VOM ABWERFEN BIOGRAFISCHEN BALLASTS IM NEUEN BERLIN

Es geht auch ohne CV

Ein seltsamer Text macht gerade die Runde: Der Essay „Die Ordnung herrscht in Berlin“ des französischen Autors Francesco Masci. Masci beklagt darin vieles, unter anderem den Nihilismus des Berliner Nachtlebens und den Verlust des „wirklichen Lebens“ durch die Omnipräsenz einer „absoluten Kultur“. Seine aufgeplusterte und doch irgendwie muffige Kulturkritik liest sich alles andere als angenehm und ist so etwas wie ein Oswald-Spengler-Remake für den Hipster. Dennoch kommt mir der Schmöker in den Sinn, wenn ich jeden Morgen am Kottbusser Tor (Kreuzberg) an dem Reklameplakat einer Personalberatung vorbeiradle: „Wir pfeifen auf deinen Lebenslauf“, steht dort auf einer verzerrten Visage zu lesen. Gesucht wird nach Account Managern, unter www.berlinbewirbdich.de solle man sich melden. Wird hier nicht an die von Masci so titulierte „fiktive Subjektivität, die nichts ist“, an ein Individuum ohne Geschichte appelliert? An das Versprechen, dass sich das unbezahlt angehäufte „kulturelle Kapital“ und die strebsame Arbeit an der eigenen Vita eines Tages in einer gut dotierten Festanstellung materialisieren würde, glauben nur noch die wenigsten. „Wir pfeifen auf deinen Lebenslauf“ könnte als zynisches Eingeständnis verstanden werden.

Eine oft gehörte Standardanalyse des Neuen Kapitalismus lautet, dass er die „Künstlerkritik“ (Luc Boltanski/Ève Chiapello) bohemistischer Milieus kooptiert und zu seinen Zwecken umgedeutet habe. Auch das Abwerfen des biografischen Ballasts, welches der erwähnte Werbespruch verheißt, war einmal ein emanzipatorischer Akt. In dem Song „Das war vor Jahren“, einer sentimentalen Rückschau auf Punk, sangen die Fehlfarben: „Du siehst dich so, wie du bist, du hörst nur noch auf den neuen Namen.“ Die eigene Vorgeschichte loswerden zu können und in einer modernistischen Geste einen Nullpunkt der Biografie zu setzen war nicht nur im Punk, wo sich viele Protagonisten mit einem erfundenen „neuen Namen“ (Sid Vicious, Monroe, Ratte …) eine neue Existenz verschafften, eine befreiende (sub-)kulturelle Option. Wenn Masci die geschichtsleeren Berliner Subjekte einfach nur denunziert, sieht er darüber undialektisch hinweg.

Der Soziologie Heinz Bude beschrieb in seinem 2001 erschienenen „Generation Berlin“, die „Vertreter einer neuen Generation, die ohne Vergangenheitsbelastung Zukunftsbehauptung betrieb“. Wenn man so will, ist diese Tabula-Rasa-Rhetorik Inbegriff der Berliner Ideologie geworden, und es muss nicht weiter verwundern, dass sie nunmehr plakativ und Account-Manager-tauglich geworden ist. Doch nicht nur Punkszenen erlaubten den Schnitt durchs eigene Leben und die Behauptung einer biografischen „Stunde null“.

Auch die Disziplinarinstitution Armee war historisch ein solcher Ort, an dem man aus der eigenen Geschichte herausspringen konnte. Beim Marschieren ist das bürgerliche oder kriminelle Vorleben egal. Das Plakat von der „Sales-Staff Recruiting SSR GmbH“ hätte zu einer anderen Zeit an einem anderen Ort zur Fremdenlegion rekrutieren können: Uns interessiert nicht, woher du kommst, wir pfeifen auf deinen Lebenslauf, solange du auf den Pfiff zum Morgenappell hörst.

„Hurra, ich bin genormt“, sang die Deutschpunk-Band ZK einst ironisch, als die Angepassten noch die Norm waren. Das derzeit akute Feuilletonthema „Normcore“ scheint eine neue Attraktivität des Disziplinarischen und „Genormten“ anzuzeigen. Ob es sich beim Tragen legerer Stangenware für unhippe Normalos um eine stilistische Gegenwehr gegen den Selbstmarketing- und Performancestress handelt, ist fraglich.

Zu vermuten ist aber, dass es kein Zurück in die gute alte Disziplinargesellschaft gibt und biopolitische Imperative nicht so einfach zu umgehen sind. Denn wenn es auf ästhetische Differenz und das biografische Gewordensein nicht mehr ankommt, wird die pure Leibhaftigkeit – das „bloße Leben“ – zum entscheidenden Investment.

■ Aram Lintzel ist freier Autor in Berlin