E 605? Barzahlung! Und ’ne Flasche Wein

Greenpeace interessierte sich bei Händlern für verbotene Insektizide, Pestizide, ähnlich gefährliche Agrochemie – und kaufte locker 100 Kilogramm zusammen. Machen aber skrupellose Bauern auch: Täglich kommen so Umweltgifte in die Nahrung

„Es war so überraschend einfach!“, sagt Manfred Krautter. Der Chemieexperte der Umweltorganisation Greenpeace hat einen Anruf getätigt, einen Treffpunkt vereinbart und den 10-Liter-Kanister E 605 in Empfang genommen. Gegen Barzahlung. Und eine Flasche Wein.

Das Insektizid E 605 wird auch Schwiegermuttergift genannt. Landwirte durften das tödliche Mittel bis 2002 auf ihren Felder sprühen, um gefräßige Insekten zu bekämpfen. Heute ist es EU-weit strikt verboten, wie viele andere alte Ackergifte auch. Doch ein kriminelles Netz aus Chemikalienhändlern vertreibt die gefährliche Ackerchemie noch immer, erklärte Krautter gestern. „Die Kunden der Gifthändler sind skrupellose Bauern, die die illegalen Pestizide auf Obst oder Gemüse verspritzen.“ So lande das Gift im Essen.

Tatsächlich werden immer wieder verbotene Stoffe in Obst und Gemüse nachgewiesen. Niedersächsische Lebensmittelkontrolleure untersuchten zuletzt Johannisbeeren und Stachelbeeren aus großen deutschen Supermärkten wie Aldi oder Tengelmann. Die Ware kam zumeist aus Deutschland. Gut 40 Prozent der Proben waren belastet.

Wie erhalten die Landwirte die Agrargifte, die schon längst aus dem Verkehr gezogen sein sollen? Greenpeace-Mann Krautter ging dieser Frage mit seinen Kollegen in den letzten sechs Monaten nach.

In dieser Zeit stellten die verdeckt ermittelnden Umweltschützer 38 Spritzmittelpackungen sicher. Von elf Händlern in Süddeutschland und im Elsaß bekamen sie zusammen etwa 100 Kilogramm illegale Chemie – darunter Biefenthrin, Malathion und Diethon, die entweder in Deutschland nie zugelassen waren oder seit vielen Jahren verboten sind – „mit gutem Grund“, sagt Manfred Krautter. Die giftigen Stoffe können Krebs auslösen oder die Fortpflanzungsfähigkeit beeinträchtigen. „Vier der Anbieter gehören“, so erzählen die Umweltschützer, „zum Raiffeisen-Verband“. Das ist der größte Agrarhändler in Deutschland. Es handele sich „um eigenständige Unternehmen“, erwidert allerdings Raiffeisen-Chef Rolf Meyer. Der Verband verurteile den Verkauf von verbotenen Mitteln. In der Regel handelten aber auch die angeschlossenen Warengenossenschaften „verantwortungsvoll“.

Greenpeace belegt die illegalen Geschäfte mit Dokumenten und Videos. Die Umweltschützer erhielten für manches verbotene Mittel sogar eine Rechnung. Die alten Gifte sind oft billiger als die neuen. Bauern hielten sie zudem für besonders wirksam, meint Krautter. Und: „Die Händler fühlen sich sicher.“

Denn die Behörden zeigten sich oft unbeeindruckt. Greenpeace hätten zum Beispiel das baden-württembergische Landwirtschaftsministerium informiert. Dieses habe aber keine Ermittlungen eingeleitet.

Inzwischen haben die Umweltschützer Anzeige wegen des Verstoßes gegen das Pflanzenschutzgesetz und wegen des Verdachts der Steuerhinterziehung erstattet.