Wikileaks war gestern

COMPUTER Alle Welt redet über die Enthüllungen des Julian Assange. Beim großen Hackertreffen in Berlin ist man schon weiter

Es ist kurz vor Mitternacht, als das Publikum auf dem 27. Kongress des Chaos Computer Clubs (CCC) sich erhebt und einem Mann Respekt zollt, der sich gegen die Geheimhaltungsbedürfnisse der USA erhoben hat. Dieser Mann hat keine weißen Haare. Er heißt nicht Julian Assange, sondern Nicholas Merrill. Er hat keine riesigen geheimen Datensätze veröffentlicht. Sondern im Gegenteil: Er hat sieben Jahre lang dagegen gekämpft, dass das FBI ihn mittels des Patriot Act dazu verpflichten wollte, Informationen über einen seiner Kunden an die Polizeibehörde zu übermitteln .

Eine Stunde lang hat Merrill seine juristische Odyssee nachgezeichnet: wie das FBI ihn in der Hochphase der Terroristenjagd nach dem 11. September aufforderte, Informationen über einen Kunden seiner damaligen Firma weiterzugeben – ohne richterlichen Beschluss und verbunden mit der Auflage, mit niemandem darüber zu sprechen.

Wie er Klage dagegen einreichte – unter Pseudonym, wegen der Schweige-Auflage. Wie herauskam, dass über 200.000 ähnliche Briefe vom FBI verschickt wurden. Und wie nur drei Personen und Organisationen den Rechtsstreit in dieser Angelegenheit suchten.

Seit August 2010 darf Merrill darüber sprechen. Das sei noch neu für ihn, sagt er, er müsse genau aufpassen, was er sage. Verrate er zu viel, drohten ihm zehn Jahre Gefängnis. Häufig atmet er tief durch, während er vorträgt, betont, wie schwer es für ihn war, die gesamte Angelegenheit seinem gesamten Umfeld vollkommen zu verschweigen, sie alle anzulügen. Seine eingegrabenen Augenringe und Stirnfurchen erzählen ebenfalls davon. Wenn er sagt: „Es ist besser, stehend unterzugehen, als auf den Knien zu sterben“, dann hört sich das an wie ein Mantra seiner vergangenen sieben Jahre, nicht wie eine abgedroschene Phrase.

Die Teilnehmer des CCC-Kongresses, der von Montag bis Donnerstag in Berlin stattfindet, feiern in diesem Jahr also einen wenig glamourösen Anti-Assange. Und das, obwohl Wikileaks, sein charismatischer Mitgründer und dessen Unterstützer es in den vergangenen Wochen und Monaten immer wieder in die Headlines der Massenmedien geschafft haben – selbst dort, wo Netzthemen sonst tunlichst umschifft werden. Das hat einen ganz simplen Grund: Die Hacker sind schon längst weiter.

Sie hatten Julian Assange, seinen damaligen Mitstreiter Daniel Domscheit-Berg und deren Wikileaks-Idee schon im vergangenen Jahr diskutiert und gefeiert, als noch kaum ein etabliertes Medium sich an der Whistleblower-Plattform die Finger schmutzig schreiben wollte.

Dieses Jahr hört man auf dem Kongress in vielen Vorträgen und auf den Fluren zwar viel Zustimmung für die Wikileaks-Veröffentlichungen. Auch Wikileaks-Aussteiger Domscheit-Berg spricht dort, allerdings über die Medieninitiative in Island. Helle Aufregung über die aktuellen Ereignisse, die außerhalb der Szene die Massenmedien nun ergriffen hat, sucht man aber im Kongresszentrum vergeblich.

„Wir brauchen mehr Nerd-Lobbyismus“

Internetaktivist Alvar Freude vom Arbeitskreis Zensur auf dem Kongress des Chaos Computer Clubs

Stattdessen versuchte der niederländische Hacker-Veteran Rop Gonggrijp schon in der Eröffnungsrede, die Debatte auf ein rationales Maß herunterzukochen. Gonggrijp, der wegen seines Kampfes gegen den Einsatz von Wahlcomputern unter Hackern Ansehen genießt und selbst an der Veröffentlichung des „Collateral Murder“-Videos von Wikileaks beteiligt war, sprach zwar auch von einem „Cryptowar 2.0“. Der vielleicht auch durch die Whistleblowing-Plattform ausgelöst worden sei. Doch er kritisierte die DoS-Racheattacken des Anonymous-Netzwerkes auf Webseiten von Mastercard oder Paypal scharf: „Diese ganze Anonymous-Sache geht mir auf die Nerven“, sagt er. Verantwortliche Hacker mit geistiger Reife würden so etwas nicht tun. Eine Aussage, für die er im vollbesetzten Hauptsaal des Berliner Kongresszentrums viel Applaus erntete.

Denn gerade die deutschen Hacker vom Chaos Computer Club haben sich in den vergangenen Jahren vor allem dadurch eine bedeutsame Stellung erarbeitet, dass sie konstruktiv auf Mängel hinweisen, den Dialog mit Behörden, Ministerien und Gerichten suchen, statt ernsthafte Zerstörung anzurichten. Nicht umsonst lautet der Titel des Kongresses, dessen Tickets innerhalb von wenigen Stunden ausverkauft waren, „We come in Peace“.

