Ein Hund namens Hitler

HUNDEFÜHRER Pfote zum Hitlergruß erhoben? Ein Fall für das Auswärtige Amt: Wie die Nazis im Zweiten Weltkrieg dem Herrchen einer finnischen Promenadenmischung nachstellten

VON KLAUS HILLENBRAND

Die Angelegenheit war wichtig und duldete keinen Aufschub. Beteiligt: das Berliner Auswärtige Amt mitsamt der deutschen Botschaft in Helsinki und dem deutschen Konsulat in Tampere. Weiterhin: das Reichswirtschaftsministerium, die Präsidialkanzlei des Führers und Reichskanzlers Adolf Hitler sowie das größte Chemieunternehmen des Reichs, die IG Farben mit ihrer Vertretung in Leverkusen. Zeit der Handlung: im Zweiten Weltkrieg 1940 und 1941, kurz vor dem Überfall Nazideutschlands auf die Sowjetunion.

Es ging um einen Hund.

Im finnischen Tampere nördlich von Helsinki geht Tor Borg, 41 Jahre alt, Halbglatze, gerne zu Späßen aufgelegt, seinem unspektakulären Beruf nach. Borg hat 1939, erst ein Jahr zuvor, das von seinem Vater gegründete Unternehmen Tampereeen Rohduskuppa Oy übernommen. Die Firma handelt mit Pharmazeutika, kauft Pillen, Fläschchen und andere Mittel ein und beliefert damit finnische Apotheken. Eine krisensichere Sache. Borgs Firma gilt als Marktführer in Finnland. Er hat in Frankfurt am Main und Halle studiert und ist seit 1923 mit der Deutschen Josefine Neisius verheiratet. Seine Firma unterhält vielfältige Geschäftsbeziehungen zu deutschen Chemieunternehmen, darunter Merck und Bayer Leverkusen, Letzteres Teil des IG-Farben-Konzerns.

Im Raum stehen eine Beleidigung des Führers, die Anklage vor Gericht, der Boykott seiner Firma

Konvolut von Papieren

Und Tor Borg besitzt einen Hund. Das Tier erinnert entfernt an einen Dalmatiner, ist aber eine Promenadenmischung. Der Name dieses Hundes wird Tor Borg in den nächsten Monaten Schweißperlen auf die Stirn treiben.

Wann genau und unter welchen Umstände die Affäre beginnt, geht aus den Akten nicht hervor, die im Politischen Archiv des Auswärtigen Amts in Berlin unter der Signatur R 98974, 3/80 bis 4/94, 1941, Band 10, verwahrt werden. Das Konvolut von Papieren startet vielmehr mitten in der Angelegenheit. So viel aber lässt sich rekonstruieren: Ende 1940 erhält das Auswärtige Amt einen Hinweis, nach dem der finnische Unternehmer Tor Borg seinen Hund Hitler nennt. Und nicht nur das: Das Tier könne auf Befehl auch eine Pfote zum entsprechenden Gruß erheben.

Nun ist die Hundeliebe Adolf Hitlers bekannt, der selbst einen Schäferhund besaß. Das Tier hörte auf den Namen Blondie und verstarb wie sein Herrchen im Mai 1945 eines unnatürlichen Todes im Bunker der Reichskanzlei.

Wenn jedoch Ende 1940 ein Finne, Bürger eines befreundeten Staates des Großdeutschen Reiches, seinen Hund Hitler nennt, hört für die Diplomaten in der Berliner Wilhelmstraße der Spaß auf. Schließlich könnte es sich um eine Beleidigung des Führers und Reichskanzlers handeln. Der mag die Hand heben, die Volksgenossen mögen ihre Hände heben, aber doch nicht ein ausländischer Hund seine Pfote. Anfang 1941 wird die deutsche Botschaft in Helsinki und das Konsulat in Tampere mit Ermittlungen beauftragt.

Am 22. Januar 1941 muss sich Tor Borg in der Botschaft in Helsinki rechtfertigen. „Ich persönlich habe meinen Hund niemals bei diesem Namen gerufen“, gibt der Unternehmer zu Protokoll. Und weiter: „Die Ursache des Gerüchts dürfte auf eine Episode im Sommer 1933 zurückzuführen sein, die nur im Kreise meiner Familie gespielt hat und bei der keinerlei politische Hintergedanken vorlagen.“ Seine Frau sei damals auf die Idee gekommen, den Hund „Hitler“ zu rufen, weil der so seltsam ein Pfötchen hebe. Borg versichert, dass ihm Handlungen, „die als kränkend für das Deutsche Reich aufgefasst werden können“, fernlägen.

Die Nazibehörden geben sich mit diesen Einlassungen freilich nicht zufrieden. In Tampere ermittelt der deutsche Vizekonsul Willy Erkelenz weiter gegen den Hundebesitzer. Borg habe ihm gegenüber zugegeben, den Hund in seinem ersten Lebensjahr Hitler genannt zu haben. Doch das sei schon acht Jahre her, schreibt er am 29. Januar in einem Bericht an die Botschaft in Helsinki. „Aus verständlichen Gründen sucht Borg die ‚Episode‘ in die Zeit vor der Machtübernahme in Deutschland zurückzuverlegen. Darüber steigen sofort Zweifel auf, weil eine so unschuldige Sache im Verlauf von acht Jahren vergessen sein müsste, wenn sie nicht neue Nahrung erhalten hätte“, schließt Willy Erkelenz messerscharf.

