Die Basslast der Vergangenheit

In Föhrenwald lebten Zwangsarbeiter, nach dem Krieg waren hier jüdische Flüchtlinge untergebracht. Die Künstlerin Michaela Melián hat die wechselvolle Geschichte gezeichnet und als Hörspiel inszeniert. Die Dia-/Sound-Installation ist in Berlin zu sehen

VON KITO NEDO

„Wo ist denn die Medieninstallation?“, fragten einige Besucher etwas irritiert am Eröffnungsabend der Ausstellung von Michaela Meliáns „Föhrenwald“-Projekt im Dachgeschoss der Berliner Kunst-Werke. Dass jemand in Zeiten von High-Definition-Projektionen und fortschreitenden Cinematisierungstendenzen in der Medienkunst noch zwei Diaprojektoren in einem Kunstraum aufstellt, kann heutzutage schon mal für lange Gesichter beim Publikum sorgen.

Tatsächlich wirkt der Aufbau des abgedunkelten Raums sehr spartanisch: zwei Projektoren, zwei Lautsprecher und zwei Bänke. Aus den Boxen dringen verschiedene Erzählerstimmen, grundiert mit einer Soundspur, die schließlich zu einem getragenen, schwer basslastigen Housetrack zusammenfindet. An der Wand blenden die beiden Projektoren gemächlich im Negativverfahren reproduzierte Zeichnungen von Straßen und Häusern einer Siedlung ineinander, die weißen Linien auf schwarzem Grund erinnern an Bilder auf einer altmodischen Schultafel. Für viele mag das nicht gerade spektakulär erscheinen. Wer jedoch die Geduld mitbringt, sich auf die Situation einzulassen, bemerkt sehr bald, dass sich hinter der minimalistischen Fassade ein weites, geschichten- und diskursreiches Hinterland verbirgt, dessen Erkundung sich lohnt.

Beschränkung auf das Nötigste in der Präsentation, verbunden mit einer konzeptionellen Durchdachtheit, hat in Meliáns mittlerweile schon über 25-jährigem Schaffen einige Tradition. Die 1956 geborene und in Oberbayern lebende Künstlerin und Musikerin, die bei F.S.K. spielt, liefert zu ihrer Dia-/Sound-Arbeit „Föhrenwald“ immerhin einen 300-Seiten-Begleitkatalog, der nicht nur Bild- und Tonspur der Installation auf Papier und CD dokumentiert, sondern auch einen Historiker, einen Schriftsteller, einen Journalisten, einen Architekten und einen Philosophen zu Wort kommen lässt. Die hohe Auflösung findet also nicht in der Projektion selbst statt, sondern vielmehr im nach- oder vorgelagerten diskursiven Bereich. Der Berliner Kurator Frank Wagner nannte das mal zutreffend „Low Tech – High Concept“: In der Verbindung dieser beiden Vorgehensweisen zieht die Kunst der Michaela Melián ihre besondere Kraft.

Wie auch in einigen früheren Arbeiten der Künstlerin geht es in „Föhrenwald“ um die Schilderung einer beinahe vergessenen Geschichte. Die 1937 erbaute NS-Mustersiedlung Föhrenwald bei München diente zunächst der Unterbringung von Zwangsarbeitern und Reichsarbeitsdienstlern, die in den nahe gelegenen Wolfratshausener Sprengstoff- und Munitionsfabriken arbeiteten. Nach dem Krieg richtete die amerikanische Militärverwaltung in dem Gebäudeensemble ein so genanntes DP-Camp ein: ein internationales Auffanglager für jüdische „Displaced Persons“, heimatlose Überlebende des Holocaust, für die der Aufenthalt im Lager meist eine Zwischenstation auf dem Weg nach Palästina, später Israel, die Vereinigten Staaten oder anderswo darstellte. Im Land der Täter wollte kaum einer bleiben.

Zeitweise lebten hier sechstausend Menschen auf engstem Raum zusammen. Anfang der Fünfzigerjahre ging das Gelände dann in deutsche Verwaltung über, in den folgenden Jahren erfolgte die schrittweise Auflösung des Camps. Den ehemaligen Bewohnern gelang entweder die lang ersehnte Ausreise aus Deutschland oder ihnen wurden Wohnungen in den großen Städten Westdeutschlands zugewiesen. Ab 1957 fanden in Föhrenwald schließlich Vertriebenenfamilien eine neue Heimat. Seitdem trägt der Ort den Namen Waldram, heute ist dies ein Stadtteil der Stoiberstadt Wolfratshausen.

