Adieu, Alt-Berlin!

KNEIPE Die Bierstube in der Münzstraße schließt Ende April. Soleier sucht man dann vergebens

Jetzt fällt auch die Bierstube Alt-Berlin der Gentrifizierung zum Opfer. Die Kiezkneipe in der Münzstraße stammt aus dem Jahr 1893. Der Investor, ein Hamburger Architekt mit notorisch schlechtem Geschmack, verspricht, sie anderswo „originalgetreu“ wiederaufzubauen.

Das klappte bei der Kneipe Baiz, die von der Torstraße weggentrifiziert wurde und nun weiter im Osten wieder aufgemacht hat. Doch das Baiz hat ein mobiles Anarchopublikum inklusive Spitzel von Staats wegen, das Umzüge leicht verkraftet.

Im Gegensatz zu den Gästen des Alt-Berlin: Die Bierstube lebte von den Kollektiven der nahen Vergnügungsstätten Friedrichstadtpalast und Volksbühne samt ihrem Anhang, aber auch von ihrer Nachbarschaft, was die dunkel holzgetäfelte Bierstube Alt-Berlin zugleich auch zu einer stinknormalen Eckkneipe machte. Auch viele Studenten der nahen Humboldt-Universität kamen. „Wenn man im Alt-Berlin angenommen wurde, war man angekommen“, meint eine Psychologin, die 1981 aus Mecklenburg dort hinzog. Eine andere – aus Sachsen – erinnert sich: „Ich habe 1984 mein erstes und letztes Solei im Alt-Berlin gegessen.“

Brecht und Bowie

In den letzten Jahren wirkte die Bierstube wie eine verschonte Eckkneipe, obwohl immer mehr Touristen dort hinkamen. Der Guardian nannte das Publikum im Alt-Berlin „artists, bohemians and lowlifes“ und betonte, dass dazu auch schon Brecht, Döblin, Roth und Bill Murray gehört hatten. Auch David Bowie war mehrfach da. Jeder Gast, der sich in der ehemaligen Strichkneipe, die einmal „Drei Ritzen“ hieß, anständig benahm, bekam vom Thekenpersonal einen Magenbitter eingeschenkt. Zu Ostzeiten war das Boonekamp Halb & Halb. Nach der Wende setzte sich Mampe Halb & Halb durch, der 1831 als Mittel gegen Cholera aus Kräutern und Schnaps vom Preußischen Geheimen Sanitätsrat Carl Mampe erfunden worden war.

Mampe war Trikotsponsor bei Hertha BSC, weiß Wikipedia, und der „Volksmund“ reimte: „Sind’s die Augen, geh zu Mampe, / gieß dir einen auf die Lampe, / kannste allett doppelt sehn, / brauchste nich zu Ruhnke gehn.“ Im Gegensatz zum Clubgetränk Jägermeister hat Mampe sein „natürliches Habitat seit dem Zweiten Weltkrieg nicht ernsthaft verlassen: die Eckkneipen“, schreibt der Tagesspiegel.

Das war schon unter der Regie von Heinz und Inge, die das in den fünfziger Jahren von der DDR-Handelsorganisation „HO“ requirierte Alt-Berlin betrieben. Sie brachten draußen einen Spruch an, den man noch immer lesen kann: „Das Schönste aller Dinge, ein schneller Schluck bei Heinz und Inge“.

Jetzt stehen Mischa und Dana hinter dem Tresen. Letztere behauptet, dass sie die Lieblingsdrinks von über 100 Stammgästen im Kopf hat. Seit den Neunzigern gibt es neue Stammgäste: den „Ex-Ösi“ Philipp zum Beispiel, der die Facebookseite „Alt Berlin – wir zeigen Courage“ aufmachte und Unterschriften gegen die Schließung sammelte. Das alles war nicht erfolgreich, dafür kamen jedoch einige Details aus der Kneipengeschichte heraus. Erst gehörte sie drei Damen, die vom nahen Straßenstrich lebten. Nach dem Krieg besaß dann „Fahrradmüller“ sie, der über gute Kontakte zu den Russen verfügte, über die ihm die Wiedereröffnung der Kneipe gelang, die wie die ganze Münzstraße von Bomben schwer beschädigt worden war. Fahrradmüller, der so hieß, weil er mehrere Sechstagerennen gewann, soll dann jedoch wegen mehrerer Raubüberfälle verhaftet und zum Tode verurteilt worden sein – der Erste im neuen Berlin. Danach kam die HO mit Heinz und Inge. Die beiden führten Soleier ein – im Glas hinter der Theke. Die gibt es im Alt-Berlin noch immer. Das heißt, noch bis zum 30. April.