„Musik hat uns das Leben gerettet“

Hellmut Stern war schon auf vielen Erdteilen zu Haus. Die Reichspogromnacht 1938 erlebte der gebürtige Berliner jüdischen Glaubens noch in Deutschland. Danach gelang ihm zusammen mit seinen Eltern die Flucht in die nordchinesische Stadt Harbin. Den Zweiten Weltkrieg überlebte er in China, die Machtübernahme der Kommunisten auch. 1949 ging er nach Israel, und als er das Gelobte Land 1956 wieder verließ, saßen in seiner Maschine Flüchtlinge des ungarischen Aufstands. 1961 kehrte der heute 78-Jährige in die Stadt zurück, aus der er mit zehn Jahren vertrieben wurde. 33 Jahre war er Berliner Philharmoniker, viele Jahre davon der Erste Geiger und im Vorstand des Orchesterrats. Heute ist Charlottenburg seine Heimat

taz: Herr Stern, was ist für Sie Heimat?

Hellmut Stern: Für mich gibt es eine Heimat. Und das ist Berlin. Ansonsten bin ich Kosmopolit.

Sie waren bei der Reichspogromnacht von 1938 erst zehn Jahre alt, als Sie mit Ihren Eltern Deutschland verlassen mussten und nach Harbin in Nordchina gingen. Die Stadt ist Ihnen nicht zur Heimat geworden?

Nein, niemals. Obwohl ich elf Jahre dort gelebt habe, blieb China für mich und meine Eltern nur eine Zwischenstation. Auch heute empfinde ich keine Heimatgefühle. Bei meinem Besuch in Harbin vor 15 Jahren ist mir die Stadt zum ersten Mal ein wenig ans Herz gewachsen. Immerhin hatte ich meine Jugendjahre dort verbracht. Aber ich habe diese Stadt nie als Heimat empfunden.

Wieso sind Sie damals ausgerechnet in China gelandet?

Die Pogrome vom 9. November 1938 hatten wir noch in Berlin miterlebt. Gleich danach durften wir ausreisen. Bis 1939 konnten wir Juden ja noch alle weg. Göring hatte einen Erlass erteilt, in dem es hieß: Wer eine Ausreise hat, darf raus. Das Schlimme war jedoch: Niemand wollte uns. Das ist etwas, was mich bis zu meinem Lebensende schmerzen wird: das Verhalten der westlichen Mächte gegenüber dem, was von Anfang an in Hitler-Deutschland passierte. So furchtbar viele waren wir ja nicht. Mit Leichtigkeit hätten die uns aufnehmen können. Wir hatten alle nur erdenkbaren Länder angefragt, erhielten aber nur Absagen. China war die letzte Möglichkeit.

Sie wollten nicht nach China?

Ach was. Wir ahnten schon damals, welche Armut uns dort erwarten würde. Klar, wer Geld hatte oder berühmt war, der durfte in die USA auswandern. Aber nicht alle Juden waren reich. Besonders in Berlin gab es auch ein jüdisches Proletariat. Als ich geboren wurde, war mein Vater 48 Jahre alt. Finanziell schlecht ging es uns schon damals. Wir hatten nichts außer unserer Leidenschaft für Musik.

Wieso gingen Sie ausgerechnet in die nordchinesische Stadt Harbin?

Von Schanghai wussten wir, dass es bereits viele jüdische Flüchtlinge gibt und es ihnen allen nicht so gut ging. Meine Mutter hatte ein Visum für Harbin bekommen. Wir hatten gehofft, dass wir auf dem Weg dorthin doch irgendwie nach Israel gelangen. Das klappte aber nicht. Später haben wir es sehr bereut, dass wir nicht nach Schanghai gegangen sind. Die Juden dort konnten schon ab 1945 ausreisen. Wir aber durften erst 1949 das Land verlassen. Gerade die letzten Jahre, als der Krieg schon längst vorbei war, waren hart. Unter japanischer Herrschaft ging es uns schlecht, weil wir arm waren. Richtig gelitten haben wir aber erst, als die 8. Armee der chinesischen Kommunisten 1946 kam.

Wie haben Sie diese Zeit durchgehalten?

