Wahlverwandtschaften

VERANTWORTUNG Früher sprang Oma als Babysitter ein, und die Tochter pflegte ihre Mutter. Heute lebt Oma weit weg, und die Pflegebedürftige ist kinderlos. Dafür haben wir Freunde – unsere bessere Familie. Nur: Wie viel hält die aus?

VON SUSANNE LANG

Der Termin fiel in die Weihnachtszeit. „Ach Gott, vielleicht wird es ja ein Christkind“, jubelten die einen. „Oje“, entfuhr es den anderen, weniger christlichen, „das arme Kind wird nie einen Geburtstag mit seinen Freunden feiern können!“ Wir, die Eltern, hatten ein anderes Problem: Wem können wir rund um Weihnachten, dem Fest der Familie, unser erstes Kind anvertrauen, während das zweite kommt?

Früher wäre das keine Frage gewesen: Es blieb beim Mann, also in der Kernfamilie. Falls der überfordert war, kam Oma (am besten mit Opa) kurzfristig vorbei und übernahm Kind, Enkelkind sowie den Herd. Bei uns, der postmodernen Großstadtfamilie, war dagegen klar: Mein Mann kommt mit in den Kreißsaal. Die Omas und Opas leben in Süddeutschland, Hunderte Kilometer entfernt. Sie kommen gerne vorbei, aber weniger gerne kurzfristig. Einige unserer Geschwister leben in derselben Stadt. Allerdings arbeiten sie leider auch in derselben Stadt und sind dadurch mitunter nicht kurzfristig abkömmlich. Zufällig hatte eine meiner Schwestern zum errechneten Geburtstermin sogar Urlaub. Doch den hatte sie schon lange anders verplant. Ich fand das schade, hielt es ihr aber nicht vor. Warum auch? Jede von uns hat schließlich ihr eigenes Leben.

Eine Anlaufstelle für jeden Tag und jede Zeit

Was aber bedeutete das für unser Kind? Meine Familie fand eine Lösung: Vier Paare aus unserem Freundeskreis hatten ihre Hilfe angeboten. Für jeden Tag und jede Uhrzeit rund um den Termin gab es eine Anlaufstelle für unsere Tochter. Ohne die Freunde wären wir in einer ganz praktischen Alltagsfrage aufgeschmissen gewesen.

So wie uns geht es heutzutage vielen: Gute Freunde übernehmen mehr und mehr Aufgaben, die lange Familienmitgliedern vorbehalten waren. „Das Bild der fürsorglichen Freundschaft taucht als Hoffnungsträger auf“, schreibt der Hamburger Sozialwissenschaftler Janosch Schobin in seinem aktuellen Buch, „Freundschaft als Fürsorge“. Als Grund nennt er den demografischen Wandel, niedrige Geburtenraten und die Auflösung traditioneller Lebensformen.

Wenn Ehen geschieden werden und man den Arbeitsplatz alle paar Jahre wechselt, werden Freundschaften zur Konstante. In einer repräsentativen Umfrage des Emnid-Instituts bezeichneten 85 Prozent der Teilnehmenden Freunde als Grund dafür, sich an einem Ort beheimatet zu fühlen. Vor allem für die 14- bis 29-Jährigen sind Freunde wichtiger geworden. Wie Soziologen an der Harvarduniversität herausgefunden haben, erhöht ein glücklicher, ausgeglichener Freund die Chancen für die eigene Zufriedenheit um 25 Prozent. Das ist dreimal soviel Einflusskraft, wie sie ein gut gelaunter Ehepartner hat.

