Ein freier Vogel

NACHRUF Die Schriftstellerin Maya Angelou galt in den USA als „öffentliche Intelektuelle“, mit der sich PräsidentschaftskandidatInnen und Universitäten gern schmückten

Als kleines Mädchen hat sie sechs Jahre lang geschwiegen. Eine Reaktion auf ihre Vergewaltigung im Alter von acht. Als erwachsene Frau hat sie mit ihrem geschriebenen und gesprochenen Wort Millionen von US-AmerikanerInnen beeindruckt – darunter auch mehrere Präsidenten.

Das Leben von Maya Angelou beginnt in einem schwarzen Ghetto im tiefen Süden der USA. Nach ersten Jobs als Sängerin, Tänzerin, Schauspielerin und Prostituierte begann sie, ihre Autobiografie zu schreiben. Sie dichtete, drehte Filme, war Bürgerrechtlerin, reiste durch Afrika, war Journalistin. Am Mittwoch ist die 86-Jährige in ihrer Villa in Salem in North Carolina gestorben.

„Shakespeare war ein schwarzes Mädchen“, sagte Maya Angelou bei einer Vorlesung im vergangenen Jahr. Da war sie 84 Jahre alt und saß im Rollstuhl. Sie hatte das ansteckende, tiefe Lachen und trug den großen, glänzenden Schmuck und die fließende, feminine Kleidung, die zu ihren Markenzeichen gehörten. Wie so oft sprach sie von sich selbst, als Kind in Stamps, im Bundesstaat Arkansas, das jedes Buch der kleinen Bibliothek verschlang. Damals war sie sicher, dass Shakespeare, als er von einem Außenseiter schreibt, der den Himmel um Hilfe anruft, genau sie meinte.

Später wurde Angelou mit dem ersten Teil ihrer Autobiografie berühmt. Das im Jahr 1970 erschienene „I Know Why the Caged Bird Sings“ beschreibt eine Kindheit zwischen rassistischer und sexueller Gewalt und die Zärtlichkeit ihrer Großmutter und ihres Bruders. Das Buch wurde ein Welterfolg, den Angelou mit keinem der folgenden sechs Bände ihrer Autobiografie einholen konnte.

„Es gibt mehr Ähnlichkeiten als Unterschiede zwischen den Menschen“ ist einer der vielen Sinnsätze, die sie in die Welt setzte

Jahrzehnte danach, im Januar 1993, stand sie am Fuß des Kapitols in der US-Hauptstadt und trug ihr Gedicht „On the Pulse of Morning“ vor. Sie hatte es auf Wunsch von Bill Clinton für dessen ersten Amtsantritt geschrieben. In dem Gedicht spannte sie einen großen Bogen von Asiaten, über Sioux und Rabbiner bis zu Schwulen und Scheichs. Spätestens an dem Tag wurde sie eine „public intellectual“, mit der sich PräsidentschaftskandidatInnen und Universitäten schmückten.

Der Familie Clinton blieb Angelou so verbunden, dass sie 2007 die Präsidentschaftskandidatur der Gattin unterstützt. Barack Obama nahm ihr das nicht übel. Bei der Verleihung der Medal of Freedom im Jahr 2011 im Weißen Haus umfasste er ihre Schultern zärtlich von hinten und drückt ihr einen Kuss auf den Hals.

Angelou hat in ihrem Leben viel zusammengebracht, das für Spaltung gesorgt hatte. „Es gibt mehr Ähnlichkeiten als Unterschiede zwischen den Menschen“ ist einer der vielen Sinnsätze, die sie in die Welt setzte und die vielfach zitiert wurden.

In den 60er Jahren arbeitete sie nacheinander für zwei schwarze Bürgerrechtler: den „moderaten“ Martin Luther King und den „radikalen“ Malcolm X. Die Morde an den beiden erlebte sie als schwere Schicksalsschläge. Jahre danach suchte sie das Verbindende. Sagte: Beide Männer seien Prediger gewesen – der eine als Christ, der andere als Muslim.

Als Michael Jackson 2009 starb, ging Angelou mit einem Gedicht in die Annalen von Hollywood ein. Die Sängerin Queen Latifah trug ihr „We had him“ bei der Gedenkfeier vor. Da lehrte Angelou an Universitäten und trat – oft mit der eine Generation jüngeren afroamerikanischen Starjournalistin Oprah Winfrey – im Fernsehen auf.

Als der von ihr verehrte Nelson Mandela im vergangenen Dezember starb, war sie körperlich zu schwach, um selbst nach Südafrika zu reisen. Stattdessen schrieb sie ein Gedicht und stellte es als Video ins Internet: „His Day is Done“. Es ist eine Ode an einen David, der Goliath bezwungen hat. Es war ihr letzter internationaler Auftritt.