtigkeit und des Sozialstaates identifizieren konnten, sammelten sich am linken Flügel. Bei den Liberalen schließlich haben sich die getroffen, die sich vom Fortschritt der Freiheiten im modernen Staat das meiste versprachen. Interessant ist jedenfalls, dass die bürgerlichen Parteien als Sammelstellen für militante Zufriedenheit fungierten.

Worin besteht die?

Das Bürgertum ist die Klasse, die aus ihrer Zufriedenheit selbst einen Trotz macht. Wie kann man das erklären? Die moderne Gesellschaft popularisiert die Möglichkeiten des Vergleichs. Deswegen gibt es ein asymmetrisches Wachstum zwischen den Gründen, zufrieden zu sein, und den Gründen, unzufrieden zu sein. Sobald die Befriedigungsmittel weiter gestreut sind, wachsen auch die Vergleichsmittel. Jeder vergleicht sich mit jedem, mit dem Ergebnis, dass man ringsum Leute sieht, die zu Unrecht vor dir liegen. Auf diese Weise werden zahllose Leute, die objektiv gesehen Modernisierungs- und Fortschrittsgewinner sind, subjektiv zu Protestierenden.

Deshalb leben wir in einer deutschen Welt. Luxusunzufriedenheit führt zu Abstiegsängsten?

Diese Frage bringt die Paradoxie dieser vergeudeten Unzufriedenheit sehr schön auf den Begriff. Luxusunzufriedenheit deutet darauf hin, dass Menschen kein Organ haben, um Wahrscheinlichkeiten abzuschätzen. Wir sind einerseits orientiert an Tatsachen, andererseits an Hoffnungen und Erwartungen. Aber ein Organ für das Wahrscheinliche gibt es nicht. Deswegen können wir die unvorstellbare Unwahrscheinlichkeit unserer eigenen Lebensform nicht evaluieren. Das könnten nur Leute, die von außen kommen, oder solche, die zwischen einer Armutskultur und einer Reichtumskultur pendeln.

Übertragen auf die Parteien, bedeutet dies, dass sie heute Anwälte des Unwahrscheinlichen sind?

Ich sehe sie als Dienstleister auf dem politischen Illusionenmarkt. Ihr Pakt mit der Unwahrscheinlichkeit ist schicksalhaft und zwanghaft. Gewählt wird ja, wer den Wählererwartungen am meisten entgegenkommt. Aber alle Erwartungen dieser Art laufen auf steigende Unwahrscheinlichkeit hinaus. Das Generalprodukt, das die Parteien heute ausnahmslos anbieten müssen, ist der plausible Schein, dass durch die Politik dieser Partei die Lebensformen ihrer Klientel optimiert werden.

Die meisten Politiker signalisieren doch gar keine Optimierung mehr, sondern versprechen den Status quo. Und dies sehr alarmistisch.

In einem ausgeleerten Liberalismus gilt auch die Garantie des Status quo sehr viel. Wo die meisten Ideologen längst wieder mit Verschlechterungsdrohungen arbeiten, sind Bestandsgarantien schon nahezu Evangelien. Man muss sich klarmachen, dass auf der politischen Bühne schon immer die Drohkräfte mit den versprechenden Kräften gerungen haben. Gegenwärtig sind die Drohkräfte obenauf, deswegen werden die suggestivsten Drohthemen, internationale Konkurrenz und Terrorismus, bei uns so stark besetzt. Eigentlich würden die Menschen lieber schöne Versprechen hören, inzwischen sind sie schon froh, wenn man ihnen nicht allzu offen droht. Und dieselben Leute haben vor kurzem noch offensive Forderungen gestellt!

Der Mythos vom Generalstreik kann also gar nicht mehr tragen?

In Deutschland noch weniger als in anderen Ländern. Die Linke war mächtig, solange sie selber glaubhaft drohen konnte. Damals, als der Kommunismus wie die real existierende Alternative auftrat, mussten die westlichen Arbeitnehmerparteien nicht sehr viel tun, um der Arbeitgeberseite klarzumachen, dass der soziale Frieden auch bei uns seinen Preis hat. Vergangene Zeiten. Die Linke ist jetzt bedroht, nicht drohend. Bei den Strategen definiert man die Drohung als bewaffneten Ratschlag. Links ist man heute entwaffnet und ratlos.

Wenn die Linke also ein Blatt ohne Trümpfe auf der Hand hat – dann ist sie doch überflüssig?

