Wrangelkiez geht auf Distanz

Was sich bei den Festnahmen am Dienstag abspielte, wird immer unklarer: Anwohner bestreiten die Darstellung der Polizei. Politik und Quartiersmanagement befassen sich heute mit dem Thema

Aufklärung tut not. Was hat sich vergangenen Dienstag wirklich im Kreuzberger Wrangelkiez ereignet? In der ersten Pressemitteilung der Polizei hieß es, „eine Ansammlung von 80 bis 100 Jugendlichen“ sei dort „massiv“ gegen Polizeibeamte vorgegangen, als diese zwei Tatverdächtige festnehmen wollten. Tags darauf hatte Polizeipräsident Dieter Glietsch erklärt, lediglich „einzelne Personen“ seien gewalttätig geworden. Jugendliche und Anwohner aus dem Wrangelkiez bestreiten selbst das. Die Stimmung sei aufgebracht gewesen, aber handgreiflich geworden sei nur ein einziger: der 23-jährige Mehmet S. Und das erst, nachdem er von Beamten niedergeschlagen worden sei.

Heute Morgen wird sich der Innenausschuss des Abgeordnetentenhauses mit dem Vorfall beschäftigen. In den Räumen des Quartiersmanagements Wrangelkiez treffen sich am Abend Sozialarbeiter, Jugendliche und Polizisten. Das Ziel sei, Vorurteile zu benennen und einen Weg zu finden, diese abzubauen, sagt der SPD-Abgeordnete Stefan Zackenfels. Er hat das Treffen zusammen mit seinem Parteifreund Ahmet Iyidirli organisiert. Der 31-jährige Hiphopper Shenol ist von den Jugendlichen des Kiezes als Sprecher bestimmt worden. Auch Mehmet S. wird kommen. Die Spuren der Misshandlung sind ihm noch deutlich ins Gesicht geschrieben.

Zwei Themen wollen die Jugendlichen ansprechen. Erstens: Das Verhalten der Polizisten ihnen gegenüber, so Shenol. „Warum bekommen wir auf unsere Fragen keine anständigen Antworten? Warum werden wir ungerecht behandelt und als Ausländer beschimpft, obwohl wir hier geboren sind und einen deutschen Pass haben?“ Zudem wünschen sich die Jugendlichen ein offenes Jugendhaus, „mit motivierten Betreuern, wo jeder hinkommen kann. Das gibt es hier schon lange nicht mehr“, sagt Shenol. Deswegen würden so viele Kids auf der Straße herumhängen und kiffen, mit Vorliebe vor dem Internetcafé Wrangelstraße/Oppelner Straße. „Die Ecke ist unser Jugendclub.“

Ganz in der Nähe hatte sich am Dienstag der Vorfall ereignet. Jugendliche, Anwohner und Ladenbesitzer beschreiben die Situation so: Die Wrangelstraße sei ein Dorf, fast jeder kenne jeden. Wenn etwas passiere, liefen alle aus den Cafés und Läden zusammen. Die soziale Kontrolle sei groß, zumal bei Polizeieinsätzen. So funktioniere Zivilgesellschaft.

Mitten im Kiez hätten Zivilbeamte an diesem Nachmittag fünf türkischstämmige Kinder, kaum älter als zwölf, an eine Wand gestellt. Einige seien mit Handschellen gefesselt gewesen, so eng, dass sich das Blut staue. Mehmet S. ist einer der ersten, der das beobachtet. Er fragt die Beamten fordernd, was das soll. Mehmet weiß nicht, dass die Kinder verdächtigt werden, einem 15-jährigen Deutschen den MP3-Player zu rauben versuchten. Selbst wenn, so die Meinung im Wrangelkiez, dürfe die Polizei Kinder so nicht behandeln. Die meisten Schaulustigen kennen die Kinder: Es seien brave Jungs, die ihre Hausaufgaben machen und in die Moschee gehen.

10 bis 15 Minuten dauert das Prozedere. Dann werden drei der fünf Kinder freigelassen, so die Anwohner. Mehmet fordert die Dienstnummern. „Geh doch in zurück in dein Land“, bekommt er als Antwort. Die Situation eskaliert, aber nur verbal. Es sei auch gespuckt worden, heißt es aus Polizeikreisen. Längst sind auch ältere Anwohner dazugekommen. Auch die Großväter bekommen Schlagstöcke und Tränengas zu spüren, heißt es.

In den meisten deutschen Medien wird jedoch nur die erste Version der Polizei veröffentlicht – anders als in türkischen Blättern. Mit Überschriften wie „Der Mob ist da“ macht vor allem der Tagesspiegel Stimmung. Und Innensenator Ehrhart Körting (SPD) wird dort mit dem Satz zitiert: „Kein Pardon für den Mob.“