Die DJs mit der Goldkante

Weg von der Härte und hin zu mehr Tanzflächenglück: Mit dem Plattenlabel Innervisions hat der Berliner DJ Dixon den Sound der Hauptstadt verändert. Sein Entwurf einer House Music mit viel Euphorie und Melodie wird selbst in den USA hoch geschätzt

Diese Geschichten sind es, die Berlins Ruf als Ausgehmetropole begründen. Man hört den Bass schon aus der Ferne wummern, der Club befindet sich zwar im zwölften Stock eines Hochhauses, aber irgendwie finden die Frequenzen ihren Weg durch den Fahrstuhlschacht. Man fährt hoch und öffnet die Glastüre. Die Luft haut einen um. Man steht mitten im Gewusel neben der Tanzfläche, und nach wenigen Minuten ist man patschnass – ohne dass man sich groß bewegt hätte, dafür ist es eh zu voll. Mädchen schmeißen die Arme in die Luft und rufen den Namen des DJs, jedes Pianobreak wird mit Jubel empfangen, genau wie der Bass, wenn der DJ ihn einmal ein paar Takte lang weggenommen hat und wieder reinknallen lässt.

Kurz: Es ist eine ganz große Nacht an diesem Novembersamstag im Week-End, einem wunderschönen Club im Obergeschoss des Hauses des Reisens am Alexanderplatz. Wären die Fenster nicht beschlagen, man könnte über die ganze Stadt schauen. Die Party nennt sich Innercity, findet einmal im Monat statt, an diesem Abend wird die Veröffentlichung von „Where We At“ gefeiert, die erste CD-Compilation von Innervisions, das mit Innercity verbandelte Label.

Hinter der DJ-Kanzel ist es fast genauso voll wie im Rest des Ladens, was nicht nur daran liegt, dass ständig Freunde und Fremde ankommen und den DJs irgendetwas ins Ohr schreien. Es ist einfach eine ziemlich große Gruppe, die sich hier abwechselt – Steffen Berkhahn alias DJ Dixon, der Gastgeber des Abends, Kristian Beyer und Frank Wiedemann, Mitbetreiber des Labels und unter ihrem Namen Âme sein erfolgreichster Act, sowie Henrik Schwarz und Nicolas Chaix. Ersterer einer der talentiertesten Berliner-House-Produzenten, Letzterer ein unter dem Namen I:Cube bekannter House-Veteran aus Paris. Beide haben dieses Jahr Stücke auf Innervisions veröffentlicht. Alle werden im Interview von der „Essenz“ erzählen, die sie in House suchen: Dixon eher vernünftig und abgeklärt; verkatert, übernächtigt und leicht überdreht die Âme-Jungs; Henrik Schwarz eher schwärmerisch-suchend. Es klingt kitschig, ja, aber in dieser Nacht ist sie da, dieses sich der Beschreibung entziehende Tanzflächenglück. Schon die House-Erfinder im Chicago der späten Achtziger hatten keinen Namen dafür, so ordneten sie ihm einen Gott zu und nannten ihn Jack. Und Jack had the groove.

Das Gespräch mit Steffen Berkhahn findet zwei Steinwürfe entfernt vom Week-End statt, in den Büros von Double Standards, der Firma von Pierre Becker, der sich um die grafische Gestaltung von Innervisions kümmert. Tatsächlich bildet der Alexanderplatz den ideellen Schnittpunkt der Aktivitäten von Berkhahn: Die Labelbüros und das Studio sind in der Friedrichstraße, auf der Szenemeile Kastanienallee betreibt er noch ein Café.

Dixon ist ein Veteran des Berliner Nachtlebens. Seit den frühen Neunzigern legt er auf, eigentlich wollte er Leistungssportler werden, eine Verletzung warf ihn aus der Bahn, und als er das explodierende Clubleben der Nachwendezeit entdeckte, ließ er die Rekonvaleszenzübungen rasch bleiben. Und er ist ein Überzeugungstäter. Es waren zwar Alec Empires krachige Bass-Terror-Partys, die ihn ins Nachtleben zogen – doch schon damals legte er nur House auf.