Im letzten Drittel des 20. Jahrhunderts ist in der westlichen Welt die gesamte Politik in die Mitte implodiert. Gleichzeitig implodierte im Osten der kommunistische Apparat. Das Ressentiment wird seither immer diffuser. Das ist das Merkmal der postkommunistischen Lage: Die Linke hat aufgehört, als Zornsammelstelle zu funktionieren. Womit soll sie jetzt noch werben? Ich denke, sie muss ihren Fokus verschieben, weg von Rachefeldzügen, hin zu Zivilisationskampagnen. Vom Kämpfen zum Lernen.

Bei „Rachefeldzüge“ fällt uns sofort einiges ein – aber wie sollten linke Zivilisationsprojekte aussehen?

Man könnte sich zum Beispiel einschalten in die Differenzen der Religionen. Warum ist der Islam in der postkommunistischen Situation so in den Vordergrund gekommen? Weil seine Aktivisten ihn als drohfähige Größe durchgesetzt haben. Ich habe in meinem Buch die Frage erörtert, ob es dem Islam gelingt, nach Katholizismus und Kommunismus die dritte Sammlung des Weltzorns zu organisieren, und ich sage Nein.

Weshalb gelingt ihm das nicht?

Seine Voraussetzungen sind zu regional. Sie können den Unmut deutscher oder polnischer Arbeitsloser nicht islamisch sammeln. Natürlich, man kann sich gegenmodern in den Islam zurückziehen und sich in ihm stabilisieren, aber er lässt sich nicht zu einer Bewegung ausbauen, die aus der Mitte der Modernisierung kommt. Er kann keine bessere Moderne versprechen. Das war dem Kommunismus zeitweilig gelungen.

Inwiefern sind aber die Differenzen der Religionen ein Projekt der Linken?

Wenn es heute einen Weltkrieg gibt, dann hat er die Form eines Clashs der Monotheismen. Diese Antagonismen müssen zivilisiert werden.

Das klingt nicht wirklich neu. Wie diese Zivilisierung aussehen sollte, kann aber kaum jemand formulieren. Was wäre Ihr Vorschlag?

Zum Beispiel die zivilisierende Überformung der Religion durch die Kunst. Thomas Mann hat in seiner Romantetralogie „Joseph und seine Brüder“ vorgemacht, wie so etwas geht. In dem Buch wird gezeigt, wie es zugehen könnte, wenn die exklusive und eifernde Form des Monotheismus sich dank der Begegnung mit einer Fremdreligion in eine inklusive Kunstreligion verwandelt.

Dies könnte die Linke übernehmen?

Nicht direkt. Von dieser Lektion sind zunächst einmal die Konfliktparteien betroffen, die Dogmen- und Positionsbesitzer, die einen Wahrheitsfundus verwalten. Aber gleich danach könnte die postkommunistische Linke ins Spiel kommen, sofern sie noch einen Sinn für die Produktivität von Kämpfen, Reibungen und Konfrontationen hat. Auch heute sind die Kämpfe die maßgeblichen Lernsituationen. Man darf sich keinen Illusionen hingeben. Die Menschheit ist noch mehr als zu Hegels Zeiten zur Autodidaktik auf Leben und Tod verurteilt. Der Krieg ist die primäre Schule, und wer nicht kämpft, lernt auch nicht. Neutrale Lehrer stehen nicht zur Verfügung. Aus dem Kampf selbst müssen die Regeln generiert werden, die über den Kampf hinausführen.

Also Klassenkampf?

Nun ja, der gute alte Klassenkampf baute auf einer prekären Siegesfantasie auf: Das Proletariat müsste die völlige Kontrolle über den Produktionsprozess gewinnen, so wäre der Antagonismus mit dem Kapital beendet. Die Russische Revolution hat gezeigt, wohin das führt: zum Völkermord an der Bourgeoisie, begangen durch die noblen Henker, die Berufsrevolutionäre, die als Anwälte des Proletariats auftreten. Heute sind wir von einer solchen Anwaltschaft abgerückt und bevorzugen die Idee der Selbstorganisation an der Basis. In Zeiten des Massenelends konnte das Anwalts- oder Tribunenmodell vielleicht noch plausibel sein. Heute arbeiten wir mit Vernetzungsfiguren und gehen von selbstorganisierten Einheiten aus.

Sind Sie sicher, dass das für alle Strömungen innerhalb der Linken gilt?

Es gilt mit Sicherheit für die alternative Regenbogenkultur. Kann sein, das Paläostalinisten und alte ML-Kader sich in dieser bunten Szene nicht wiederfinden, aber was soll’s. Negri hat in „Empire“ probiert, paläolinke Motive mit den neolinken Ansätzen zu kombinieren, ohne überzeugendes Ergebnis. Er hat nur die Masse in die Menge umbenannt und einen neuen Fetisch geschaffen. Den Regenbogen als alternatives Proletariat.

