„Es geht darum, was zu erleben“

Auch in seinem zweiten Kinofilm, „Ein Freund von mir“, erkundet Regisseur Sebastian Schipper („Absolute Giganten“) die Höhen und Untiefen menschlicher Beziehungen. Ein Gespräch über Sex, Blödsinn, Transzendenz – und Männerfreundschaften

taz: Herr Schipper, entschuldigen Sie bitte, aber ich bin heute eher schlecht gelaunt: Mein bester Freund hat Liebeskummer und liegt außerdem im Streit mit einem anderen Freund. Können Sie das nachvollziehen?

Sebastian Schipper: Total. Ich habe auch einen Freund, der seit drei, vier Monaten Liebeskummer hat. Mit dem habe ich jetzt schon mehrere Phasen durch –von „Das wird schon wieder rumgehen“ über „Diese blöde Kuh!“ bis hin zu „Was ist mein Kumpel eigentlich für ’n Idiot?“ und schließlich „Worum geht’s hier eigentlich wirklich?“. Wenn man Freunden zur Seite steht, die Liebeskummer haben, therapiert und berät man sich meiner Meinung nach auch immer ein wenig selbst.

Wir wollen mit Ihnen über Männerfreundschaften sprechen. Das wievielte Interview zu diesem Thema ist dieses hier eigentlich?

Es geht eigentlich in jedem Interview auch um Männerfreundschaft. Dabei ist mir der Begriff eigentlich total fern.

Weil er so nach Bierwerbung klingt?

Der klingt nicht nur so, der ist Bierwerbung. Freundschaft zwischen Jungs hat für mich ganz viel mit der Möglichkeit zu tun, noch mal elf oder zwölf zu sein. Bei Männerfreundschaft denke ich an Schweiß, Umkleidekabine und daran, wie man sich bei der „Camel Trophy“ gegenseitig hilft, den Jeep wieder aus dem Dreck zu ziehen. Das habe ich nie gemacht, und es interessiert mich auch überhaupt nicht.

Trotzdem sind Freundschaften zwischen Jungs das beherrschende Thema Ihrer bisherigen beiden Filme.

Für mich erzählen beide Filme Liebesgeschichten. „Ein Freund von mir“ hat die Chronologie einer Liebe: Der eine findet den anderen doof, aber regt ihn auch so sehr auf, wie einen nur Leute aufregen können, die einem was bedeuten, dann haben sie halt keinen Sex, sondern machen Blödsinn, dann trennen sie sich und stellen fest, dass sie ohne einander nicht wirklich können. Das hätte man auch mit Mann und Frau erzählen können. Mir ist aber wichtig, dass Hans und Karl in meinem Film nicht schwul sind. Dann würde er ja die Geschichte einer Beziehung erzählen, in der Sex eine Rolle spielt, wie „Brokeback Mountain“. An Freundschaften finde ich aber gerade so toll, dass sie ganz schwer dingfest zu machen sind. Sie haben kein Motiv.

Kann man mit Kollegen befreundet sein? Diese Freundschaft hätte ja ein Motiv.

Auch das finde ich absolut legitim, schon Aristoteles hat das als eine Möglichkeit von Freundschaft definiert. Ich glaube, das ist wie bei Musikern. Oder Fußballern. Eine freundschaftliche Geste ist wie ein Pass, den verwandelt man gemeinsam und bejubelt das Tor. Und dieser Jubel ist authentisch. Wenn du deinen Job liebst und davon träumst, diesen Film zu machen, und dir jemand begegnet, der dir dabei helfen kann, und du über das Objekt einen Draht zu ihm hast, dann musst du dich an ihn halten. Das Einzige, was ich Kacke finde, sind geheuchelte Affekte: wenn man über Witze lacht, die nicht lustig sind, oder selber Witze erzählt, die man nicht lustig findet.

Was zeichnet die Freundschaften zu Ihren Kumpels aus?

Vertrauen.

Und sonst?

Humor. Großzügigkeit. Die Möglichkeit, sich zu unterhalten. Dass man sich was zu sagen hat. Wissen wollen, was der andere denkt, und ihm gerne sagen wollen, was man selber denkt.

Was war Ihr schönstes Geschenk eines Freundes?

Meine Freunde kriegen es nicht hin, ein vernünftiges Geschenk zum Geburtstag zu kaufen oder zu Weihnachten. Ich auch nicht. Darum geht’s auch gar nicht.

Worum dann?

Freundschaft verdinglicht nicht, sondern ist ein großer Latenzraum. Im Film gibt es die Szene, in der Hans und Karl nackt Porsche fahren. Dabei geht es weiß Gott nicht darum, wie glücklich Porsche fahren macht. Es geht darum, was zu erleben. Um das letztendlich Transzendente des Erlebnisses, wofür man bereit sein muss. Und dann kann man auf die beknackte Idee kommen, nackt in die Porsches zu steigen, die man überführen soll. Darauf kommt man aber nicht, wenn man davon träumt, irgendwann die 100.000 Euro zusammenzuhaben, um sich einen Porsche zu kaufen. Ich glaube, genau dieses Transzendente ist auch das, was ich in Freundschaft wiederfinde.

Wie meinen Sie das?

