Die Ärzte verdienen gut genug

Die Proteste der Mediziner gehen an den echten Problemen vorbei – wie Zweiklassenmedizin oder ungerechter Honorarordnung. Die Politik muss hart bleiben

In immer kürzeren Abständen gehen die deutschen Ärzte auf die Straße und protestieren gegen die Gesundheitspolitik. Dabei wird von den Medizinern unter anderem eine Einkommensverbesserung von 30 Prozent verlangt. Die angestellten Klinikärzte haben in den letzten Monaten tatsächlich ein Einkommensplus von 20 Prozent durchsetzen können. Jetzt streiken die niedergelassenen Ärzte. Diesmal darf die Politik nicht nachgeben, denn die Ärzte verdienen insgesamt genug – das Geld ist nur völlig falsch verteilt.

Zunächst ist festzustellen, dass die quantitative Versorgung Deutschlands mit Ärzten mehr als ausreicht. Seit 1995, als noch regelmäßig von einer „Ärzteschwemme“ gesprochen wurde, ist die Zahl der niedergelassenen Ärzte von 117.578 auf 134.798 gestiegen. Zeitgleich nahm auch die Zahl der Krankenhausärzte von 132.736 auf 146.511 zu. Dafür gibt es keine demografischen oder medizinischen Gründe. Seit 2002 ist die Zahl der Krankenhauseinweisungen um 600.000 Fälle gesunken. Die Praxisgebühr reduzierte die Zahl der Arztbesuche um 10 Prozent in Deutschland.

Auch ist es unwahr, dass die Zahl der Kranken gerade jetzt stark steige. Wegen des Geburtenausfalls während des Zweiten Weltkriegs ist momentan Ruhe an der demografischen Front, weil die Menschen, die in der Zeit von 1940 bis 1946 nicht geboren wurden, heute weder in Rente gehen können noch chronisch krank werden. Der medizinische Bedarf wird erst ab 2012 zunehmen, weil dann die Baby-Boomer in das Alter zunehmender chronischer Erkrankung kommen.

Ein Ärztemangel ist aber auch in Zukunft nicht zu befürchten. Ein Vergleich mit den Niederlanden macht die Arztdichte in Deutschland deutlich: Wir haben doppelt so viele Hausärzte, und zweieinhalbmal so viele Fachärzte pro 100.000 Einwohner. In Deutschland wird doppelt so viel geröntgt und es werden doppelt so viele Herzkatheter geschoben wie im europäischen Durchschnitt. Zwar ist es richtig, dass in ländlichen Gebieten, insbesondere in den neuen Bundesländern, Hausärzte fehlen. An Fachärzten mangelt es aber fast nirgendwo. In den westdeutschen Großstädten gibt es fast überall ein Überangebot – weswegen die meisten Städte für weitere Niederlassungen sogar gesperrt sind.

Doch trotz der steigenden Arztzahlen ist das Einkommen pro Arzt nicht gesunken, sondern hat sogar zugelegt. Im Jahr 2003 lag es bei monatlich 10.517 Euro. Dies ist das Durchschnittseinkommen nach Abzug aller Praxiskosten vor Steuern, wie eine Zufallsstichprobe von 6.981 Ärzten ergab, die für das statistische Bundesamt gezogen wurde. 75 Prozent des Einkommens steuern gesetzlich Versicherte bei, 22,2 Prozent die Privatversicherten und so genannte IGEL-Leistungen, medizinisch fragwürdige Untersuchungen, die weder von der privaten noch der gesetzlichen Krankenkasse übernommen werden. Der Rest sind Honorare der Pharmaindustrie oder auch Einnahmen aus Praxisvertretungen und Gutachten.