Die britische Soziologieprofessorin Sasha Roseneil fand in einer Studie heraus, dass Freundschaft zu einem zentralen sozialen Stützpfeiler geworden ist. Sie interviewte Männer und Frauen im Alter zwischen 25 und 60 Jahren, aus unterschiedlichen Milieus und Berufen, mit und ohne Familie beziehungsweise feste Beziehung. Sie alle ziehen laut Roseneil ähnlichen Nutzen aus ihren Freundschaften: „[…] emotionale Fürsorge und Unterstützung, zumal wenn sexuelle und/oder Liebesbeziehungen in die Brüche gingen, aber auch einen erheblichen Teil der praktischen Hilfe und Unterstützung im Alltag.“

Für diese Fürsorge war bis vor Kurzem noch die Kernfamilie zuständig, in die man hineingeboren wurde. In zweiter Linie war es dann die selbst gegründete Familie. Heute leben wir ganz selbstverständlich mit einer dritten Institution, mit der einige linke Vorreiter bereits in den sechziger Jahren experimentiert haben: einer Ersatzfamilie, unseren Freunden. Sie ermöglichen uns einen „dritten Weg“, wie es der Soziologe Heinz Bude nennt, „jenseits der durch Sex vermittelten Liebesbeziehung und jenseits des durch Geld vermittelten Dienstleistungsverhältnisses“.

Wer jemals versucht hat, einen Umzug ohne professionelles Unternehmen zu organisieren, weiß ungefähr, wovon Bude spricht. Etwas heldenhafter lebt ein gewisser Batman seit der Ermordung seiner Eltern den dritten Weg im Kreise seiner Ersatzfamilie. Mit Robin, Catwoman und den anderen verbindet die Comicfigur Bruce Wayne alias Batman eine nichtfamiliäre enge Beziehung, die auf Vertrauen und Respekt beruht. Ohne sie gäbe es auch keinen Helden.

Leider birgt diese Ersatzfamilie einen großen Widerspruch, mit dem wir auch leben müssen: Keiner der Freunde hat eine Verpflichtung, fürsorglich zu sein. Keiner muss den Robin spielen und einem zur Seite stehen, wenn man gerade mal wieder die Welt retten will. Niemand muss an einem Wochenendtag um neun Uhr vor der Tür stehen, um bis abends Kisten aus einem vierten Stockwerk nach unten und anschließend in ein fünftes nach oben zu schleppen.

Als meine Schwester zuletzt einen improvisierten Umzug organisierte, fragte sie zunächst sehr vorsichtig bei ihrer Kernfamilie an, also bei mir beziehungsweise über mich bei meinem Mann. „Sag mal, meinst du, unter Umständen, könnte er mir mit der Waschmaschine helfen“, mailte sie, „ich kenne nicht so viele Jungs, die das tragen könnten – und na ja, die, die ich kenne, haben keine Zeit.“

Erstsemester in derselben Bank freunden sich an

Ich leitete die Anfrage gerne weiter. Zu mehr war ich nicht verpflichtet – anders als früher ist selbst das Verhältnis unter Geschwistern freundschaftlich geworden. Dafür leistete ich bereitwillig emotionalen Beistand. „Weißt du, was ich am schlimmsten finde?“, fragte meine Schwester schließlich bei einem Kaffee in ihrer neuen Wohnung. „Nicht die Leute, die keine Zeit oder Lust haben, sondern all diejenigen, die noch nicht mal antworten, ob sie helfen können. Da hört man gar nichts!“ Sie leitete daraus eine Umzugstheorie ab: Frag am besten alle Freunde, und sei froh, wenn ein paar auch auftauchen. Heinz Bude spricht allgemeiner von der „teuflischen Kontingenzerfahrung der Modernität“. Ein komplizierter Begriff, der nichts anderes beschreibt als die Unsicherheit, die das Leben im 21. Jahrhundert mit sich bringt: Man kann immer wählen, darf sich allerdings niemals sicher sein, dass man auch gewählt wird.

Das gilt nach Bude nicht nur für Liebesbeziehungen. Im Umkehrschluss kann jeder, der gewählt wird, niemals sicher sein, wie lange und mit welchen Absichten die Wahl anhalten wird. Ein Umzug wirft nicht nur die Frage auf, wer von den Freunden hilft, sondern auch die bange Ungewissheit: Wer von den Freunden Freund bleibt, wenn man in eine andere Stadt oder Region zieht und sie zurücklässt.

