Die Welt hat mehr als zwei Lager

Das neue Buch des ZDF-Korrespondenten Ulrich Tilgner „Zwischen Krieg und Terror“ wiederholt die Klischees von Islam und Christentum als unverbesserliche Antipoden. Die Ideologie von der Unvereinbarkeit der Kulturen aber führt zu Rassismus

Betritt man dieser Tage eine Buchhandlung, bekommt man es mit der Angst zu tun. Denn glaubt man den marktschreierischen Buchtiteln, die sich dort unter Schlagwörtern wie „Krisenherd“ oder „Brennpunkt Nahost“ versammelt finden, dann tummeln sich da draußen „Schreckensmänner“ und „Kinder des Dschihad“ auf ihrem „islamischen Weg nach Westen“, um mit ihrem „Sprengstoff für Europa“ dem dank „tödlicher Toleranz“ ohnmächtig zusehenden Westen einen „Kampf der Kulturen“ zu liefern, der sich gewaschen hat.

Auf dem seit Jahren florierenden Gebiet der Bange machenden Islampublizistik stehen die Kassandras, von Udo Ulfkotte über Hans-Peter Raddatz bis zum unermüdlichen Peter Scholl-Latour, mittlerweile so dicht gedrängt, dass sie sich bisweilen schon gegenseitig auf die Füße treten. Nun gesellt sich auch Ulrich Tilgner dazu, Sonderkorrespondent des ZDF für den Nahen und Mittleren Osten und Büroleiter des Senders in Teheran. Den „Zusammenprall von Islam und westlicher Politik im Mittleren Osten“ will er uns erklären. Man befinde sich nämlich im Niemandsland „Zwischen Krieg und Terror“, behauptet der Titel seines neuen Buchs, von dessen Cover uns der Autor mit sorgenvoller Miene entgegenblickt.

Der erste Satz gibt den Ton vor: „Im Mittleren Osten steht das Politbarometer auf Sturm.“ Es folgt als „Einführung“ der Aufriss eines Horrorszenarios, zusammengesetzt aus dem Atomprogramm des Iran, irakischem Bürgerkrieg, dem jüngsten Libanonkrieg sowie Ausschreitungen im Gaza-Streifen. Munter werden die Zutaten vermischt, wobei auch gleich die Unterscheidung von Diagnose und Therapie aus dem Sichtfeld gerät. Die ungelenke, zehnseitige Ouvertüre, ein an seiner Unschärfe krankender Parforce-Ritt durch die nahöstliche Zeitgeschichte, die dann auch noch mit der naiven Feststellung endet, „statt Kampf und Krieg könnte Dialog das Verhältnis der Kulturen prägen“. Trotzdem: Man sollte nicht vorschnell urteilen.

Ulrich Tilgner gehört seit Jahrzehnten zu den besseren Nahost-Journalisten, und dass ihm 2003 für seine Berichterstattung über den Irakkrieg der hoch angesehene Hanns-Joachim-Friedrich-Preis zuerkannt wurde, darf als ermutigendes Zeichen dafür begrüßt werden, dass die Selbstreinigungskräfte der Branche intakt sind. So sind denn auch die beiden Hauptkapitel, das eine über den Streit um das iranische Atomprogramm, das andere über den im Irak grandios gescheiterten „Krieg gegen den Terror“, erheblich besser geraten, als der Beginn befürchten lässt. Tilgner hat ein durchaus empfehlenswertes Buch in guter investigativer Tradition über die verfahrene Situation im Irak und Iran geschrieben, über gegenwärtige Machtpolitik und ihre Verlogenheiten, über offene diplomatische Verwerfungen und unterschwellig wirkende Missverständnisse. Kurz: Man hat es mit gut informiertem Journalismus zu tun, um politische Aufklärung bemüht und flüssig zu lesen.

Ein Ärgernis ist das Buch aber dennoch, und zwar wegen seines Huntington’schen Titels und ideologischen Überbaus, auch wenn wir Ersteres zugunsten des Autors der Marketingstrategie des Verlags in die Schuhe schieben wollen. Nun mag man es vielleicht für Beckmesserei halten, sich am Titel und der Einleitung eines Buchs zu stoßen. Es handelt sich dabei aber keineswegs um ein publizistisches Kavaliersdelikt, sondern um das Symptom eines gravierenden Problems: Tilgners Buch und all die anderen Bücher dieses Genres, sind Teil des Problems, das sie zu beschreiben vorgeben. Sie tun genau das, was sie nicht müde werden, dem Islam vorzuwerfen, nämlich nicht klar zwischen Religion, Politik und Gesellschaft zu unterscheiden.

Tilgners Buch ist Teil des Problems, das er zu beschreiben vorgibt. Auch er unterscheidet nicht klar zwischen Religion, Politik und Gesellschaft

So bleibt in der Kakofonie sich streitender Experten, von denen die einen immer neue Teufel an die Wand malen und die anderen sich im Gegenzug naiver Problemvergessenheit schuldig machen, als Grundton meist nur eines vernehmbar: dass der Islam eine Bedrohung sei und eine Gefahr darstelle. Mit dem Zauberwort „Islam“ scheinen alle Fragen hinreichend beantwortet. Praktischerweise entledigt eine solche Argumentation auch gleich von der lästigen Prozedur der Selbstkritik.