Obwohl die Siedlung heute kaum von anderen Vorstadt-Öden zu unterscheiden ist, spiegeln sich in ihr die deutschen Geschichtswirren, die bis in die Gegenwart wirken. Insofern ist solch ein Ort wohl geschichtsträchtiger als jedes offizielle Denkmal: Innerhalb von nur zwanzig Jahren wechselte die Bewohnerschaft der Siedlung dreimal komplett, jede Nutzung hinterließ ihre Spuren. In Meliáns Arbeit findet sich dieser Fakt am direktesten in der Rezitation der unterschiedlichen Straßennamen wieder: Jedes Mal, wenn sich durch die historischen Ereignisse der Charakter der Siedlung änderte, mussten auch neue Straßennamen her. Der Adolf-Hitler-Platz wird nach Kriegsende zum Roosevelt Square und in den Fünfzigerjahren schließlich zum Seminarplatz. Die Umbenennungen muten an, als sei versucht worden, eine undurchlässige Quarzschicht zwischen die einzelnen historischen Sedimentschichten einzuziehen.

Genutzt hat dies wenig. Bei einer Führung durch den Ort, an der Melián zu Beginn ihrer Recherchen teilnahm, war sie erstaunt über die heftigen Diskussionen, die unter den Teilnehmern über die Geschichte des Ortes entbrannten und darüber, wie diese zu deuten sei. „Die Siedlung gibt einen Ausschnitt einer bestimmten BRD-Geschichte, sie bildet den Übergang vom Nationalsozialismus bis eigentlich heute formal und diskursmäßig ab“, erklärt sie ihr künstlerisches Interesse.

Im Laufe der zweijährigen Forschungen besuchte Melián die Archive und führte Interviews mit mehreren ehemaligen Bewohnern der Siedlung, befragte diese zu den damaligen Lebensumständen. Die dabei entstandenen Gesprächsprotokolle lieferten neben behördlichen Aktennotizen, Briefen, Zeitungsartikeln und anderen Quellen einen Teil des Materials, das Melián schließlich in einem Studio des Bayerischen Rundfunks von professionellen Schauspielern und Kindern einsprechen ließ und so für die Soundspur ihrer Installation verwendete.

Auch wenn ihre Interviews stark an die Praxis der Oral History erinnern, die ab den Sechzigerjahren für eine Demokratisierung der Geschichtswissenschaften sorgten, sieht sich Melián doch nicht als Historikerin: „‚Föhrenwald‘ ist ein Kunstwerk, das ein historisches Thema hat. Das ist nach meiner Ansicht auch nicht als historischer Vorgang abgeschlossen. Man kann das sehr stark auch auf die heutige Zeit übertragen: Wie wird von den einzelnen Bevölkerungsgruppen über andere geurteilt? Wie wird überhaupt diese Geschichte wahrgenommen? Die Geschichte, die ich im Interview erfragt habe, die ist nirgendwo aufgeschrieben.“

Mit Hilfe der Verfremdung der Interviewstatements durch die Schauspielerstimmen gelingt der Künstlerin eine offene Form, die sich der Last der allzu eindeutigen Dokumentation geschickt entzieht. „Ich wollte nicht, dass man sofort weiß, wer da spricht. Das man eben nicht hört: das ist eine alte Stimme, die hat diesen oder jenen Akzent, also muss der und der sprechen. So ist es schon ein wenig komplizierter, weil es ja von allen Seiten auf alles Projektionen und Zuschreibungen gibt.“ Für Melián wird das Terrain damit weniger eindeutig und „genauso schwierig, wie ich es eben empfinde“.

Anders als etwa die ähnlich gelagerten Projektionen „Panorama“ vor drei Jahren in Innsbruck oder die im Rahmen der RAF-Ausstellung 2005 gezeigte Arbeit „Straße“ ist „Föhrenwald“ das erste Werk Meliáns, das sich neben der Musik auch des Mediums der Sprache bedient. Konnte man die elektronisch-ambienthafte Musik früherer Arbeiten auch als Tracks auf der im letzten Jahr erschienen, gemeinsam mit dem F.S.K.-Schlagzeuger Carl Oesterhelt produzierten CD „Baden-Baden“ hören, so wurde die Tonspur von „Föhrenwald“ als eigenwertiges Hörspiel im Rundfunk ausgestrahlt und erhielt im letzten Jahr den renommierten Hörspielpreis der Kriegsblinden. Doch trotz der unterschiedlichen Herangehensweise sind diese drei Werke für die Künstlerin miteinander verbunden. Und deshalb ist auch die Erkundung von Landschaft und Architektur mit ihren spezifischen historischen, sozialen und politischen Kontexten mit dem eigenen visuellen und klanglichen Instrumentarium für Melián noch nicht an ihr Ende gekommen: „Ich sehe das als eine Art ongoing project, wo immer wieder neue Orte dazukommen können.“

Michaela Melián: „Föhrenwald“, bis 12. 11., Kunst-Werke, Berlin. Das Buch „Föhrenwald“, herausgegeben von Heike Ander, ist 2005 im Revolver Verlag, Frankfurt/Main, erschienen und kostet 25 Euro.