Mit der Sprache der Musik. Sie hat uns immer wieder das Leben gerettet. Als die Sowjets 1945 für ein Jahr Harbin besetzten, hatten wir große Angst. Sie kamen nachts vorbei und traten mit ihren schweren Stiefeln die Türen ein. Man wusste nie, woran man bei ihnen war. Viele von ihnen waren betrunken. Sobald wir Lärm hörten, setzte sich meine Mutter ans Klavier, mein Vater sang und ich spielte auf meiner Geige. Russische Lieder. Ich merkte, wie meine Mutter beim Spielen zitterte. Denn die Soldaten hatten ihre Flinten zu einem Schießbiwak zusammengestellt. Sie hätten ja jederzeit in die Luft gehen können. Aber auch sonst hätten wir ohne unsere Musik nicht überlebt. In der schlimmsten Zeit spielte ich in Bars oder auf chinesischen Hochzeiten. Das war vor allem im Winter hart. Ich hatte immer eiskalte Hände, was heute noch so ist. Das sind Nachwirkungen von damals. Aber die Musik hat uns über Wasser gehalten, bis wir 1949 endlich die Erlaubnis erhielten, nach Israel auszureisen.

Ihrer neuen Heimat.

Die Sowjets kamen nachts vorbei und traten mit ihren schweren Stiefeln die Türen ein. Sobald wir Lärm hörten, setzte sich meine Mutter ans Klavier, mein Vater sang und ich spielte auf meiner Geige. Russische LiederMein Vater trug das Eiserne Kreuz, wir haben zu Hause seit Generationen Deutsch gesprochen. Aber als Überlebende verkörperten wir für viele nichtjüdische Deutsche hier das schlechte Gewissen

Das wäre sie sicherlich geworden. Wir waren auch zunächst sehr froh, zum ersten Mal in einer richtigen Demokratie zu leben. Aber es war eine Demokratie, die noch gebaut werden musste. Das Land war arm. Ich hatte in Haifa eine Musikerbörse gefunden, wo die vielen Musiker aus aller Herren Länder auf ein Engagement warteten. Ich wurde mal als Geiger eingestellt, mal als Pianist. Es war aber schwierig. Ich kannte ja nicht einmal Gershwin. Denn wir waren in China vollkommen von der Außenwelt abgeschnitten.

Warum ist Ihnen Israel nicht zur Heimat geworden?

Das Leben in Israel war nicht einfach. Ich fand jedoch eine Anstellung in einem fantastischen Orchester, dem Israel Philharmonic. Es wurde 1936 von dem berühmten Geiger Bronislaw Hubermann gegründet. Es gab und gibt kein Orchester auf der Welt, das so demokratisch ist wie das in Israel. Doch es war ein Land im Aufbau und daher eben nur für junge Menschen. Meine Mutter konnte sich einigermaßen fügen, aber für meinen Vater wurde Israel nicht zur neuen Heimat. Dabei hatte auch er geträumt, in das Land seiner Vorväter zu gehen und endlich freizukommen. Er war ein glühender Zionist. Aber die Alten wurden nicht gebraucht.

Warum sind Sie in die USA gegangen?

Meiner Eltern wegen. Meine Schwester lebte dort bereits und hatte angeboten, uns in unserer Not zu helfen. Daher holte sie meine Eltern zu sich. Im Jahre 1956 erlitt mein Vater einen schweren Herzinfarkt. Seine Krankheit fiel mitten in die Suezkanal-Krise. Eigentlich durfte kein junger Mann meines Alters raus. Golda Meir, die damals Verteidigungsministerin war, verhalf mir aber zu einem Sondervisum. Das war im Übrigen die Zeit kurz nach der Ungarn-Krise. Das Flugzeug war voller Ungarn. Kaum war ich drei Tage bei meinem Vater, ging es ihm besser. Die Ärzte selbst haben gesagt, dass es ein Wunder ist. Mir war klar, dass ich meinen Vater nicht mehr verlassen konnte. Ich wusste, das Orchester würde es mir nie verzeihen, aus Sicht Israels war ich ein Deserteur. Ich entschied mich jedoch für meine Familie.

Eine Rückkehr nach Berlin hatten Sie zu diesem Zeitpunkt noch ausgeschlossen?

Auf jeden Fall. Ein Jahr zuvor, also 1955, war ich mit dem Orchester das erste Mal in Europa. Wir sind in allen westeuropäischen Ländern aufgetreten, nur nach Deutschland durften wir nicht. Wir waren jedoch eine ganze Reihe von Berlinern im Orchester und hatten uns zuvor über die britische Botschaft in Israel die entsprechenden Papiere besorgt. Weil gleich im Anschluss der Tournee die Sommerpause eingesetzt hatte, buchten wir einen Flug nach Berlin.

Wie erging es Ihnen dabei?