Multitude als Formel der Ausrede?

Ich würde es anders bewerten. Negri tut zunächst nur, was Linksradikale chronisch tun, er setzt die Suche nach dem Subjekt der Revolution fort. Dabei kommen ihm zwei Einsichten in die Quere: Das Subjekt ist nicht eines, sondern viele. Damit kann er fürs Erste leben. Zusätzlich stellt sich heraus, dass Revolution ein überholter Begriff ist, weil der Kapitalprozess und das Empire immer schon revolutionärer sind als ihre Gegner. Auch hier tut Negri so, als könne er mit dieser Erkenntnis leben, doch in Wahrheit annulliert seine Position. Er muss sich mit dem Schein der Zeitgemäßheit begnügen, indem er den Hymnus von Marx auf die umwälzende Macht der bürgerlichen Klasse auf den heutigen Stand bringt.

Der kleine Haken: Die Bourgeoisie wollte und will nicht revolutionieren.

Doch, da es zwei Typen von Revolution gibt, die erotische Revolution des Bürgertums, die giergetrieben ist, und die thymotische Revolution der Armen, die nur funktioniert, wenn sie stolzgetrieben bleibt. Marx hat die Gierrevolution der Bourgeoisie nicht umsonst so lebhaft gefeiert und zugleich behauptet, dass sie nicht genügt. Denn die linke Revolution macht man nicht im Namen der Gier, sondern des Stolzes und seiner beiden moralischen Derivate, des Zorns und der Empörung. Ziel solcher Revolutionen war es, die Erniedrigten und Beleidigten mit Subjektwürde auszustatten. Das sind Ermächtigungsbewegungen, durch die der rote Faden des proletarischen Thymos läuft: Würde durch Arbeit! Würde durch Kampf! Sobald die Linke aber ihrerseits Gierpartei wird, wie bei uns überall, implodiert sie und wird Teil der totalen Mitte.

Wobei wir wieder bei den Studentenprotesten und den brennenden Autos in den Banlieues wären. Dann geht es doch um Zukunftschancen, um Verlangen nach Arbeit?

Da bin ich nicht so sicher. Wenn man die Beschreibungen der Protagonisten zugrunde legt, ging es in den Banlieues größtenteils um eine Form von Spaßrandale vor dem Hintergrund einer fürchterlichen sozialen Aussichtslosigkeit. Durch die Fernsehbilder wurde dank mimetischer Infektion eine Welle von Gewaltspielen ausgelöst – Autoanzünden mit Hilfe einer Volksausgabe von Molotowcocktails, 1.500 Brandstellen in einer Nacht.

Also ging es um Aufmerksamkeit der Beleidigten?

Ja, aber nicht im Sinn des Verlangens nach Würde, denn das ergäbe ein Projekt, das einen langen Atem verlangt. Es ging mehr um eine Sofortgratifikation für ein vandalisches Spektakel. Da findet man die modernen Medien in einem schuldhaften Bündnis mit den schlimmsten Tendenzen. Die Aufmerksamkeitsprämien sind immer am höchsten, wenn die Handlungen am scheußlichsten sind.

Womit sollte eine zivilisierende Linke dieses Anreizsystem ändern?

Die einzige Lösung des Problems würde darin bestehen, dass man die Marginalisierten in eine sinnvolle eigentumswirtschaftliche Dynamik einbezieht.

Also doch Arbeit für alle?

Ja, aber nicht im Sinne einer Festanstellung auf Lebenszeit. Man muss aus Kämpfern Unternehmer machen, es ist dieselbe Energie. Befriedigungseffekte treten auf, wo es entweder Positionen in der Arbeitswelt gibt oder sich die Leute selber Positionen auf einer Ehrgeizleiter schaffen.

Die Kinder müssen von der Straße?

Natürlich, Kinder von der Straße und Väter weg von Puff und Kneipe. Dies gelingt am besten durch breit angelegte Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen, und die beste Arbeitsbeschaffung läuft nach wie vor über Ökonomie des Eigentums.

Wie wollen Sie das den Verlierern dieser Gesellschaft denn vermitteln? Fördern und fordern etwa?

Sehen Sie, wir haben doch strukturell nur drei Existenzformen: Unternehmer, Arbeitnehmer, Arbeitslose. Einen Unterschied, der einen Unterschied macht, gibt es nur bei den Arbeitslosen: Die einen werden passiv, die anderen zu Kriegern. Wenn sich Ressentiment und Kampfeslust treffen, rutschen die Aktivisten leicht in die faschistoide Position. Auch der Bürgerkrieg schafft Positionen. Es hat ja nicht nur der Krieg noch jeden Mann versorgt, um ein Diktum von Thomas Hobbes zu zitieren, sondern auch der Bürgerkrieg. Will man diese Variante ausschalten, bleibt nur die unternehmerische Alternative.