Das war nicht immer einfach in einer Stadt wie Berlin, die es lieber mit den etwas ruppigeren und vor allem schnelleren Technobeats hielt. „Aber“, sagt Dixon, „ich habe mich immer der House Music verbunden gefühlt, mit all ihren Wandlungen. Ob es tranciger war, ob es Vocal House war, ob es Breakmomente hatte. Und jetzt bin ich da, wo ich bin.“ Und das, wo er jetzt ist, ist ziemlich bemerkenswert. Denn Innervisions ist nicht nur eines der profiliertesten House-Labels der Stadt. Anderthalb Jahre nachdem die erste Platte herausgekommen ist, ist es eines der profiliertesten House-Labels überhaupt. Kaum ein anderes Label erfreut sich im Augenblick einer so lagerübergreifenden Beliebtheit, welcher Plattenkoffer es auch sein mag: Die Wahrscheinlichkeit, dass sich hier Innervisions-Platten finden, ist hoch.

Tatsächlich präsentiert „Where We At“ eine äußerst glückliche Mischung verschiedener House-Auslegungen. Sei es das wunderschöne langsame Pianostück „Blade Dancer“ von Tokyo Black Star, der düster-treibende Titeltrack, „Baroque“ von Chateau Flight, was sich eher dem Italo-Disco-Aspekt zuneigt. Von dem Tech-House-Überknaller „Rej“ ganz zu schweigen. Eine brillante Compilation.

Interessanterweise wird dies auch in den USA wahrgenommen, dem Mutterland der House Music, wo man bis vor nicht allzu langer Zeit ganz gut ohne Produktionen europäischer Künstler auskam. „Ich bin überwältigt und überrascht, wie extrem wir da wahrgenommen werden, was für eine positive Energie einem da entgegengebracht wird“, schwärmt Berkhahn.

Was nicht zuletzt an Âme liegt. Frank Wiedemann und Kristian Beyer sind ein lustiges Duo. Am Montag nach der Innercity-Party sind beide noch etwas angeschlagen. Wiedemann ist der ruhige Studiotüftler mit Jazzrock-Vergangenheit, Beyer der Platten auflegende Springinsfeld. Sie kommen aus Karlsruhe und machen seit Jahren zusammen Musik, lange genug auf jeden Fall, dass der eine einen Satz anfängt, den der andere dann beendet. „Jeder normale Mensch hätte sich nach ‚Rej‘ gesagt, jetzt müssen wir ganz schnell noch was nachschieben“, sagt Frank dann etwa. „In dem Style“, ergänzt Kristian. „Aber danach ist uns nicht. Da lassen wir uns lieber Zeit für die nächste Maxi“, wird der Gedanke dann von Frank beendet. Es geht um „Rej“, den Überhit der beiden. Erschienen im Herbst 2005 – gespielt wird er immer noch. Für eine House-Maxi ist das eine Ewigkeit.

Natürlich freut einen so was. Es nervt aber auch. So haben sie den Spruch „Where Is ‚Rej‘?“ auf ihre wunderbare neue Mix-CD gepappt und den Hit einfach weggelassen. „Âme … Mixing“ präsentiert eine ganz eigene, aber sehr zeitgemäße House-Auslegung. Âme betten den tanzbaren Kern in eine europäische Frühachtziger-Disco und den Krautrock von Ash Ra Tempel ein und nicken damit in Richtung des Beardo House, wie er von Norwegern wie Todd Terje eingeführt worden ist.