Im Vergleich zu Holland haben wir doppelt so viele Hausärzte und zweieinhalbmal so viele FachärzteDas Durchschnittseinkommen der Ärzte lag 2003 bei monatlich 10.517 Euro – nach Abzug der Praxiskosten

Der Durchschnittswert kann aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass es sehr große Einkommensunterschiede gibt. So verdienen Radiologen in einer Gemeinschaftspraxis 19.083 Euro im Durchschnitt und Kinderärzte in einer Einzelpraxis 9.583 Euro. Hausärzte verdienen im Durchschnitt 8.867 Euro und damit deutlich weniger als Fachärzte. In den neuen Bundesländern wird rund 20 Prozent weniger verdient. Die Verlierer des derzeitigen Honorarsystems sind leider oft genau die Ärzte, die für die Versorgung der Bevölkerung besonders wichtig sind. Wer etwa in einem sozialen Brennpunkt arbeitet, verdient in der Regel ein Drittel weniger als der Durchschnitt, da er kaum Privatversicherte hat und keine teuren IGEL-Leistungen verkaufen kann. Gleichzeitig hat er oft höhere Praxiskosten, weil seine Patienten schwerer erkrankt sind und aufwändiger versorgt werden müssen. Dazu kommt, dass sogar die gesetzlichen Leistungen von Ort zu Ort unterschiedlich bezahlt werden und in Regionen mit hoher Krankheitslast und niedrigem Einkommen der Bevölkerung auch die Ärzte weniger Geld bekommen. Ein in Neukölln niedergelassener Frauenarzt wird für die gleiche Untersuchung von der Kassenärztlichen Vereinigung schlechter vergütet als am Starnberger See oder in Stuttgart. Das hat die massive Fehlverteilung der Ärzte zur Folge. Weshalb sollte eine Ärztin von München nach Schwerin ziehen, wenn dort mehr gearbeitet werden muss für zwei Drittel des Einkommens?

Die Einkommen der Ärzte müssen daher dringend anders verteilt werden:

Erstens muss gelten, dass die gleiche Leistung überall gleich honoriert wird. Bei unterschiedlichen Ortsmieten könnten die Krankenkassen einen Mietzuschuss zahlen.

Zweitens sollte das Honorar in Euro, nicht in Punktwerten geleistet werden. Dabei sollte so viel wie möglich mit Pauschalen pro Krankheitsfall gearbeitet werden. Damit könnten unsinnige Untersuchungen zurückgedrängt werden – zugunsten einer sogenannten sprechenden Medizin, die stärker auf die Bedürfnisse des Patienten eingeht.

Drittens muss es für besonders schwere Fälle und besonders gute Leistung Qualitätszuschläge geben, wie dies in England oder den USA der Fall ist. Damit wird verhindert, dass Problempatienten weiter durch das System gereicht werden, weil sie sich für den Arzt nicht rechnen. Wer solche Patienten heute behandelt, finanziert dies oft durch „Verdünnerscheine“, also relativ Gesunde, die er ohne hohe Kosten versorgen kann und die ihm somit Gewinn bringen.

Viertens sollte die gleiche Gebührenordnung für gesetzlich Versicherte und privat Versicherte gelten. Es ist schlicht unethisch, dass Ärzte für leichte Fälle von Privatversicherten mehr Geld erhalten als für schwer kranke gesetzlich Versicherte. Dies hat zu einer unwürdigen Zweiklassenmedizin geführt, die von den Ärzten mit beschämenden Argumenten verteidigt wird. Beliebt ist etwa die Behauptung, die Praxis müsste geschlossen werden ohne Privatpatienten.

Und fünftens sollten die Honorare von den Krankenkassen direkt an die Ärzte überwiesen werden, nicht durch die Kassenärztlichen Vereinigungen. Die Ärzte wissen, dass ihre Einkommen ungleich und ungerecht verteilt sind. Die Kassenärztlichen Vereinigungen blockieren seit Jahren die dringend notwendige Honorarreform, weil diese Umverteilung die Organisation spalten würde. Stattdessen fordern sie 30 Prozent mehr für alle, was aber weder die falsche Verteilung der Ärzte, die mangelnden Qualitätsanreize und die Zweiklassenmedizin beseitigen würde. In der Gesundheitsreform hat die Politik die notwendige Honorarreform teilweise in Angriff genommen. Gegen die Kassenärztlichen Vereinigungen konnte sie sich erneut nicht durchsetzen, die die vorhergesehene Honorarreform zurzeit im Hintergrund wirksam bekämpfen. Die Gesundheitspolitik steht vor einer wichtigen Machtprobe.