Ich war furchtbar aufgeregt. Immerhin waren es 18 Jahre, die ich nicht mehr zu Hause war. Mir ging es ja nicht um Deutschland – das kannte ich kaum. Nur Berlin. In der allerschlimmsten Zeit in China, wenn ich nachts anderthalb Stunden nach Hause laufen musste und besonders gefroren habe, bin ich in Gedanken die Strecke von zu Hause zur Schule nachgelaufen. Von der Laubacher Straße 16 zum Rüdesheimer Platz. Dann habe ich die große Synagoge gesehen, die 1932 erst eingeweiht wurde. Ich erinnerte mich an die ehemalige Kaiserallee, die heute Bundesallee heißt. Das war der Kiez, den ich kannte. Und nun kamen wir in Tempelhof an. Im Westteil der Stadt war zu der Zeit vieles wieder aufgebaut. Es ging den Menschen besser als uns in Israel. Ich ging sofort in die Laubacher Straße. Ich zitterte vor Angst, weil ich nicht wusste, was mich dort erwarten würde. Doch alles stand so, wie ich es verlassen hatte. Unsere Wohnung, alles war intakt. Der Herbert Lemke, mein damaliger bester Freund, war auch noch da.

Und von diesem Moment an wussten Sie, dass Sie zurückkommen werden?

Nein, aber 1961 hatte ich die Nase voll vom amerikanischen Orchesterwesen. Man glaubt es nicht, aber die amerikanische Demokratie hatte in den Orchestern noch keinen Einzug gehalten. Da wir in der Sommerpause ohnehin keinen Job hatten, bin ich nach Berlin geflogen. Ich hatte vor, mir irgendwo in Europa Arbeit zu suchen, vorausgesetzt, die Bedingungen waren besser als in den USA. Zufällig war bei den Berliner Philharmonikern eine Stelle frei. Bevor ich mich versah, war ich eine Woche später einer von ihnen. Mein Traum ging in Erfüllung. Nach so vielen harten Jahren in China, Israel und USA kam ich endlich wieder nach Hause – und dann zu den Philharmonikern. Meine Eltern waren einst natürlich Abonnenten. Aber ich hatte noch mehr vorzuweisen. Hermann und Luise Wolff, die einst die größte Konzertagentur Berlins betrieben, waren Cousin und Cousine meiner Mutter. Ohne sie hätte es das Philharmonische Orchester wahrscheinlich nie gegeben.

Hatten sich Ihre lang gehegten Erwartungen damit erfüllt?

In den ersten Jahren war ich einfach froh, dass ich zurück- und meine Eltern nachholen konnte. Am 15. August 1961, zwei Tage nach dem Mauerbau, habe ich meinen ersten Dienst angetreten. Aber natürlich war nicht alles rosig. Mein Vater hatte zwar noch sieben glückliche Jahre, bis er mit 88 gestorben ist. Meine Mutter war 21 Jahre jünger. Dass sie nur zwei Jahre später verstarb, war für mich ein großer Schock. Ja, und dann ging mir in den nachfolgenden Jahren ein Licht auf. Für mich war Berlin immer die Heimat. Aber für die Deutschen waren wir keine Deutschen. Auch nach dem Krieg nicht. Mein Vater trug das Eiserne Kreuz, wir haben zu Hause seit Generationen Deutsch gesprochen. Aber als Überlebende verkörperten wir für viele nichtjüdische Deutsche hier das schlechte Gewissen. Und dann kam hinzu, dass beispielsweise von den ehemaligen NS-Juristen nicht einer verurteilt wurde. Auch die sogenannten 131er, die trotz ihrer Arbeit als Beamte für den NS-Staat auch in der BRD wieder als Beamte zugelassen wurden, waren in Amt und Würde. Das entging mir nicht. Ich fragte dann viele Leute, wo sie denn am 9. November 1938 gewesen sind. Natürlich waren nicht alle von ihnen mit dabei. Aber den Antworten nach zu schließen, muss ich in der Reichspogromnacht ganz allein in Berlin gewesen sein.

Wie sind Sie mit dieser Enttäuschung umgegangen?

Ich habe viel gelesen. Und ich musste lernen, dass ich für viele ein Außenstehender bleibe. Noch Jahre später dachten viele Kollegen im Orchester, dass ich aus den USA komme. Sicher, nach den Nürnberger Gesetzen waren wir ausgebürgert. Ich besaß auch mal für kurze Zeit den israelischen Pass. Sonst war ich immer Deutscher.