Gut verpackte Propaganda

Schokoriegel und Teddybären für arme Kinder: Das Projekt „Weihnachten im Schuhkarton“ ist eine karitative Erfolgsstory. Aber an dem Verein hinter der Aktion wird Kritik laut – er ist ein Ableger der christlich-fundamentalistischen Billy Graham Association

Es sind große, graue Lagerhallen, die sich an der Neuköllner Gradestraße auftun. Auf dem Hof docken Lastwagen im Rückwärtsgang an Ladeluken an. In einem der Gebäude laufen in buntes Geschenkpapier verpackte Schuhkartons über ein Band. Links und rechts prüfen Frauen den Inhalt der Schachteln – Kinderspielzeug, Süßigkeiten, Stifte, Kleidung. Die Kontrolleurinnen achten darauf, dass bestimmte Produkte nicht enthalten sind. Keine Nüsse, keine Gummibärchen, kein Kriegsspielzeug. Von Montag bis Samstag stehen sie hier in der Adventszeit, von morgens um halb neun bis abends um acht. Sortiert, gepackt, verschnürt und gestapelt wird ehrenamtlich und für eine gute Sache: Die bunten Kartons sollen Kindern in armen Ländern eine weihnachtliche Freude bereiten.

Die Halle in dem Neuköllner Gewerbegebiet ist das Zentrallager des Vereins „Geschenke der Hoffnung“. Der schreibt mit seiner Aktion „Weihnachten im Schuhkarton“ seit zehn Jahren eine Erfolgsstory der Wohltätigkeit: Konnte man 1996 noch 1.600 Pakete verschicken, sind in diesem Jahr exakt 423.576 prall gefüllte Kartons bei den 3.308 Sammel- und Annahmestellen eingegangen. Politiker und Prominente unterstützen das Projekt, von der Bundesfamilienministerin bis zum „Tatort“-Kommissar Peter Sodann. Es scheint, als liebte ganz Deutschland die pfiffige Charity-Aktion, und Berlin ist ihr Epizentrum: Hier befinden sich nicht nur das Lager und die Geschäftsstelle, hier führt auch das Amtsgericht als eine von vier deutschen Justizbehörden den Verein als gemeinnützigen Empfänger von Bußgeldern. Die Berliner Stadtbibliotheken haben sich als Annahmestellen zur Verfügung gestellt.

Dabei ist nicht jeder gleichermaßen erbaut über das karitative Schachtelprinzip. Gerade die Kirchen stehen dem Projekt reserviert gegenüber. Ihre Kritik: Die Aktion gehöre in Wirklichkeit zur Missionsarbeit christlich-fundamentalischer Evangelikaler. Die Hilfe sei nicht nachhaltig, und dem Verein gehe es um die Akquirierung von Spenderadressen, lauten weitere Vorwürfe. „Mich stört, dass da Mission und Hilfsdienst zusammengeworfen werden. Da wird der Schuhkarton schnell zur Mogelpackung“, sagt etwa Stefan Förner, Sprecher des katholischen Erzbistums Berlin. In den Bistümern München und Freising erging im letzten Jahr sogar ein Erlass an die Gemeinden, nicht an der Kartonaktion teilzunehmen.

Stramme Bibeltreue

Tatsächlich sind die „Geschenke der Hoffnung“ ein Ableger der stramm bibeltreuen Billy Graham Evangelistic Association. Die Organisation des US-amerikanischen Erweckungspredigers ist hierzulande seit den 60er-Jahren aktiv. Im Jahr 1996 rief sie über ihren internationalen Wohltätigkeitsverein „Samaritan’s Purse“ erstmals die Deutschen auf, Schuhkartons für notleidende Kinder zu packen. Fünf Jahre später wurde der Verein in „Geschenke der Hoffnung“ umbenannt – da war die Kartonaktion bereits ein großer Fisch im deutschen Spendenteich: Fernsehspots und Zeitungsannoncen warben für das Projekt, immer neue und hochrangigere Unterstützer wurden präsentiert.

„Die Idee ist genial und perfekt ausgeführt“, sagt Cornelia Schattat vom Entwicklungsdienst der evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg. „Aber ich werde das Gefühl nicht los, dass die Geschenke an den Zielorten nach dem Anhören einer evangelistischen Predigt ausgeteilt werden.“ Auch Reinhard Hempelmann, Leiter der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen, sieht das Projekt kritisch: „Wir warnen nicht davor, aber wir empfehlen es auch nicht.“ Der Theologe sieht das Konzept der Aktion „in einem dezidiert missionarischen Zusammenhang, der für viele evangelikal geprägte Projekte kennzeichnend ist“. Der vom Verein hervorgehobene Hilfscharakter sei „eher gering einzuschätzen“. Dafür berge gerade die Präsenz der Graham-Leute in muslimischen Ländern Konfliktpotenzial. Dass Franklin Graham, Sohn des Gründers und inzwischen der Kopf der Gemeinde, den Islam als „ein Übel und eine böse Religion“ beschimpft hat, habe in den islamischen Ländern zu „Irritationen und kontroversen Diskussionen geführt“, so Hempelmann.

