Der Geräuschkomponist

„Ich möchte Töne herstellen, die ich selbst noch nie gehört habe – ganz egoistisch.“ Der Hamburger Asmus Tietchens gilt als Wegbereiter der Konkreten Musik. Sein Ehrgeiz ist es, noch nie gehörte Geräusche in seinen Stücken festzuhalten. Dafür nimmt er auch ein sehr bescheidenes Leben in Kauf

„Verstehen Sie mich nicht falsch“, sagt Asmus Tietchens. „Aber lassen Sie uns doch zur Toilette gehen.“ In der Toilette des Tonstudios ist das neue Waschbecken, dessen tropfenden Wasserhahn Tietchens zum Ausgangsmaterial für eine neue Komposition gemacht hat. „Ich möchte Töne herstellen, die ich selbst noch nie gehört habe“, sagt Tietchens. „Ganz egoistisch.“

In den Zeitungen ist zu lesen, dass er der „Wegbereiter elektronischer Klangerkundung sei“, seine Stücke hören Menschen in Japan und den USA und es gibt ganze Aufsatzsammlungen, die sich mit seiner Musik beschäftigen. Wenn man Asmus Tietchens trifft, erfährt man davon wenig. Stattdessen raucht er unablässig „Schwarzer Krauser“ und erzählt, wie es war, als Kind die Nachtsendung auf NDR 3 zu hören, die sich mit zeitgenössischer Musik beschäftigte. „In meiner frühkindlichen Hybris schien es mir passend, als angehender Gymnasiast einen solchen Sender zu hören.“ Er mochte die Klänge, die eben Klang und nicht so sehr Melodie sein wollten und was der Moderator darüber sagte, leuchtete ihm ein. So sehr, dass er irgendwann begann, auf einem Tonbandgerät Stimmen und Geräusche aufzunehmen und dann neu wieder zusammenzusetzen. Das Ergebnis spielte er Freunden vor, doch die Mädchen waren eher an Jungen mit „heldischer Gitarre“ interessiert und die Jungs fanden es „befremdlich“. Auch seine Eltern konnten mit dieser Art von Musik wenig anfangen. Sein Vater, der zur See fuhr, war „außerordentlich unmusikalisch“, und seine Mutter hörte lieber Schlagermusik. Ihr Sohn bekam trotzdem Gitarrenunterricht, doch seine Lehrer sahen sich nicht in der Lage, das Spiel einem Linkshänder beizubringen. „Paul McCartney macht es auch so“, sagte Asmus Tietchens. „Der ist ja auch ein Beatle“, sagten die Lehrer. „Du sollst es richtig lernen.“

Mit 17 Jahren fragte sich Tietchens ernsthaft, ob er ein bestenfalls mittelmäßiger Klavierspieler werden wolle. Lieber wollte er „sich selbst Dinge herstellen“. Und 1964, in der 10. Klasse, „hatte er das Glück, diesen dicken Mann kennen zulernen“. Der dicke Mann war Okko Becker, der bereits damals wusste, dass er Unterhaltungsmusiker werden wollte und eine Ausstattung besaß, die er Asmus Tietchens bereitwillig zur Verfügung stellte. Tietchens konnte plötzlich Hall und Echo in seine Stücke aufnehmen und eine Zeit lang arbeiteten sie sogar zusammen. Irgendwann sagte Okko: „Ich will richtige Musik machen“, und Asmus Tietchens, der nie darüber nachgedacht hatte, die Musik zu seinem Beruf zu machen, begann eine Ausbildung als Schiffsmakler. Später arbeitete er als Werbetexter, „dem einzigen Beruf, wo ich lange Haare haben und gut Geld verdienen konnte“.

Tietchens verlor das Interesse an den Geräuschen auch über die Werbetexte für Schokoriegel und Orangensaft nicht, aber er bekam weiße Haare und wurde immer müder. Seine damalige Freundin, die SDS-Aktivistin war, fragte ihn schließlich: „Bist du dir nicht bewusst, womit du eigentlich dein Geld verdienst?“ Tietchens kündigte. „Das Thema Lohnarbeit war damit für mich erledigt“, sagt er, aber das Thema Geld natürlich nicht. Tietchens entschied, dass er wieder mehr Musik machen wolle, aber keine Kompromisse, und zugleich geriet eine seiner Aufnahmen „durch Zufall und ohne mein Zutun“ in die Hände des Berliner Produzenten Peter Baumann, der ihm einen Plattenvertrag anbot.

„Für mich sind Lebensstandardund Lebensqualität umkehrt proportional“

Tietchens sagte zu und seitdem erscheinen regelmäßig neue CDs, die die weißen Flecken auf der Landkarte des Geräuschs tilgen sollen. „Das gelingt nicht immer“, sagt Tietchens. „Oft sind es nur Erweiterungen.“ Bei diesen Stücken ist er Komponist, Tonmeister und Interpret in einer Person, er hält nichts davon, dass andere seine Stücke ausführen. Statt dessen sammelt er Geräusche, ganz praktisch für sein Geräuscharchiv oder abstrakt in seinem Kopf und wenn sie sich zu Strategien gerundet haben, geht er in Okko Beckers Musikstudio, um sie aufzunehmen. Das Studio erinnert mit seinen Mischpulten, Computern und Signallichtern vage an ein Cockpit und seine Reizlosigkeit findet Tietchens „außerordentlich angenehm“.