Diese Konstellation aber muss im Zusammenhang mit einem Besorgnis erregenden Befund gesehen werden: Umfragen ergeben mittlerweile hohe Werte auf die Frage nach der vom Islam ausgehenden Gefahr und konstatieren damit eine grassierende Islamophobie, von der es zum offenen Rassismus nicht mehr weit ist. Wer in einer derart gefährlich aufgeheizten Atmosphäre öffentlich über den Islam redet, muss sich seiner besonderen Verantwortung bewusst sein.

Es wäre aber so billig wie vermutlich wirkungslos, sich allein über die dezidiert islamophoben Scharfmacher zu echauffieren, die uns ernsthaft weismachen wollen, der Islam sei seinem Wesen nach gewalttätig, habe sich mit Feuer und Schwert verbreitet, friedfertige Völker reihenweise unterjocht, ihnen seine barbarische Religion aufgezwungen, und sei, da er nun einmal Renaissance, Reformation wie auch Aufklärung fahrlässigerweise verschlafen habe, hoffnungslos rückständig und zur Moderne weder fähig noch willig. Das Problem beschränkt sich nicht auf die Hassprediger hüben wie drüben. Vielmehr richtet bereits der gut gemeinte Aufruf zu einem Dialog der Kulturen Schaden an, denn auch er betont und zementiert die Unterschiede und vernachlässigt die Gemeinsamkeiten.

Den Hintergrund für diese irreleitende Ansicht bildet nicht zuletzt die besonders nach dem kläglichen Scheitern der EU-Verfassung zu beobachtende verkrampfte Suche nach einer europäischen Identität. Die Rede von den christlich-abendländischen Wurzeln der europäischen Werte ist inzwischen derart omnipräsent, dass sie in den Rang einer Selbstverständlichkeit aufsteigen konnte. Der Soziologe Ulrich Beck konstatiert zudem einen „militanten Unterton“ in der europäischen Wertedebatte, und der Historiker Wolfgang Reinhard äußerte unlängst, die Beschwörung von europäischen Werten lasse vermuten, „dass das Desiderat die Mutter der Emphase ist“.

Umgekehrt wird jeder Hinweis auf die enge Verflechtung der muslimischen Kultur mit der europäischen, auf die osmotischen Prozesse, dank deren sich die Kulturen über die Jahrhunderte befruchtet und ein Klima der Offenheit geschaffen haben, dem sich nicht zuletzt die Moderne verdankt, als idealistische Spintisiererei abgetan. Wer noch auf die Gemeinsamkeiten und gar auf den Beitrag des Islam an dem verweist, was wir unsere Kultur nennen, wird der Multikulti-Schwärmerei verdächtigt.

Gleichzeitig hat, was uns heute als Islam oder islamische Tradition verkauft wird, seine Wurzeln eben nicht notwendig in einer dem Abendland vor allem fremden Geschichte, sondern entwächst vielmehr dem Denken der Moderne mit seinem eng geführten Begriff von Identität und einer damit verbundenen Abgrenzungswut. Die traurige Selbstbeschneidung von Teilen der islamischen Theologie zu fundamentalistischer Simplizität ist darum nicht zuletzt Ausdruck und Symptom ihrer Modernisierung – auch und besonders dort, wo sie sich selbst als antimodern deklariert.

Das Buch von Tilgner nun tappt genau in diese Falle einer sachlich haltlosen Aufteilung der Welt in zwei von einander völlig fremde Lager: Abendland versus Morgenland. Und dies, obwohl er die politische Faktenlage in Iran und Irak in ihren internationalen Verflechtungen darzustellen weiß. Doch immer, wenn der Autor vom Besonderen zum Allgemeinen kommt, von der konkreten Situation zum Islam nämlich, verstrickt er sich in das Ideologem vom Kampf der Kulturen. Und rät entsprechend am Ende seiner Ausführungen daher erneut „zur Intensivierung des Dialogs der Kulturen“ sowie dazu, „Grundlagen für den Kampf gegen den globalen Terrorismus“ zu entwickeln.

Diese politische Weltsicht hat ihre Entsprechung im Kleinen. Die Gastarbeiter von einst sehen wir auf einmal als Muslime. Diese wiederum ziehen sich häufiger auf die vermeintliche Authentizität ihrer Traditionen zurück. Und auch durch die sichtlich verunsicherte so genannte Mehrheitsgesellschaft geht ein Riss: Wo diejenigen, die schon immer dagegen waren, schadenfroh das Scheitern der multikulturellen Gesellschaft beklatschen oder, wie Udo Ulfkotte, unverhohlen vom „Krieg in unseren Städten“ schwadronieren, da scheint den anderen als Maximalposition die Toleranz zu bleiben, auf die man sich als Erbstück der Aufklärung einiges zugute hält. Dabei versteckt sich hinter dem, was in Sonntagsreden unter Toleranz verbucht wird, oft kaum mehr als eine laue Duldung. In diesem Sinne kann eine tolerante Haltung Ausdruck von Missachtung sein und hat mit dem ungleich ernsthafteren Toleranzbegriff, wie ihn etwa Gotthold Ephraim Lessing in „Nathan der Weise“ vertrat, nicht mehr viel gemein.