Physische Nähe ist für Freunde nicht nur wichtig, sie kann sogar Freundschaft schaffen. Das hat der Psychologieprofessor Mitja Back von der Universität Mainz in einer Studie mit Erstsemestern herausgefunden. Per Zufallsprinzip ließ er den Studierenden in seinem Seminar Sitzplätze zuweisen. Ein Jahr später zeigte sich, dass diejenigen stärker befreundet waren, die nebeneinander gesessen hatten.

Doch was geschieht, wenn Freunde sich nach Jahren der Nähe räumlich voneinander entfernen? Dieselben postmodernen Unsicherheiten, die Freundschaften so wichtig werden lassen, stellen diese großen Erwartungen auch infrage: Wer sich selbst verwirklichen will, dem wird nicht nur Flexibilität abverlangt, sondern auch Mobilität. Wer für die Arbeit in eine andere Stadt pendeln muss, verbringt Zeit auf der Autobahn statt mit der Freundin in der Kneipe. Wer sich scheiden lässt, gibt nicht nur eine Liebesbeziehung auf, sondern auch so manchen Freund aus dem gemeinsamen Umfeld. Wer eine Auszeit nimmt und danach seine Lebensgewohnheiten ändert, wechselt mitunter auch den Freundeskreis – ob gezielt oder unbemerkt. Es ist ein Paradox: Mehr denn je brauchen wir Freunde als Stütze, aber gerade die Freunde sind es, die wir schneller wieder verlassen, als uns eigentlich lieb sein kann. Wir haben schließlich keinen Vertrag geschlossen.

Die US-Soziologin Marla Paul zog vor einigen Jahren zurück in ihre Heimatstadt Chicago. Sie hatte sich für ein Haus in einem Vorort entschieden, mit netten Nachbarn, anderen Eltern und Kindern. Sie sahen sich täglich, wenn sie ihr Kind in die Schule brachte und wieder abholte. Als sie eines Tages einen Notfallbogen für ihre Tochter ausfüllen musste, wurde ihr jedoch bewusst, dass sie niemanden gut kannte. Es gab drei Felder, in die man Nachbarschaftskontakte für Notfälle eintragen konnte. Sie wusste keinen einzigen.

Lange Zeit dachte Marla Paul, sie wäre allein mit ihrem „Freundessingle-Status“, wie sie ihn nannte – mit dem Gefühl der Einsamkeit ohne Freunde in der alten, aber nun unvertrauten Umgebung. Als sie in der Chicago Tribune ein selbstoffenbarendes Essay veröffentlichte, war die Resonanz groß. Vor allem Frauen schrieben ihr von ähnlichen Erfahrungen. Sie zweifelten an sich selbst, fragten sich, ob es an ihnen liege, dass sie keine Freunde finden.

Die Soziologin beschreibt die Krise der Freundschaft

Paul schrieb ein Buch mit dem Titel „Krise der Freundschaft“. „Ich hatte das Tuch über einem beschämenden Geheimnis gelüftet“, schreibt sie, „dabei ist daran nichts Beschämendes. Viele Frauen sind einsam. Und es ist verdammt schwer, in unserer ökonomisierten Kultur neue Freundschaften zu schließen.“

Vor allem in der Phase zwischen 30 und 40, die der Soziologe Hans Bertram so treffend als „Rushhour des Lebens“ bezeichnet, wird es eng. Familie, Beruf, Partner, vielleicht eine Patchworkfamilie – und zahlreiche, gute Freunde? Wenn keine Zeit bleibt, alles zu vereinbaren, rücken Freunde schnell an die letzte Stelle. Ihnen schuldet man am wenigsten, ihnen gegenüber ist man zu nichts verpflichtet. Dabei wollen wir unmittelbar auf sie zurückgreifen, sobald es in einem anderen Bereich Probleme gibt und wir Beratungsbedarf haben. Woher soll man sie dann nur plötzlich nehmen?