Die Neuköllner Päckchenpacker lassen sich von solcher Kritik nicht beirren. In der Lagerhalle läuft das Radio, für den Hunger zwischendurch gibt es Kaffee, Nutellabrötchen und Schokokränze. „Wir haben einen festen Stamm an Freiwilligen, die kommen jedes Jahr wieder“, freut sich Vereinssprecherin Esther Heyer. Nur starke Männer, die die Kartons auf die Lastwagen hieven könnten, gebe es bisweilen zu wenige. Dann kommt der Chef. Christoph von Mohl, Geschäftsführer von „Geschenke der Hoffnung“ trägt ein Basecap mit dem Vereinslogo über einer rot gescheckten Brille. Er ist gut gelaunt. „Schreiben Sie nicht ‚Stolz‘. Wir empfinden eine tiefe Dankbarkeit für die großzügigen Spenden“, sagt von Mohl. Und: „Mit unserer Idee erreichen wir eine immer stärkere Durchdringung der Gesellschaft.“

„Durchdringung der Gesellschaft“ – solche Formulierungen sind Max Fengler* höchst suspekt. Seinen wahren Namen und seine Position möchte der Kirchenmann nicht in der Zeitung lesen, aber zu „Weihnachten im Schuhkarton“ hat er eine klare Meinung: „Das ist eine zur Geld- und Missionsmaschine gewordene, raffinierte Fund-Raising-Aktion“, schimpft Fengler. Von den Spendern werde verlangt, Adressen beizulegen, ohne dass diese jemals Kontakt zu den Empfängern ihrer Geschenke aufbauen könnten. „Die Adressen werden genutzt, um für andere Projekte zu werben. Die Päckchen sind da fast unwichtig.“ Auch Fengler kritisiert die Verteilung der Kartons in den Empfängerländern durch „fundamentalistische Gruppen aus dem evangelikalen Spektrum“.

Fromme Bilder im Paket

Dass das Kartonprojekt eine christliche Note hat, daraus macht der Verein keinen Hehl. Zusammen mit den Kartons würden auch Heftchen mit Bildergeschichten aus der Bibel an die Kinder verteilt, sagen Esther Heyer und Christoph von Mohl. „Wir machen das, weil Weihnachten ist. Da gehört die Geschichte von Jesu Geburt und Leben doch dazu“, findet von Mohl. Ob sie mal ein Ansichtsexemplar zeigen könnten? Leider nein: „Die werden gesondert verpackt“, erklärt Heyer und betont: „Die Kinder sind natürlich nicht gebunden, die Heftchen zu nehmen. Wir achten immer auf die lokalen Gegebenheiten. Wir wollen ja niemanden in Gefahr bringen.“

Ob er sich als evangelikal bezeichnen würde? Von Mohl winkt ab: „Das ist so ein deutscher Begriff. Unsere Basis ist die Bibel, ohne etwas davon wegzunehmen oder hinzuzufügen.“ Der christliche Glaube sei die Basis des Vereins. Seine Vermittlung fasst von Mohl, der täglich in der Bibel liest, als Entwicklungshilfe auf – nachhaltige Entwicklungshilfe: „Wenn ich Menschen Wertschätzung entgegenbringe und mit ihnen über den christlichen Glauben spreche und das etwas in ihnen bewirkt, dann ist das auch nachhaltig.“

Zu seiner Partnerorganisation, der Billy Graham Evangelistic Association, will von Mohl nicht viel sagen. Man habe sich 2001 umbenannt, um die verschiedenen karitativen Projekte, die inzwischen unter dem Dach der Organisation liefen – Flüchtlingshilfe, Baby-Notprojekte, „Evangelisations“-Einsätze – besser zu trennen. Esther Heyer und er seien auch weiterhin Mitglieder in der Graham Association. „In den Vorständen sind wir in Deutschland ohnehin nur ganz wenige“, sagt von Mohl. Rund zehn Personen säßen in der Führungsetage von „Geschenke der Hoffnung“. Er selbst sei zudem im Vorstand von „Samaritan’s Purse“ in den Niederlanden.

Alles transparent

Worauf von Mohl dann doch mit ein wenig Stolz verweist, ist die Transparenz seines Vereins: Rechenschaftsberichte aus allen Verteilerländern, exakt aufgeschlüsselte Jahresreports und – als ultimativer Nachweis der Seriosität – das Spendensiegel des Deutschen Zentralinstituts für Soziale Fragen (DZI). Wenn Christoph von Mohl das alles erwähnt, spricht aus ihm der professionelle Manager. Da ist dann von „Qualitätskontrolle“ die Rede und von „Produktlinie“, wenn er die Konzentration des Vereins auf Kinderhilfe meint.

Cornelia Schattat vom evangelischen Entwicklungsdienst verweist dagegen auf den hohen Anteil von Spendenmitteln, den „Geschenke der Hoffnung“ für Werbung aufwende: Ein Fünftel des Geldes sei 2003 für die Produktion von Infomaterial ausgegeben worden. „Das sind ganz andere Prioritäten, als sie in der deutschen Vereinskultur oder den Kirchen üblich sind.“

Es ist ein ziemlich undurchdringliches Geflecht von Projekten, Organisationen, Posten und Lizenznehmern, das sich um „Weihnachten im Schuhkarton“ spinnt – ein Geflecht, das den missionarisch-evangelikalen Kern des Ganzen kaum noch erkennen lässt. Jedenfalls so wenig, dass Jahr um Jahr mehr Spender gut gefüllte Schuhkartons einreichen. In Berlin hat der Verein am kommenden Sonntag eine zusätzliche Charity-Aktion nach dem offiziellen Ende der Sammlung ausgerufen: Dann darf jeder, der mit einer Schuhschachtel unterm Arm kommt, kostenlos die Kinopreview „Nachts im Museum“ im Kinocenter Spandau, im Alhambra Wedding und im Titania Steglitz besuchen.

Erst am Montag haben die Liberalen um Fraktionschef Martin Lindner im Lager mit angepackt. Schon im vierten Jahr, wie der FDP-Mann betont. Bibelhefte? „Hab ich noch nie gesehen.“ Missionsabsichten? Lindner lacht: „Das ist doch Blödsinn.“ Nächstes Jahr ist er wieder dabei.