unterm strich

Dass sie vom Schauspiel kam, hat man manchmal in ihren Seminaren und Vorträgen gemerkt. Als Soziologin war Gerburg Treusch-Dieter immer auch eine Performerin, die sich über Theorie und Denken schwungvoll austauschen konnte – mit einem Dutzend Studenten oder mit einem Saal voll Publikum. Dann wurden selbst Themen wie Biomacht und Geschlechterdifferenz von ihr in einem fortlaufenden Diskurs behandelt, für den sie Aristoteles ebenso leicht zu Wort kommen lassen konnte wie Michel Foucault. Und wenn sich die 1939 in Stuttgart geborene Treusch-Dieter mit Hannah Arendts Arbeitsbegriff beschäftigte, dann war durchaus Platz für Humor und Sarkasmus angesichts der entmutigenden Gegenwart. Anders gesagt: Sie war eine lebenskluge Kulturtheoretikerin, für jede Art von Ideen offen und doch allem einmal Gedachten gegenüber skeptisch. Deshalb hat sie sich nie auf Frauenfragen festlegen lassen, auch wenn sie 1985 ihre Dissertation über „Die Spindel der Notwendigkeit. Zur Geschichte eines Paradigmas weiblicher Produktivität“ schrieb und später kritische Bücher zur Reproduktionstechnologie folgten. Arbeit und Geschlecht waren für Treusch-Dieter zwei wesentliche kulturelle Techniken, durch die man etwas über den Freiheitsgrad der Gesellschaft erfahren konnte. Jetzt ist sie nach längerer Krankheit an Krebs gestorben.