In den USA gibt es mittlerweile einige Lösungsangebote für das Problem. Etliche Zeitungen haben die Kleinanzeigenrubrik „Friends wanted“, also „Freunde gesucht“, eingeführt. In New York zählt der Singleclub „Social Circles“ zu den beliebtesten der Stadt. Neun von zehn Mitgliedern treten ihm in der Absicht bei, Freunde zu finden. Und die Zahl der Mitglieder hat sich innerhalb der letzten fünf Jahre um 60 Prozent erhöht, schreibt die Soziologin Marla Paul.

Die Methode scheint zu funktionieren – gerade weil wir heutzutage auch auf das Internet zugreifen können, um unsere Sozialkontakte zu organisieren. Auch wenn Kulturpessimisten in der oberflächlichen „Gefällt mir“-Kultur der sozialen Netzwerke einen Verfall der Freundschaftskultur sehen, so hilft die Technik heute ebenso selbstverständlich im Sozialleben. Onlinegruppen führen Menschen zusammen, die neu in eine Stadt kommen und Sozialkontakte suchen. Über das Internetportal yumwe.de etwa können sich in mehreren deutschen Städten Leute zu gemeinsamen Kochabenden verabreden – Freunde und solche, die es werden wollen.

Ein Treibstoff, mit dem man durchs Leben kommt

Auch Marla Paul belässt es in ihrem Buch nicht bei einer Leidensgeschichte, sondern kommt zu dem beruhigenden Schluss: „Wie sich herausgestellt hat, leiden alle an Phasen der Einsamkeit, aber nicht immerwährend. Freunde sind eine erneuerbare Ressource, dem Himmel sei Dank.“ Der Begriff aus der Energieversorgung, Freundschaft als Ressource, erscheint passend. Auf gewisse Art handelt es sich um einen Treibstoff, mit dem man durchs Leben kommt.

Andererseits schreckt dieser pragmatische Blick auf Freundschaften aber auch ab. Ein Freund – das ist doch keine Ressource, sondern ein kostbarer, seelenverwandter Vertrauter! Einer, der weiß, wie viel Löffel Zucker wir im Kaffee brauchen und dass wir bei „Sometimes it Snows in April“ von Prince immer weinen müssen. Einer, der nachts um halb zwei mit der Kreditkarte in unsere leer stehende Wohnung einbricht, weil wir Angst haben, der Herd sei noch an. Einer, der uns beim Besuch im Krankenhaus nicht nur die Lieblingskekse mitbringt, sondern auch charmant mit der strengen Krankenschwester flirtet, damit wir die Kekse in Ruhe essen können.

Das Idealbild der innigen, seelenverwandten Freundschaft ist älter als das der romantischen Liebe. In der Antike galt die Freundschaft auf Leben und Tod. Auch Michel de Montaigne betont in seinem Essay „Von der Freundschaft“ aus dem 16. Jahrhundert die absolute seelische Vertrautheit, die nur der Tod trennen kann. Mit diesem idealisierten Verständnis von Freundschaft kommt man im Alltag aber leider nicht mehr sehr weit. Filme handeln davon, dass Freunde gemeinsam Pferde stehlen oder Verfolgungsjagden gewinnen. Wenn es um die Frage geht, ob sie sich Geld leihen oder auf die Kinder des anderen aufpassen, hat sich die Leinwand schon schwarz gefärbt, und der Abspann ertönt.

Wir leben heute meist ein neues Ideal der Freundschaft, ein weniger romantisches als vielmehr fürsorgliches. Es bedeutet wechselseitige Anteilnahme und Verlässlichkeit – im Unterschied zu loseren freundschaftlichen Kontakten. Diese Freundschaft ist weder schicksalsgegeben, noch lässt sie sich erzwingen, sie muss „erarbeitet“ werden, wie es der Philosoph Wilhelm Schmidt nennt. Nach Schmidt umfasst sie auch Schmerzliches und Unangenehmes. „Auch schwierige Zeiten sorgen für eine starke Erfahrung von Sinn, weil sich erst jetzt der Zusammenhalt bewährt“, so Schmidt.