Zu einer Einvernahme des Hundes kommt es offenbar nicht.

Die Nazibehörden sind nicht bereit, die Sache auf sich beruhen zu lassen. Willy Erkelenz macht sich auf die Suche nach Personen, die den Namen des Hundes und den Bewegungsablauf von dessen Vorderpfote bezeugen können. Inzwischen ist auch das Reichswirtschaftsministerium mit dem Fall betraut. Die IG Farben werden eingeschaltet. Für Borg ist das kein Spaß mehr. Im Raum stehen eine Beleidigung des Führers, eine entsprechende Anklage vor einem finnischen Gericht, der Boykott seiner Firma.

Bei Bayer Leverkusen findet sich ein Zeuge: Der Prokurist Suchanek habe bestätigt, „dass er im Jahre 1934 oder 1935 anlässlich eines Geschäftsbesuches im Hause Borg anhören musste, dass der Hund mit dem Namen des Führers gerufen wurde. Auf energisches Einschreiten seitens des H. Suchanek erklärte Herr Borg, von dieser für H. Suchanek untragbaren Handlung in Zukunft Abstand nehmen zu wollen“, schreiben die Leverkusener am 31. Januar 1941 an das Reichswirtschaftsministerium. Auch Vizekonsul Erkelenz in Tampere wird fündig: „Ein Zeuge, der nicht genannt werden will, hat ausgesagt, dass er im Konversationsklub in Gegenwart mehrerer Personen gesehen und gehört habe, wie Borgs Hund auf den Aufruf ‚Hitler‘ reagierte und die Pfote erhob“, heißt es in seinem Bericht vom 29. Januar.

Borgs politische Meinung wird zugleich als zweifelhaft beschrieben: Borg habe für den Nationalsozialismus „keinerlei Verständnis“, berichtet die Bayer AG. Seine „betont deutschfreundliche Gesinnung ist mit Vorsicht aufzufassen. Nationalsozialistisch ist die keineswegs, aber eher das Gegenteil“, schreibt Vizekonsul Erkelenz.

Und dann folgt ein Satz, der den ganzen Irrsinn der Affäre „Hund Hitler“ unfreiwillig auf den Punkt bringt: „Borg ist trotz seiner gegenteiligen Beteuerungen nicht reinhaarig.“

Bei Bayer ist man gerne bereit, die Existenz von Tor Borg zu vernichten, solange die eigenen Absatzmärkte nicht darunter leiden: „Wenn man, was wir aus politischen Gründen durchaus unterstützen würden, die Firma des Herrn Borg zur Ausschaltung bringen will, so müsste am besten in Gemeinschaft mit der Wirtschaftsgruppe Chemische Industrie geprüft werden, in welcher Weise der Absatz der deutschen Arzneimittel an finnische Apotheken sichergestellt werden kann“, schreibt ein Firmenvertreter.

Das Auswärtiges Amt prüft, offenbar im Auftrag der Reichskanzlei, ob sich genügend Zeugen finden

Das Auswärtiges Amt in Berlin prüft, offenbar im Auftrag der Reichskanzlei, ob sich genügend Zeugen finden, um Tor Borg vor einem finnischen Gericht zu verklagen. Und dabei kommen die Diplomaten nicht recht weiter, was schließlich zu einer glücklichen Wende in der Affäre führen wird. Der anonyme Zeuge, den der deutsche Vizekonsul in Tampere entdeckt hat, ist vor Gericht nichts wert. Ein anderer Mann fällt um: „Der Zeuge von Witzleben zieht seine belastenden Aussagen zurück und hat sich bezeichnender Weise mit Borg verständigt“, schreibt Erkelenz betrübt. Suchanek, der Prokurist bei Bayer Leverkusen, leidet unter Gedächtnislücken: Er „kann sich nicht erinnern, ob der Hund des Herrn Borg auf Zuruf ‚Hitler‘ zur Nachäffung des Hitler-Grusses die Pfote erhob“, bedauert der Chemiekonzern.

Am 21. März 1941 lässt das Auswärtige Amt bei der Präsidialkanzlei des Führers und Reichskanzlers anfragen, ob gegen Borg Strafantrag gestellt werden soll. Fünf Tage später erfolgt die Antwort: „Mit Rücksicht darauf, dass der Sachverhalt nicht restlos aufgeklärt worden ist und mehrere Jahre zurückliegt, halte ich die Stellung eines Strafantrages nicht für erforderlich“, lautet das Verdikt. Damit ist die Angelegenheit abgeschlossen.

Tor Borg in Tampere kann aufatmen. Ganz im Gegensatz zu den Nazis übersteht er den Zweiten Weltkrieg unbeschadet. Nach dem Tod des Hundes mit dem angeblichen Namen Hitler schafft er sich zwei Cockerspaniel an. Tor Borg stirbt 1959 im Alter von 60 Jahren. Aus seiner Firma erwächst später die Tamro Group, heute der führende Großhändler für Pharmazeutika in Nordeuropa von Estland bis nach Norwegen mit etwa 5.500 Beschäftigten.

Der Hund hieß übrigens Jackie.

Der Autor dankt Esther Sabelus, Berlin, für Hinweise zur Recherche