Sie setzen einiges voraus: souveräne, eigenverantwortliche Subjekte.

Die Hauptvoraussetzung ist, dass man die Arbeitslosigkeit neutral betrachtet. Sie ist zunächst ja nur der Ausdruck von zwei sehr wünschenswerten Entwicklungen, erstens dass Lohnarbeit nicht mehr für alle den wichtigsten Lebensinhalt ausmacht, zweitens dass Menschen von Tätigkeiten befreit werden, die besser von Maschinen ausgeführt werden. In diesem Sinn ist es eine gute Nachricht, dass die Arbeit weniger wird. Die zivilisierende Aufgabe der Linken hätte darin bestanden, diese Sicht zu kultivieren. Die Ersetzung von Menschen durch Maschinen ist absolut bejahbar, ebenso wie das Absinken der Lebensarbeitszeit innerhalb von 200 Jahren auf ein Drittel, das heißt rund 1.700 Jahresstunden, bejahbar bleibt. Was wir brauchten, ist ein starkes Kultur- und Bildungskonzept für die Freigesetzten, verbunden mit Modellen freier Gemeinschaftsbildung, in denen sich Menschen auch außerhalb der Arbeitswelt gegenseitig stimulieren und bereichern.

Sie glauben also, dass geldwerter Wohlstand nicht zu sozialem Frieden führt?

Er befriedet nur die, die ihn haben. Der Kapitalismus geht von der Prämisse aus, dass Friede auf der Erde entsteht, wenn alle Menschen in Konsumenten umgewandelt sind. Das ist bestenfalls eine gefährliche Halbwahrheit. Zum Zivilisierungsprojekt gehört, dass man Menschen nicht nur als Geschöpfe am Futtertrog sieht, sondern als Wesen mit Würdeverlangen.

Womit gerade Religionen wieder zum Zuge kämen?

Die Religionen sind bis auf weiteres eher Teil des Problems als der Lösung. Gäbe es den Weltgeist, würde er jetzt wohl statuieren: Der zivilisatorische Weg ist allein noch offen. Tatsächlich stehen sich auf der großen Bühne zwei Komplexe gegenüber, die in sich total unausbalanciert sind: ein übererotisierter, von der Gier verwüsteter Westen, andererseits ein überthymotisierter, vom Ressentiment verwüsteter Naher und Mittlerer Osten. Ohne Rebalancierung ist nach beiden Seiten die globale Selbstzerstörung programmiert.

Wirklich besorgt klingen Sie aber nicht. Sie sind da guter Hoffnung?

Eigentlich ja. Meine Hoffnung ist allerdings auf dem zweiten Bildungsweg erlernt, gegen meine anfängliche Stimmung. Doch wenn man ziemlich viel Glück hatte, kann man nicht auf pessimistischen Positionen herumreiten. Es gibt aber auch intellektuelle Gründe für gemäßigten Optimismus.

Was veranlasst Sie dazu?

Man kann gewisse Denkfiguren Herders, Hegels und Whiteheads so umformulieren, dass ein belastbarer Prozessoptimismus entsteht. In einer dichten Welt – und Dichte ist das Hauptmerkmal unserer Weltform – steigt die autodidaktische Spannung. Man erlebt, wie uns die Nebenwirkungen des Handelns immer rascher einholen. Wo Fatum war, wird Feedback werden. Die Menschheit ist eine verdammte Selbsterfahrungsgruppe, deren Teilnehmer sich gegenseitig so sehr unter Druck setzen, dass sie wohl noch im laufenden Jahrhundert einen halbwegs lebbaren Kodex erarbeiten könnten.

Was in Ihrer Lesart das Gegenteil von einem Warten auf einen neuen Revolutionsführer wäre?

Revolution und Führer sind kompromittierte Konzepte. Bei dem Prozessmodell, das mir vorschwebt, hat man es eher mit einer Neuauflage des von Adam Smith eingeführten Arguments der unsichtbaren Hand zu tun. Scheinbar sehr naiv, bietet es in Wahrheit einen komplexen Gedanken im Vorfeld der Kybernetik und der Chaostheorie. Wenn man Chaostheoretiker und Kybernetiker auf die soziale Evolution ansetzt, werden sie nach Durchrechnung aller erreichbaren Variablen zu dem Schluss kommen, dass man unter allen Umständen etwas Besseres als den Super-GAU erwarten darf. Optimismus als Minimalismus. Mit dieser Auskunft kann man weiterarbeiten.

„ Islam hat keine bessere Moderne „Optimismus als Minimalismus “