Land im Glück

LEBENSWEISE Im Königreich Bhutan sollen Menschen nicht wie Güter behandelt werden, sondern alles soll einem höheren Wohl dienen. Unsere Autorin erzählt, ob das funktioniert

VON SONAM PELDEN

Es war zum Verrücktwerden. Überall um uns herum Reichtum und Fortschritt, Indien und China – und mittendrin mein kleines Land, Bhutan. Es ist ein armer Staat, jedenfalls wenn man den Maßstab anlegt, mit dem weltweit der Wohlstand gemessen wird: das Bruttosozialprodukt. Deshalb wollte Bhutan nicht seine Menschen wie Gut und Geld behandeln, sondern seine Rohstoffe und Finanzen sozusagen vermenschlichen. Und erfand das Bruttosozialglück.

Heute wird diese Philosophie auch außerhalb der engen Grenzen Bhutans als Alternative global diskutiert. Die Idee ist wahrscheinlich das einzige Geschenk eines Landes, das auf internationale Hilfe angewiesen ist, an die Welt. Kritisch werden wir vor allem immer wieder eins gefragt: Wie, bitte schön, wollt ihr Glück denn messen?

Tatsächlich versuchen die Behörden Bhutans das Glück in Zahlen zu fassen, es zu katalogisieren und messbar zu machen. Wir brauchten Indikatoren, Werte, Zielmarken, denn ohne solche Größen wäre nicht festzustellen, was auf dem Weg zum Glück schon erreicht ist. Glück wäre nicht mehr gewesen als ein schönes Wort, da waren sich alle Experten einig.

Und so erdachten sie ein komplexes Modell: Das Bruttosozialglück sollte auf vier Säulen ruhen – nachhaltige Entwicklung, Bewahrung der Kultur, Umweltschutz und gute Regierungsführung. Die wiederum unterteilen sich in neun Bereiche: psychologisches Wohlbefinden, Ökologie, Gesundheit, Erziehung, Kultur, Lebensstandard, Zeitmanagement, kommunaler Wohlstand und Bekämpfung der Korruption. Kompliziert? Es geht noch weiter.

Der Fortschritt in diesen Bereichen wird anhand von 72 Indikatoren untersucht (siehe Kasten), die das weite Feld menschlichen Bedürfnisses nach Glück ganzheitlich umfassen sollen. Denn schließlich ist die Idee des Bruttosozialglücks tief im Buddhismus verwurzelt.

Bruttosozialglück (auch: Bruttonationalglück) will den Lebensstandard ganzheitlich definieren. Erfunden hat es Bhutans inzwischen verstorbener König Jigme Singye Wangchuck, nachdem er sich über Berichte westlicher Medien geärgert hatte, in denen die „langsame wirtschaftliche Entwicklung“ seines Reiches kritisiert wurde. Neben Bhutan versuchen noch Ecuador und Bolivien mit der Verankerung des indigenen Prinzips des „guten Lebens“ einen ähnlichen Weg. Die Glücks-Indikatoren Bhutans sind in neun Bereiche aufgeteilt:

Psychisches Wohlbefinden (Wie steht es um Eifersucht, Frustration, Mitleid, Gebet, Meditation?)

Zeitverwendung (Was können Menschen in 24 Stunden alles machen? Ist das, was sie machen, dem Glück zuträglich?)

Gemeinschaftsleben (Wie verhält es sich mit den Beziehungen in der Gemeinschaft?)

Kulturelle Vielfalt (Werden Dialekte, regionale Sportarten oder Feste ausreichend gewürdigt?)

Gesundheit (Wie oft sind die Menschen krank? Wie weit ist es zum nächsten Arzt?)

Bildung (Werden Kenntnisse, Werte und Kreativität gefördert?)

Ökologische Vielfalt (Wie ernst werden Themen wie Umweltschutz oder Aufforstung genommen?)

Lebensstandard (Gibt es genug Wohnraum, Lebensmittel etc.?)

Gute Regierungsführung (Wie steht es um Effizienz, Ehrlichkeit und Qualität?)