Eine Botschaft, die selbst beim amtierenden deutschen Innenminister Thomas de Maizière angekommen ist, der die Hacker zwar einmal als „rotzig“ bezeichnet, sie aber dennoch als Experten an seine Diskussionstische lädt. Umgekehrt loben die CCC-Sprecher den Minister dafür, dass der sich ihre Argumente überhaupt anhört. Auch wenn es eine andere Frage sei, was er dann daraus mache. Das unterscheide ihn von seinen Vorgängern Wolfgang Schäuble und Otto Schily. „Da ist uns ein Feindbild abhanden gekommen“, so CCC-Sprecher Andreas Bogk.

„Als Folge von Wikileaks werden die Behörden weltweit wohl noch stärker versuchen, die Freiheiten des Internets zu beschränken, sodass die Organisationen, die sich dem widersetzen, noch härter arbeiten müssen“, warnte Hacker Gonggrijp weiter bei seiner Eröffnungsrede. Und lenkt so, wie der gesamte CCC-Kongress in diesem Jahr, den Blick auch auf andere Netzthemen, die die versammelten viereinhalbtausend Hacker offensichtlich ebenso beschäftigen.

Denn die Punkte, an denen die Freiheit der Netze bedroht sind, sind zahlreich. Da sind zunächst die immer wiederkehrenden Versuche von Politik und Wirtschaft, das Internet mehr und mehr zu regulieren. Die müssen meist mühsam auf EU-Ebene in Brüssel bekämpft werden. Die Vorratsdatenspeicherung etwa, das Anti-Piraterie-Abkommen ACTA, mit dem Jagd auf Filesharer gemacht werden soll und dessen endgültiger Vertragstext nun vorliegt.

Oder der Versuch, unter dem Deckmantel der Verhinderung kinderpornografischer Inhalte im Netz Sperrlisten für Internetseiten zu etablieren. Reife Hacker, so der allgemeine Tenor, sollten ihr Wissen um die Gefahren dieser Vorhaben in politischen Aktivismus umsetzen, um die Freiheiten des Internets zu verteidigen. Oder, wie Netzaktivist Alvar Freude vom AK Zensur es formuliert: „Wir brauchen mehr Nerd-Lobbyismus.“

Bei anderen Themen zeigt sich, wie falsch der mangels Alternativen gerne genutzte Begriff der „Netzgemeinde“ ist. Etwa bei der Diskussion über Netzneutralität, also der Gleichbehandlung aller Datenpakete im Internet. „Das ist in der Community ein umstrittenes Thema“, sagt Andreas Bogk, Sprecher des Chaos Computer Clubs. Er selbst kann sich durchaus vorstellen, dass es sinnvoll sein kann, dass etwa Internettelefonie-Daten schneller transportiert werden als die von Downloads – wenn man selbst über diese Geschwindigkeit entscheiden dürfe. Und verhakt sich mit dieser Position schnell mit seinen Mitdiskutanten Falk Lüke vom Verbraucherzentrale Bundesverband und dem Blogger Scusi, die eine höhere Priorität für bestimmte Daten für hochproblematisch halten. Denn sie fürchten wie viele Netzaktivisten, dass bestimmte Daten diskriminiert, also langsamer übertragen würden – weil deren Inhalte missliebig sind oder weil kein zusätzliches Geld für eine schnellere Übertragung mehr Geld an Telekommunikationsunternehmen gezahlt wird.

Natürlich würde ein Hackerkongress diesen Namen nicht verdienen, wenn dort nicht auch ein paar amtliche neue Hacks vorgeführt würden. Dass irgendwann über Nacht die Startseite des FDP-Shops gehackt wurde und wahrscheinlich auch die Startseite der ARD, geht eher als nächtliche Fingerübung durch. Auf großer Bühne führen Sicherheitsexperten und Universitätsinformatiker aber auch vor, wie Attacken auf die Daten des neuen elektronischen Personalausweises durchgeführt werden können. Oder wie einfach Gespräche von vielen Mobiltelefonen abgefangen werden können – mit ein wenig offener Software und vier billigen Mobiltelefonen. Die Botschaft dieser Hacks: Mobilfunkkommunikation und auch der neue elektronische Personalausweis haben Sicherheitslücken, die dringend behoben werden sollen. Vielleicht sollen auch Nutzer auf diese Lücken aufmerksam gemacht werden. Oder, wie es ein Twitternutzer formulierte: „Wer jetzt noch SMS zur Authentifizierung für Onlinebanking nutzt, hat den Knall noch nicht gehört.“

Doch die Teilnehmer des CCC-Kongresses sind weit davon entfernt, sich oder andere nur ernst zu nehmen. Auch nicht Julian Assange. So tauchten an Tag zwei des Kongresses auf vielen Tischen, die sonst für Laptops, dicke Kabelstränge und blinkende Lichtinstallationen reserviert sind, überall klein silberne Kondompackungen drauf. „Suck my leaks“ stand darauf, daneben das Logo der Whistleblower-Plattform Wikileaks. Verteilt von einer französischen Hackergruppe aus Toulouse, die wie viele andere Netzaktivisten weltweit die Inhalte von Wikileaks gespiegelt hat. Eine Anspielung auf die aktuellen Sexvorwürfe gegen Julian Assange, in dem benutzte und geplatzte Kondome eine gewisse Rolle spielen. Die bei Kongress-Teilnehmern sofort Witzeleien auf Twitter provozierte: „Hoffentlich reißen die nicht.“