Es presst die Luft aus den Lungenflügeln

NEUE BASSMUSIK AUS GROSSBRITANNIEN Dubstep ist der heiße Scheiß auf englischen Dancefloors. Vor fünf Jahren war es ein Underground-Genre, heute ist es in den Charts. Und protestierende Studierende mögen es auch

Das schönste Dokument britischer Bassmusik war 2010 ein YouTube-Video. Eine Digitalkamera zeigt junge Menschen in einem Londoner Club. Die Bässe dröhnen, kurz darauf folgt Stille. Nach ein paar Sekunden ertönt eine Synthesizermelodie, die in ein hochgepitchtes Sample mündet, eine androgyne Stimme ruft: „What, what, what?“ Sofort bricht Jubel aus, Hände fliegen vor die Linse, und das Bild verliert sich in den Schlieren der Scheinwerfer.

„Please excuse the shit camera work, I was goin’ a little mental“, hat der Urheber unter seinem Video gepostet. Er war nicht der einzige. Girl Units „Wut“ war der Track, auf den sich 2010 alle einigen konnten. „Wut“ ist hoch verdichtete Bassmusik. Kick und Snares beschreiben einen leicht schleppenden Halfstep, Synthesizer und Coverdesign bedienen die Nostalgie nach Rave und 16-Bit-Computerspielen gleichermaßen. All das ist der Signature-Sound von Night Slugs, dem Label, auf dem der Track erschienen ist. 2010 beherbergte es die avancierteste Kreuzung der Stile. Nicht weil in Nerd-Checkerpose Einflüsse und Samplequellen vor sich hergetragen werden, sondern weil es den Dance-Underground mit der großen Popgeste versöhnte.

Das war nicht immer so. Vor gut fünf Jahren rückte das Genre Dubstep die Bassmusik von der Peripherie Londons ins Zentrum internationaler Aufmerksamkeit. Seine Subbässe pressten nicht nur die Luft aus den Lungenflügeln, sondern wurden dank arkaner Produktionstechniken und halb verdauter Kulturtheorie zu hochwertigen Assets subkulturellen Kapitals. 2010 war es mit der Gemütlichkeit der Subkultur endgültig vorbei. Magnetic Man, eine Supergroup von Dubstepproducern aus den frühen Tagen, eroberte mit stadionkompatiblen Hymnen die Top Ten. Im Osten Londons erhielt der einstige Piratensender Rinse FM eine offizielle Sendelizenz, und seitdem geben sich dort nicht nur DJs den Klinkenstecker in die Hand, sondern auch Jugendliche aus der lokalen Community, die ihre Lieblingsrapper aus der Grime-Szene interviewen. Eine Musik, die auf deutschen Tanzflächen immer noch für Leerstellen sorgt, ist in Großbritannien der Soundtrack einer Jugend, für die DJ-Podcasts und Quantensprünge in der Audiosoftware selbstverständlich sind und die sich daraus den Soundtrack für einen Alltag zwischen Euphorie und Krise bastelt.

Bei aller Avanciertheit: Die euphorischen, einschließen- den Momente des Dancefloors bleiben

Dubstep als Tiefenstruktur

So ist es auch bei Darkstar, die 2002 aus dem Norden Englands nach London gezogen waren und dort Dubsteppartys organisiert hatten, bevor sie selbst Musik produzierten. „Die Atmosphäre von Dubstep, die dissonanten Akkorde und seine Idee von Vergänglichkeit sind die Basis für unsere Musik“, erzählt Aiden Whalley. Verzerrte Subbässe sind auf ihrem Debütalbum „North“ trotzdem nicht zu hören. Stattdessen durchziehen klare Synthesizerflächen, gehauchte Gesangslinien und gedämpfte Drums die Songs, in denen Dubstep höchstens als Tiefenstruktur nachhallt. „Als wir aufnahmen, war es hart“, erinnert sich Whalley. „Wir haben von Sozialhilfe gelebt, ein komplettes Album voller Clubtracks eingespielt und es wieder verworfen.“ In einer kleinen Wohnung am Rande der Londoner Hipsterenklave Hackney aufgenommen, imaginieren sich Darkstar auf „North“ das Nordengland der frühen 1980er mitsamt seinem typischen Synthesizerpop als Sehnsuchtsort. Trotzdem fügt sich das Trio nicht dem Retrotrend der 1980er in Mode, Popmusik und Politik, sondern macht die Widersprüche wieder sichtbar, die Revival und Original zugrunde liegen.

Im Gegensatz zum britischen Chartsgeschäft, das von Producern und Künstlern der oberen Mittelschicht beherrscht wird, sind die verschiedenen Spielarten von Bassmusik immer noch die Musikszenen, in denen der Zugang kaum über Klasse und Ethnizität reguliert ist. Selbst ein Label wie Hyperdub, das vom Unidozenten Steve Goodman (Kode 9) geführt wird, verliert bei aller Avanciertheit nicht die euphorischen und einschließenden Momente des Dancefloors aus den Augen. Und auch die Chartserfolge von Magnetic Man werden nicht von selbstgerechten Ausverkaufsvorwürfen begleitet, sondern von dem Gefühl, dass es „unsere Jungs“ geschafft haben.

Denn trotz des Charterfolgs werden die Räume für Bassmusik in London enger. Die Gentrifizierung frisst auch in Londons East End ihre Eltern. Im Frühjahr wurde die Partyreihe Fwd>> in Shoreditch, einer der Geburtstätten des Dubstep, nur durch Konzessionen an die Ordnungsbehörden am Laufen gehalten. Zugleich hat die anhaltende Hysterie um knife crimes dazu geführt, dass die Londoner Polizei im letzten Jahr Partys ins Visier genommen hat, auf denen ein junges afrobritisches Publikum zu Bashment, einem Mix aus Dancehall, Funky und Grime, tanzt.

Das bleibt nicht ohne Spuren. Aber anders als in den 1980ern werden Polizeischikanen auf dem Dancefloor selten offen thematisiert. Stattdessen zeigt sich der Widerstand als Zeichen. Polizeisirenen sind ein Standardfeature von UK Funky-Tracks, und auch Juke, der große UK-Hype des letzten Jahres, beantwortet die Frage nach dem Raum mit Aneignung. In seiner Heimat Chicago ist Juke der Soundtrack zu Breakdancewettbewerben, die nicht nur in Clubs, sondern auch auf der Straße und in leer stehenden Lagerhäusern stattfinden.

England holt diese Entwicklung gerade nach. Addison Grooves „Footcrab“ und „Work Them“ von Ramadanman, die beiden Tracks, die die 160 bpm schnellen Rhythmen von Juke kompatibel zur britischen Clubmusik gemacht haben, sind beide auf dem Label Swamp 81 erschienen. Der Labelname trägt Geschichte in sich: Es war der Name einer Polizeioperation, die 1981 Riots zwischen der Polizei und afrokaribischen Einwanderern im Londoner Süden auslöste. Vielleicht ist er eine Erinnerung an die Dinge, die noch kommen werden. Anfang Dezember verdreifachte das englische Unterhaus die Studiengebühren und schaffte Bildungszuschüsse für ärmere Schüler ab. Vor dem Parlamentsgebäude wurden Studierende und Schüler stundenlang von der Polizei eingekesselt und tanzten gegen die Minusgrade. Die Soundsystems spielten Grime, Dubstep und Bashment – den Soundtrack einer Generation, die ihr Begehren nicht ohne Bassgrollen ausdrücken will.