Man hat seine Musik als „kristalline Landschaften“ beschrieben und das erscheint ihm passend, solange man betont, dass er „nicht die Moldau nachbilden will“. Es sind Folgen von Geräuschen, die sehr suggestiv sind, man kann raunende Chöre, Bachläufe darin hören, aber es gehen einem schnell die Worte dafür aus. „Das ist immer der kritische Punkt bei meinen Studenten, sobald es keine Vergleiche mehr gibt“, sagt Tietchens. „Vielleicht klötert es, es zischelt oder es klappert.“

Was ihn zur Zeit beim Komponieren interessiert, ist die „Darstellung im Raum, ohne den Versuch, Räumlichkeit zu erzeugen“. Es sei verblüffend einfach, sagt Tietchens: „Es liegt am Laut-Leise-Gefälle.“ Ein Bekannter sagte ihm einmal über ein Schönberg-Stück, dass dort „nichts schwitze“, und diese Formulierung hat Tietchens gut gefallen. Auch in seiner Musik soll nichts schwitzen, es soll nichts Menschliches darin vorkommen außer ihm, dem Produzenten. „Ich bin kein Misantrop“, sagt er beinahe entschuldigend. „Es geht mir um die Ebenmäßigkeit der Landschaften, die in meinen Stücken auftauchen.“ Dass er zur Erzeugung dieser Landschaften auf Technik angewiesen ist, nimmt er billigend in Kauf. Leidenschaft empfindet er nicht für die Apparate mit denen er umgeht und wenn er beim Komponieren an ihre Grenzen stößt, streckt er – „da ich nicht faustisch bin“ – irgendwann die Waffen.

Tietchens spricht sehr gelassen darüber, er spricht auch gelassen über die Vorherrschaft des Visuellen über das Auditive, nur wenn es um die Auseinandersetzung mit den Akademikern geht, solchen, wie sie elektronische Musik an der Hamburger Musikschule lehren, wird er ungehalten. Vielleicht liegt das an seiner Nähe zum Punk, an seiner Begeisterung, wenn er vom Auftritt der Einstürzenden Neubauten erzählt, als sie mit Schlagbohrern die Halle einschlugen. Tietchens kann nichts anfangen mit den seitenlangen Ausdrucken, auf denen Tonfrequenzen genauestens verzeichnet sind, er findet, dass sie den kompositorischen Gewissheiten des 20. Jahrhunderts verhaftet blieben und schließlich will er nicht hinnehmen, was er ihren Anspruch nennt: „Dass das, was sie machen, Kultur ist und das, was wir tun, allenfalls Unterhaltungsmusik ist.“

Es gab eine Zeit, in der Tietchens versuchte, gefälligere, melodiösere Musik zu machen, was ihm nach eigenem Bekunden nicht gelang und kommerziell ohnehin ein Flop war. Zwar kann Tietchens, anders als er selbst erwartet hatte, seit Mitte der 80er Jahre von seiner Musik leben. Doch es ist ein einfaches Leben. Ein Leben, das sich mit 700 Euro bestreiten lässt. „Ich bin den großen Kostenfallen aus dem Weg gegangen“, sagt Tietchens: Dem Eigenheim, der Familie und dem Auto. Er klingt nicht unglücklich dabei. „Ich habe erkannt, dass für mich Lebensstandard und Lebensqualität umkehrt proportional sind.“ Eine Auflage von 2.000 Stück bedeutet für eine CD mit konkreter Musik die Schallgrenze. Zuweilen gibt er Konzerte, die – vornehmlich ausländischen – Rundfunksender, die seine Stücke spielen, zahlen ein gewisses Honorar und dann bekommt er noch ein wenig Geld für den Lehrauftrag an der Hamburger Hochschule für Angewandte Wissenschaften.

Kürzlich wurde Tietchens für sein Stück „Trois Nyades“ zum zweiten Mal mit dem Karl-Szuka-Preis für Hörfunkmusik ausgezeichnet. „Drei Baumnymphen“, hat er es genannt, weil ihn das Geräusch, das er dafür verwendete, an zerreißende Holzfasern erinnerte. Doch der Preis als solcher erscheint ihm wenig bedeutsam. „Ich könnte sofort eine Jury mit fünf anderen Leuten zusammenstellen, die meine Musik scheiße finden.“ Aber das Preisgeld von 12.500 Euro hat ihn gefreut. Denn sobald er einmal mehr Geld verdienen solle, so hat er es mit Okko Becker, dem dicken Mann, ausgemacht, werde er ihm etwas davon abgeben.