Freundschaftliche Bindungen im Beruf helfen dem Job. Es macht mehr Spaß. Eine Bindung zu einer Frau führt zu Rumknutschen, Sex oder einer gemeinsamen Lebensplanung. Aber Freundschaften sind geprägt von einer gewissen Sinnlosigkeit, haben keinen Zweck. Genau das ist das Tolle dran. Das schönste Geschenk für mich ist es, Zeit mit meinen Kumpels zu verbringen – sei’s in einem gemeinsamen Urlaub, sei’s in der Nacht, wenn man um die Häuser zieht und weiß, dass alles okay ist.

Die beiden Protagonisten von „Ein Freund von mir“ sind sehr gegensätzlich. Sucht man in Freunden eher einen Widerpart oder einen Spiegel seiner selbst?

Weder noch. Ich glaube, dass Freunde eine gewisse Tonalität in mir wecken, eine Saite zum Schwingen bringen.

Bei Sandkastenfreunden denke ich mir manchmal, dass ebenso gut ein anderer Junge aus der Nachbarschaft mein Freund hätte werden können.

Ja, aber es war halt kein anderer. Mit jemandem gut spielen zu können ist schon eine extrem präzises Kriterium, ob man zusammenpasst. Ich glaube, wenn man keine Lust mehr hat, miteinander zu spielen, weil der andere nervt oder keine guten Ideen hat, dann geht man halt auseinander. Das ist, glaube ich, immer noch so, auch wenn man jetzt vielleicht andere Gespräche führt.

Ich möchte Ihnen gerne aus einem Interview vorlesen. Frage: „Erklären Sie mir, was an Männerfreundschaften so großartig ist.“ Antwort: „Sie sind es deswegen, weil der Liebe unter Männern – die körperliche Zuneigung gibt es zwischen nichthomosexuellen Männern ja genauso wie zwischen Mann und Frau, die steht andauernd im Raum – eben immer noch mehr, viel mehr als das Ventil Sex zur Verfügung steht: Das sind die vergleichsweise subtilen, vermittelten, anders zärtlichen Männerrituale wie Musikhören, Biertrinken, Gepflegt-Käse-miteinander-Reden. Ich habe die immer als absolut beglückend, als die wahre Erlösung empfunden, eben weil man sich nah ist und sich trotzdem nicht wehtun muss.“

Habe ich das gesagt?

Nein, der Journalist Moritz von Uslar.

Hätte auch von mir sein können – abgesehen von dem Wort „wahr“. In irgendwas das Wahre zu sehen, löst in mir extremes Unbehagen aus. Ich glaube total – und das setze ich der Wahrheit entgegen – an die Ellipse.

Wie bitte?

Ich liebe es, wenn etwas passiert. Und wann passiert etwas? Wenn sich etwas verändert. Ich liebe es, wenn ich den ganzen Tag quatsche und irgendwann still werde. Ich liebe es, wenn ich einen Tag die Klappe gehalten habe und anfange zu reden. Ich liebe es, wenn in der Disco die Musik ausgeht, und ich liebe es, wenn sie zum ersten Mal richtig aufgedreht wird. Und bei meinen beiden Figuren liebe ich die Bewegung von einem zum anderen, den Blick vom Stillen zum Lauten und vom Lauten zum Stillen. In Freundschaften passiert etwas. Und wenn sich nichts mehr tut, sind sie vorbei.

Wann haben Sie Ihren letzten Freund verloren?

Das war in der Zeit, als „Absolute Giganten“ rauskam. Ich glaube, dass dieser Freund meine Freundschaft nicht mehr wollte. Er war mit einer Frau zusammen, die er dann auch geheiratet hat. Und hatte deswegen wohl das Gefühl, sich entscheiden zu müssen, erwachsen werden zu müssen. Blödsinn und „volle Pulle“ kamen in seinem Lebensentwurf nicht mehr vor. Darüber hinaus hatte ich das Gefühl, dass er mir meinen Film nicht gönnt. Er hat aufgehört, mir zu verzeihen, wenn ich Scheiße gebaut habe. Freundschaft hat ganz viel damit zu tun, Raum zu geben und Raum zu bekommen. „Tut mir leid“ ist die Zauberformel von Freundschaft.

Und wann haben Sie den letzten Freund gewonnen?

Beim Machen von „Ein Freund von mir“: den ausführenden Produzenten [Sebastian Zühr, Anm. d. Red.]. Am Anfang war es eine strategische Verbindung: Er war ein junger Produzent, ich war ein junger Regisseur. Ganz lange ging es nur um den Film, dessen Realisation wesentlich länger gedauert und wesentlich mehr Nerven gekostet hat als erwartet. Vor sechs Jahren habe ich ihm von meiner Geschichte erzählt, und wir haben beschlossen, das zusammen anzugehen. Deswegen sind wir an einem Donnerstagmittag zum Wittenbergplatz gefahren, um dort zusammen eine hautlose Biocurrywurst zu essen.

Eine schöne Geste …

… die mehr sagt als irgendwelche Freundschaftsbekundungen. Dass wir da einer Meinung waren und keiner von beiden irgendwelche Termine hat dazwischenkommen lassen, ist Signal genug. Umso mehr habe ich mich nach unserem Rekordversuch am Wochenende geärgert, als das Team noch zusammensaß, er aber plötzlich weg war – bei einer Frau. Da habe ich ihn wie eine beleidigte Leberwurst per SMS herbeizitiert. Zwei Minuten später kam er um die Ecke und sagte: „Dicker, tut mir leid!“