Manchmal macht ihnen ihr Anspruch auch zu schaffen, dieses Qualitätsdenken, das dazu führt, so lange über jeden Track nachzudenken, bis noch das kleinste Detail stimmt. House ist ja einmal anders entstanden: als Schnellschuss-Musik, die gerade aus dieser Roughness ihre Energie zieht. „Das ist die europäische Herangehensweise“, sagt Kristian Beyer. „Wenn man die Amerikaner dann kennen lernt, stellt man fest: Die denken sich nichts dabei. Die machen einfach. Da kommt natürlich auch langweiliges Zeug rum. Aber die Mixtur aus beidem zu finden, das wäre ideal.“

Was auch für Henrik Schwarz gilt: „Leave My Head Alone Brain“ heißt nicht zufällig eines seiner letzten Stücke. Schwarz kommt aus Ravensburg, ein New-Economy-Job spülte ihn um die Jahrtausendwende nach Berlin. Er ist der Innervisions-Combo freundschaftlich verbunden und hatte bei „Where We At“, dem zweiten großen Hit des Labels, seine Finger drin. Er hat gerade die aktuelle Folge der renommierten „DJ-Kicks“-Serie eingespielt, und es ist eine der besten Ausgaben dieser lang laufenden Serie geworden. Ähnlich breit gefächert wie Âme, verbindet Schwarz die verschiedensten Stränge der schwarzen Musik für seine House-Auslegung: von James Brown und Cymande, über Drexciya und Robert Hood bis zu Marvin Gaye.

Man muss es nicht gleich zum Erfolgsgeheimnis aufpusten, doch eines fällt im Gespräch mit allen dreien auf: Da gibt es eine gemeinsame Generationenerfahrung, ob es die Bass-Terror-Party für Dixon waren, das Mannheimer Milk! für Kristian Beyer oder der Ravensburger House Club, der für Henrik Schwarz’ musikalische Sozialisation so wichtig war. Irgendwann machte es für jeden bum, bum, bum!, und eine neue Zeitrechung begann. Es waren nicht nur Ostberliner Kellerclubs, in denen diese Revolution stattfand, diese Läden gab es überall. Dann begannen die Mühen der Ebene. Man hatte mit House seinen Stil, und während Techno Mitte der Neunziger einmal durch die Wahrnehmung der Gesamtgesellschaft fegte, um dann wieder im Untergrund zu verschwinden, bauten sich die dortigen Aktivisten ihre Strukturen auf. Clubabende, Plattenläden, Freundschaften.

Dass dies sich nun ausgerechnet in Berlin kristallisiert, hat nur wenig mit dem Image der Ausgehmetropole zu tun, das Wochenende für Wochenende tausende von Rave-Touristen in die Stadt holt, die mit den Billigfliegern kommen. Natürlich schadet es auch nicht. „Früher“, erzählt Dixon, „war das Autotourismus, da hast du die Leute aus Berlin gehabt, Cottbus, Potsdam, Rostock, Anklam. Die haben jetzt ihre eigenen Clubs. Jetzt haben wir jedes Mal dreißig Leute, die sich in unserem Online-Forum aus Zagreb, London, Litauen anmelden.“ Wichtiger noch ist aber die damit einhergehende Infrastruktur. Die bildet den Rahmen, in dem individuelles und kollektives Am-Ball-Bleiben dann seine Früchte tragen kann.

„Wir versuchen uns nicht neu zu erfinden“, sagt Berkhahn zum Schluss noch, weil es ihm wichtig ist. „Wir arbeiten nur durch, was wir innerhalb von House Music erlebt haben.“ Und Pierre Becker, der Grafiker, der den Innervisions-Platten ihre schönen Cover gibt, konzeptionell der Musik verwandt durch ein Raster von Wiederholung und Variation, fügt hinzu: „Aus meiner Perspektive kann man das Programm des Labels mit einem Zirkus aus einem alten Jerry-Lewis-Film vergleichen: Da gibt es eine große Manege. Hier passiert mal was, da passiert mal was. Man wendet den Kopf und guckt mal hier und mal da. Es ist aber immer die gleiche Manege: die Manege House.“