Amnesie im Drogensumpf

Die können auch anders – und zwar richtig gut: Sat.1 gelingt mit dem Vierteiler „Blackout – Die Erinnerung ist tödlich“ (ab Sonntag, 20.15 Uhr) eine Genresaga mit exzellenter Besetzung

Das Projekt steht, gelinde gesagt, schon etwas länger im Raum: Bereits im Sommer 2005 rührte Sat.1 erstmals die Werbetrommel für eine damals gerade im Dreh befindliche Miniserie namens „Eight Days“. Dann kam lange nichts – bis für den 29. und 30. Oktober sowie den 5. und 6. November (jeweils um 20.15 Uhr) der Mehrteiler „Blackout – Die Erinnerung ist tödlich“ angekündigt wurde. Aus den ursprünglich geplanten acht 45-Minütern, die je einen Tag im Leben des an Amnesie leidenden Drogenfahnders Paul Novak (Mišel Matičević) erzählen sollten, sind also vier 90-Minüter geworden, die innerhalb einer Woche an jeweils zwei aufeinander folgenden Tagen gezeigt werden.

Erfahrungsgemäß sind derart lange Zeiträume zwischen Ankündigung und Programmierung, derart gravierende Eingriffe in Schnitt und Struktur sowie Titeländerungen nicht unbedingt ein gutes Zeichen für die Qualität des Produkts – ob der Sender nun, wie Sat.1, von einem „hochwertigen TV-Meisterwerk“ und „viel Herzblut“ (Sprecherin Kristina Faßler) raunt oder nicht. Bei „Blackout“ aber liegen die Dinge anders. Hier trifft die Senderpromo wirklich zu, und der letztlich gewählte Ausstrahlungsmodus macht Sinn. Es geht in düsterster Weise und in allen denkbaren Facetten um Drogenhandel, seine Strippenzieher, seine Opfer und den Kampf dagegen. Wenn das etwas platte Bild erlaubt ist: Auch dieser Fernsehstoff macht süchtig, und es wäre fatal gewesen, seine epische Wucht durch Aufsplitten in acht Kurzfolgen zu zerstören.

Idealbesetzter Hüne

So aber lautet die Einladung, an vier Abenden in die Welt eines Mannes einzutauchen, dessen Frau erschossen wurde; der, als er mit ihr ins Krankenhaus rasen wollte, einen Unfall baute, ein schweres Schädelhirntrauma davontrug und sein Gedächtnis verlor. Zu Beginn sehen wir ihn Checklisten abarbeitend um die Rückkehr ins normale Leben ringen („Ich habe mir die Zähne geputzt“) und werden Zeugen, wie quälend langsam seine Erinnerung an die Vergangenheit zurückkehrt, unter anderem an die Existenz seines zehn Jahre alten Sohns. Nicht wirklich die besten Voraussetzungen, um dem Mörder seiner Gattin auf die Schliche zu kommen.

Der 36-jährige Deutschkroate Mišel Matičević, bisher vor allem bekannt aus den Dominik-Graf-Filmen „Hotte im Paradies“ und „Kalter Frühling“, ist die Idealbesetzung für den Part des gehandicapten Hünen. Glaubhaft über sich selbst staunend gibt er den großen Jungen, der mehr und mehr erkennen muss, dass vieles in seiner Vergangenheit nicht eben höchsten moralischen Ansprüchen standhält. Eine Schlüsselrolle in diesen dunklen Zusammenhängen spielt sein ehemaliger Polizeipartner Boris Schenker – gemeinsam hatten sie sich zu weit hineinbegeben in den Dschungel aus organisierter Kriminalität, Drogen und Prostitution, hatten auf der Jagd nach Informationen krumme Deals gemacht, sich selbst verstrickt. Aber was hat das alles mit der Ermordung seiner Frau zu tun, an welcher brisanten Geschichte war Paul dran? Fragen natürlich, für die sich mit Fortschreiten des Rekonstruktionsprozesses auch andere Leute sehr interessieren.

Neben Matičević baut der gebürtige Holländer Roeland Wiesnekker, der in der Schweiz aufwuchs und 2004 mit dem Porträt des Zürcher Straßenbullen „Strähl“ eindrucksvoll seine Visitenkarte abgab, die Figur jenes Boris zur Glanzrolle aus. Als drogensüchtiges Ekel, gebeutelt durch das ungeklärte Schicksal seiner seit Jahren vermissten Tochter, liefert er eine furiose „Bad Lieutenant“-Studie ab, die den Vergleich mit Harvey Keitel nicht zu scheuen braucht. Rastlos rast er mit seinem schwarzen BMW durch Berlin, beschert seiner Abteilung die besten Tipps und Coups, fingiert aber auch skrupellos Beweislagen und erschießt einen Kollegen, der ihn mit seiner Drogensucht erpressen will.

Erkaltete Haushaltshölle

Um die beiden Protagonisten herum hat Drehbuchautor und Format-Erfinder Norbert Eberlein durchweg brillant ausgestaltete und besetzte Charaktere gruppiert: Da ist Richy Müller als abgeklärt-beharrlicher Chef der Polizeieinheit, der endlich an die großen Fische ran will. Da ist Dominic Raacke als Pauls wohlsituierter Anwaltsbruder Christoph, dem Karriere über alles geht und der mit Gattin Marion (Claudia Michelsen) samt Tochter in der Hölle eines emotional komplett erkalteten bourgeoisen Haushalts lebt. Da ist Jule Böwe als verzweifelte Frau von Boris, die nachts im Internet Vermisstenlisten durchgeht, und da sind Hilmi Sözer als strauchelnder Boss der Drogenmafia und Walter Kreye als dubioser Unternehmer Born, den unbändiges Gewinnstreben in die Politik treibt.

Man mag einwenden, dass das Plotmotiv „Gedächtnisverlust“ nicht zu den unverbrauchtesten zählt, und wenn Paul zu Beginn ein Armbändchen mit der Aufschrift „Ich“ trägt, ließe sich das als softe deutsche Fernsehvariante des US-Thrillers „Memento“ bespötteln, in dem der traumatisierte Held sich seine Gedächtnisstützen gleich eintätowierte. Ob der Krankheitsverlauf realistisch ist, sei ohnehin dahingestellt.

Doch wer sich einmal auf den von Peter Keglevic und Hans-Günther Bücking (auch Kamera) bemerkenswert einheitlich inszenierten Vierteiler einlässt, wird an so was gar nicht denken. Wirklich bemerkenswert, welch düsteren Sog diese auch visuell imposante Genresaga bis zum Schluss entfaltet. Hier ist mal wieder eine Eigenproduktion, mit der sich Sat.1 zu Recht schmücken darf.