Manchmal erscheint die Mühe dieser zwischenmenschlichen Arbeit zu groß. Wie an diesem Nachmittag, auf den ich nicht gerade stolz bin. Es war schon das dritte Mal, dass eine Freundin, nennen wir sie Christiane, auf meinen Handy anrief. Ich war zum dritten Mal nicht für sie erreichbar. Zum einen, weil ich dringend für die anstehende Klausur lernen musste. Zum anderen, weil ich kein Ohr mehr haben wollte für die nächste Volte im Beziehungsdrama. Christiane war wieder einmal verliebt. Es war wie immer äußerst kompliziert.

Dann klingelt die Freundin sogar an der Wohnungstür

An jenem Nachmittag klingelte schließlich nicht mein Handy ein weiteres Mal, sondern die Klingel an der Wohnungstür. Ich öffnete nicht und fühlte mich schlecht dabei. Als Christiane schließlich in den Innenhof gelaufen kam und meinen Namen wiederholt rief, versteckte ich mich verschämt im anderen Zimmer.

Es ist schwer, sich einzugestehen, dass Kraft und Geduld fehlen, schwierige Zeiten in guten Freundschaften auszuhalten. Aber manchmal, so auch damals, ist es leichter, aus der guten eine ehemals gute Freundschaft werden zu lassen. Im Kern gehört auch dies zum Angebot, das Freundschaften einem machen: die Freiheit, wieder Distanz zu schaffen.

Manchmal führt die zwischenmenschliche Arbeit aber auch zu so wunderbaren Freundschaften wie der zwischen Driss und Philippe, den beiden Protagonisten des Überraschungskinoerfolgs „Ziemlich beste Freunde“. Die Geschichte vom gelähmten Millionär und dem kriminellen Einwanderersohn, die sich über alle Milieugrenzen hinweg anfreunden, trifft den modernen Traum einer Freundschaft ganz gut: Nicht nur im Notfall soll sie halten und tragen, sondern auch dann, wenn der Notfall Alltag geworden ist und einer der Freunde auf Fürsorge angewiesen ist.

Von einer Freundschaft kann man bei Driss und Philippe anfangs sicher nicht sprechen. Im Gegenteil: Der eine bezahlt den anderen dafür, dass er ihn pflegt. Das ändert sich jedoch. Als Philippe eine Panikattacke mehr recht als schlecht überstanden hat, schiebt Driss ihn durch die frische Nachtluft. Die beiden reden. Über Bedürfnisse. Über Sex. Über Potenzprobleme.

Kann man einem Freund den Kotbeutel wechseln?

Sie haben zu diesem Zeitpunkt schon einige intime Situationen hinter sich gebracht, die nicht einfach waren. So weigert sich Driss am Anfang vehement, aber erfolglos dagegen, die Kotbeutel von Philippe zu wechseln. Einem anderen, fremden Mann den Hintern zu putzen, geht eindeutig gegen sein Ehrgefühl. Über Sex zu sprechen bereitet ihm weniger Probleme. Über Potenz noch weniger, soweit es seine eigene, vorhandene betrifft. Das sieht bei Philippe, dem reservierten Mitglied der gebildeten High Society Frankreichs, anders aus. Im Laufe der Geschichte überschreiten beide ihre Grenzen. Sie entwickeln Vertrauen zueinander.

Allerdings ist ihre Freundschaft auch in einem anderen Punkt sehr modern: Driss bleibt bei seinem neuen Freund Philippe keineswegs auf Lebenszeit, auch wenn dadurch beide auf ihre Art ausgesorgt hätten. Driss geht lieber wieder seinen Weg – nicht ohne Philippe zuvor noch zu verkuppeln, versteht sich.

Freunde, die sich auch in schweren Krankheitsfällen oder bei Gebrechlichkeiten im fortschreitenden Alter unterstützen, sind heute immer noch eher eine Ausnahme. Oft fühlt sich noch die Familie in der Verantwortung – der „wichtigste Pflegedienst“, wie CDU-Gesundheitsminister Hermann Gröhe sie jüngst mal wieder bezeichnete. Doch wer wird zuständig sein, wenn die kleinbürgerliche Familie mit ihren Zwangsverantwortungsstrukturen nicht mehr kann, weil es immer weniger Kinder gibt und die wenigen auf ihrem selbstbestimmten Leben bestehen?

