Erdbeeren, Schweine, Emotionen

Der Film „Sieh zu, dass du Land gewinnst“ erzählt vom Leben auf dem niedersächsischen Land zwischen Disco-Nächten und illegal angestellten Saisonarbeitern. Nun hatte der Film der gebürtigen Westerstederin Kerstin Ahlrichs auf dem Braunschweiger Filmfest Premiere

Einer der besten Lacher kommt im Abspann. Ein „Erdbeercoach“ und ein „Schweinecoach“ werden da als Mitarbeiter aufgeführt, wobei diese natürlich nicht den Früchten und Nutztieren das richtige Agieren vor der Kamera beibrachten, sondern den städtischen SchauspielerInnen das bäuerliche Auftreten. Denn „Sieh zu, dass du Land gewinnst“ spielt auf dem Lande beim Steinhuder Meer, und so passte es gut, dass dieser Spielfilm nur ein paar Landkreise weiter auf dem am Sonntag zu Ende gegangenen Braunschweiger Filmfest seine Premiere feierte.

Schon mit ihrem schönen, im Schwäbischen spielenden Kurzfilm „Kehrwoche“ aus dem Jahr 2000 bewies die in Westerstede geborene Regisseurin Kerstin Ahlrichs, dass sie einen guten Blick für das alltägliche Leben der Menschen einer bestimmten Region hat. Fünf Jahre brauchte sie dann, um ihr Spielfilmdebüt fertig zustellen. „Der erste Film ist die Hölle“, sagte sie nach der Premiere. Bei jeder Szene wären Fehler passiert, und am liebsten würde sie den Film gleich mit ihrem live eingesprochenen Kommentar noch mal zeigen. Tatsächlich ist der Film alles andere als perfekt, aber wenn er holpert, dann liegt dies nicht an der Regie, sondern am Drehbuch, das sie sich von der Autorin Petra Lüschow schreiben ließ und dem man anmerkt, dass zu viele Themen in diesen Film hineingestopft werden sollten.

Denn es geht hier nicht nur darum, dass die neunzehnjährige Nike lernt, sich auf dem elterlichen Hof gegen den bäuerlich sturen Vater zu behaupten. Als dieser nach einem Herzinfarkt im Krankenhaus liegt, und sie die Verantwortung für den Betrieb übernehmen muss, stellt sie fest, dass der Bankrott droht und der Hof nur zu retten ist, wenn illegal in Deutschland lebende Bosnier als Saisonarbeiter die Erdbeeren zeitig abernten.

Dies ist besonders brisant, weil Nike als Auszubildende im Ausländeramt von Hannover arbeitet, und aufpassen muss, dass sie dort nicht ihren eigenen Erntehelfern begegnet. Das wirkt schon sehr konstruiert und zudem brechen einige dramaturgische Verwicklungen ziemlich abrupt und unmotiviert auf die Protagonistin herein. Aber dies verzeiht man dem Film gerne, denn im Kino ist immer das wie wichtiger als das was.

Kerstin Ahlrichs gelingt es, diese kleine bäuerliche Welt mit ihren Schweinetrögen, dem frühmorgendlichen Aufstehen nach nächtlichen Disko-Sauftouren, dem ewigen Matsch auf den Gummistiefeln und den langen S-Bahnfahrten zur Arbeit in die Stadt zugleich authentisch und unterhaltsam in Szene zu setzten. Der Tonfall stimmt, nicht nur unter den jungen Leuten des Dorfes, die sich ja alle schon seit ihrer Kindheit kennen, sondern auch unter den Erntehelfern und auf dem Amt. „Ich habe viel recherchiert, weil ich wissen wollte, wie in den Ausländerbehörden mit diesen Leuten und über sie geredet wird“, erklärte die Regisseurin, und tatsächlich gibt es kaum einen Dialogsatz in ihrem Film, der so klingt, als sei er am Schreibtisch erdacht worden.

Vielversprechend ist auch das gute Händchen, das Kerstin Ahlrichs bei der Auswahl der Schauspieler hatte. Anna Maria Mühe gelingt es, die Zerrissenheit von Nike zu treffen, die mühsam ihren eigenen Weg finden muss. Susanne Bormann ist oft sehr komisch als Nikes beste Freundin und zickige Dorfschönheit, während die kroatische Schauspielerin Lea Mornar überzeugend die richtungslose Verzweiflung der rebellischen Milena aus Bosnien darstellt. Die Männer haben dagegen bei Kerstin Ahlrichs kaum etwas zu melden – höchstens als Trainer für Erdbeeren und Schweine.