Der Versuch, das Glück mit immer präziseren Formeln zu berechnen, hat leider einen großen Nachteil: Es versteht kaum jemand. Vor allem unsere Jugend kann kaum etwas damit anfangen.

„Es ist einfach zu verstehen, aber schwer zu interpretieren“, sagt Yeshi, ein 29-jähriger Angestellter, „es ist schwierig, Gefühle wie Glück in Zahlen zu fassen.“ Ein 30-Jähriger, der im öffentlichen Dienst arbeitet, gibt Yeshi recht: „Diese Idee muss verständlicher werden. Inzwischen ist die Diskussion derart abgehoben, dass sie nur noch Intellektuelle nachvollziehen können.“

Vielen Menschen ist einfach nicht klar, was das Bruttosozialglück in ihrem Alltag bedeutet. Deshalb fordert beispielsweise Dasho Karma Ura, bis zum Sommer 2009 der Präsident des Zentrums für Bhutan-Studien und einer der führenden Intellektuellen des Landes, ein Umdenken der Politik, aber auch jedes einzelnen Menschen. „Wir Bürger müssen unsere Einstellung und unser Verhalten ändern“, sagt Dasho Karma Ura, „wenn wir wirklich kollektives Glück erhalten und zu ihm beitragen wollen.“

Deshalb gibt es eine Kommission für das Bruttosozialglück und Komitees auf verschiedenen Regierungseben, die alle Entscheidungen darauf prüfen sollen, ob sie das Glück zum Ziele haben.

Doch in Bhutan können die Menschen seit elf Jahren 50 Kabelfernsehkanäle frei empfangen, es gibt das Internet. Sie sehen, wie anderswo gelebt wird. Das Bruttosozialglück als Idee hat harte Konkurrenz. Deshalb wurde es kürzlich auch im Bildungskanon verankert. Dasho Karma Ura reicht das nicht, er möchte viel mehr solcher Ansätze, in denen den Bürgern die „Gründe erläutert werden, warum die Dinge in Bhutan so und nicht anders gehandhabt werden“. Das gelte vor allem für die jungen Leute.

Doch es gibt noch mehr Hürden auf dem Weg zum Glück. So sind auch die Institutionen unserer Regierungen so aufgebaut, dass sie ihr Handeln eher am Bruttosozialprodukt als am Bruttosozialglück orientieren. Das gilt vor allem für viele Ministerien, beispielsweise die für Landwirtschaft, Forst, Handwerk und Finanzwesen. „Deren Fokus auf materielle Aspekte blendet nicht greifbare Faktoren aus, die entscheidend sind für das Glück“, kritisiert Bhutan-Forscher Dasho Karma Ura. „Vielleicht wäre es an der Zeit, so etwas wie ein Ministerium für Wohlbefinden oder Verhältnismäßigkeit zu schaffen.“

Und die Welt kommt nicht nur durch das Fernsehen nach Bhutan. Es gibt Liberalisierung, Ansätze zum Freihandel und direkte Investitionen ausländischer Unternehmen – alles nicht unbedingt begrüßenswert, wenn man es durch die Brille des Bruttosozialglücks betrachtet. Außerdem bauschten die verantwortlichen Gremien nachrangige Themen auf, kritisieren Skeptiker, statt sich mit so entscheidenden Dingen wie dem noch immer ausstehenden Beitritt Bhutans zur Welthandelsorganisation zu beschäftigen.

Mit dem Buddhismus hat das Bruttosozialglück also eines gemein: Sie sind beide noch nicht umfassend verstanden worden, vielleicht geht das auch gar nicht. Es sind beides Ideen, die viele meiner Landsleute aus ihrer jeweils eigenen Sicht diskutieren und interpretieren. Dasho Karma Ura freut das: „Das ist gut, weil die Diskussion über das Bruttosozialglück bedeutet, sowohl über die Zukunft Bhutans als auch über den Sinn des Lebens nachzudenken.“

Übersetzung: Arno Frank, Daniel Schulz

■ Sonam Pelden war im Rahmen des Journalistenaustauschprogramms IJP Gast der taz. Sie schreibt für die englische Ausgabe der bhutanischen Zeitung Kuensel.