Die Geschichte von Inge und Gerd, die eigentlich anders heißen, zeigt, was Verantwortung im Ernstfall heißt. Die 50-jährige Inge lebte seit Jahren mit meinem Freund Gerd in einer luxuriösen Altbauwohnung in Westberlin. Sie waren weder verheiratet noch sonst wie liiert, sie teilten sich lediglich den Wohnraum – und den Freundeskreis, auf den sie großen Wert legten. Abends, wenn beide von ihren jeweiligen Arbeitgebern nach Hause kamen, saßen sie manchmal gemeinsam in der Küche und tranken Wein. Eines Abends saß Inge stumm in der Küche, als Gerd nach Hause kam. Sie stand immer noch unter Schock. Er setzte sich schweigend zu ihr. Nach einer Stunde und diversen Zigaretten sagte Inge mit monotoner Stimme: „Bösartig.“ Gerd schluckte. Und bot ihr eine seiner Zigaretten an. Er wusste auch nicht weiter.

Solidarität als neue Form von Wohlstand

Als es Inge bereits sehr schlecht ging, bat er seinen Arbeitgeber um eine Auszeit, um Inge – die als sogenannte Austherapierte aus dem Krankenhaus in die Altbauwohnung verlegt worden war – abends statt der Zigarette den kalten Tee zu reichen. Oder wenigstens ihre Lippen damit zu befeuchten. Als Nichtverwandter von Inge hatte er allerdings keine guten Karten: keine Rechte und keine finanzielle Unterstützung. Er ließ sich dennoch nicht abhalten. Und kümmerte sich zu guter Letzt sogar um die Musik bei der Trauerfeier.

Ich ging hin, obwohl ich Inge nie persönlich getroffen hatte. Aber nach all den vielen vertrauten Gesprächen mit Gerd hatte ich dennoch das Gefühl, sie kennengelernt zu haben. Zumindest die Inge, die Gerd so schätzte. Ich fühlte mich mehr wie sein Gast als wie eine Trauernde. Aber ich merkte, dass Gerd sich freute, mich an jenem Tag zu sehen. Über den kleinen Freundschaftsbeistand.

Für die meisten Menschen in Inges Generation ist ein solches Netzwerk noch eine Ausnahme. Für die Jüngeren könnte es mal ein Stück Normalität werden. Es gibt die Theorie, dass diese Entwicklung auch mit Finanz- und Umweltkrisen zu tun hat. Dass sich die Idee von Wohlstand in der Gesellschaft langsam und nachhaltig ändert. Dass nicht mehr Wachstum das Ziel ist.

Zukunftsforscher Horst Opaschowski geht davon aus, dass eine der nachhaltigsten Ressourcen die Solidarität zwischen den Generationen sein wird. Überall dort, wo die ökonomische Kraft schwächer wird, wie es gerade in vielen Teilen der Welt geschieht, müsse der Wert einer Gemeinschaft auf Gegenseitigkeit wiederentdeckt werden. In der Folge werde auch Wohlstand neu definiert: „Wohlhabend ist der, der mit sich zufrieden ist und gut und glücklich leben kann“, schreibt Opaschowski.

Der wiederentdeckte Wert der Solidarität wäre damit in erster Linie nicht einmal altruistisch motiviert. Unser Leben erscheint eigennützig wertvoller, wenn wir es beziehungsreicher gestalten. Also mit vielen, unterschiedlichen – engen und losen – Freunden.

Susanne Lang, 37, arbeitete von 2003 bis 2008 als Redakteurin, später als Ressortleiterin bei der taz. Seitdem ist sie verantwortliche Redakteurin beim Freitag. Am kommenden Montag erscheint ihr Buch „Ziemlich feste Freunde. Warum der Freundeskreis heute die bessere Familie ist“ im Blanvalet Verlag