KURZKRITIK: HENNING BLEYL ÜBER RONJA RÄUBERTOCHTER

Prächtig unromantisch

Bei aller Retro-Seligkeit: Es tut gut, wenn die 80er Jahre mal komplett weg gebürstet werden – wie jetzt bei der Inszenierung von „Ronja Räubertochter“ am Goetheplatz. Wie hervorragend der Lindgren-Klassiker, 1984 höchst erfolgreich fürs Kino verfilmt, auch ohne schwarzlockig-wildes Waldmädchen funktioniert, beweist Karsten Dahlem in einer prächtig unromantischen Regiearbeit. Dass diese spritzig-witzige Ronja-Fassung einen deutlichen Bruch mit der Märchen- und Ausstattungsseligkeit markiert, die Dirk Böhlings Weihnachts-Inszenierungen auszeichneten, ist nicht weniger wohltuend.

Dieses „Weihnachtsmärchen“ ist intelligent und intelligenzfördernd – eben weil nicht alles gezeigt wird. Wenn das Bühnenbild andeutet statt ausmalt, wenn der Höllenschlund ein cooles Trampolin ist und die Rumpelwichte pinkfarbene Wuschel-Punks, die einen entspannt-versponnenen „Was ist denn blues“ singen – dann haben Erwachsene viel Spaß und Kinder lernen, dass gutes Theater von phantasievollem Weiterspinnen statt von perfekter Abbildung lebt.

Keine Sorge: Die Wilddruden sind schon noch gruselig und Ronjas Loyalitätskonflikt zwischen Freund und Vater transportiert sich trotzdem in aller pubertären Tiefe. Nur ist dieser Vater eben Siegfried Maschek, also so ziemlich das Gegenteil eines muskelbepackten, zotteligen Räuberhauptmanns. Franziska Schuberts „Ronja“ entspricht dem Typ verwöhnte Tussi, die sich in der Bärenhöhle an Fertig-Pizza gütlich tut, Birk Borkasohn (Philipp Michael Börner) ist ein Halbstarker mit Mofahelm. Kurz: Die Bremer Theaterfassung verhält sich zum Lindgren-Roman wie die „Westside Story“ zu „Romeo und Julia“. Und das ist auch gut so.