Die F-Klässlerinnen

DAS SCHLAGLOCH von HILAL SEZGIN

Die Beobachtung ist so schlau und treffend, dass man sich nur wundern kann, warum sie nicht längst die Runde gemacht hat: Es könne kein Zufall sein, bemerkte Thea Dorn letzte Woche, „dass ausgerechnet im ersten Amtsjahr der ersten deutschen Kanzlerin das Land von einem medialen Geschlechter-Rollback erfasst wird, den aufgeklärte Zeitgenossen noch bis vor kurzem für undenkbar gehalten hätten“.

Die Existenz einer Kanzlerin irritiert offenbar den einen oder anderen Bundesbürger, zumindest unterschwellig. Das war zu erwarten. Erstaunlich war eher, dass es ein Jahr lang – abgesehen von der obligaten Kleidungs- und Frisurkritik in der Berichterstattung – so sonderbar ruhig geblieben ist im Land.

Es scheint, als müsse sich der neue Feminismus qualifizieren, indem er sich vom früheren distanziert

Und nun wissen wir also endlich, warum. „Ich bin gegen eine Kanzlerin“, so etwas sagt natürlich keiner, falls es sich überhaupt jemand zu denken traut. „Aber ich finde schon, dass im Allgemeinen nur eine Frau ein Zuhause richtig gemütlich macht.“ – DAS ist es, was die Leute denken, und so erklärt sich auch die Häufung entsprechend sehnsüchtiger Seufzer, die Thea Dorn in der bürgerlichen Presse aufgespießt hat: von Frank Schirrmachers Überleben-durch-Gebären-Appellen über Sigmund Gottliebs öffentliche Grußnote an die Leckerbissen-Gattin bis hin zu Eva Hermans Eloge auf den selbst gebackenen Apfelkuchen, in dem sich Gottes Schöpfungsplan verwirklicht.

Dieses Rollback hat Dorn, die eigener Aussage nach lange nichts mit Feminismus am Hut hatte, so auf die Palme gebracht, dass sie ihm die eigene Sicht der Dinge in Buchform entgegenhalten wollte. Das Ergebnis nennt sich „Die neue F-Klasse“. Bei der Autorin kommen viele glückliche Faktoren zusammen, die dem Feminismus nur wohl anstehen können: ein wacher Geist, nicht allzu viel Respekt vor den bestehenden Verhältnissen, eine angemessen scharfe Zunge und natürlich auch eine sehr ansprechende Verpackung.

Zum Glück hat die Gegenseite nicht alle schönen Fernsehfrauen für sich gepachtet, geschweige denn alle Rhetorik! Und so spottet Dorn ganz vorzüglich über die neue Obsession Mutterschaft, über das Selbstmitleid entthronter männlicher Meinungsführer und über die soziobiologische Verklärung des Terminhoppings und Kissenaufschüttelns.

Aber es ist irgendetwas Merkwürdiges an dieser Botschaft, die unter dem flotten Titel einer F-Klasse daherkommt. Vielleicht, dass man die anfängliche Assoziation zu einem Luxusauto gar nicht mehr loswird, wenn man erst einmal gemerkt hat, dass tatsächlich nur „gut ausgebildete und ausbildungsbegierige, individualistische und entschlossene Frauen“ anvisiert sind. Echte Klassefrauen eben: Das eigene Leben selbst in die Hand nehmen, Karriereleiter, weiß, was sie will, und kriegt es auch. Gilt das nur für F-Frauen, oder sollen von nun an alle als emanzipiert gelten wollenden Frauen so erfolgreich, und, noch schlimmer – so tough sein?

Was die Konservativen uns in den letzten Monaten anpriesen, ist das Nestwärme- und Versorgungsmodell; das wird nicht dadurch wieder gut, dass man es durch das Prinzip Leistungsträgerin ersetzt. Es ist ein Diskurs, innerhalb dessen „feministisches Jammern“ (Dorn) einen notorisch schlechten Ruf hat, weil … weil … Warum eigentlich?

Vermutlich, weil Jammern schwach wirkt und Bedürftigkeit anzeigt. Beide Zustände – Schwäche und Bedürftigkeit – sind neoliberalen Individualisten vermutlich peinlich. Menschlich bleiben sie trotzdem. Nicht aus jeder Misere findet man gleich oder überhaupt aus eigener Kraft heraus; und sogar wenn es sich um eine selbst verschuldete Misere handelt, sollte Jammern keine Schande sein. Nur Münchhausen schaffte es, sich am eigenen Zopf aus dem Sumpf zu ziehen – aber das ist ja auch der Einzige, der es je vollbracht hat, ein Pferd ohne Hinterteil zur Tränke zu führen.

Dorns Interviewpartnerinnen aber lassen sich ungern in ihren schwachen Momenten ertappen: „Keine der Frauen, die mich interessieren, würde in irgendeiner Weise Wert darauf legen, für benachteiligt oder gar für ein ‚Opfer‘ gehalten zu werden.“ Ein Opfer will niemand sein, weil die Formulierung nahe legt, dass man nur bemitleidenswert, nicht aber handlungsfähig sei. Was aber spricht dagegen, in bewährter Frauenbewegungsart von Benachteiligung zu sprechen?

Dorn selbst findet, als bloße „Emanzipationsfassade“ habe sich die Vorstellung entpuppt, „die Tatsache, dass wir mit doppelten X-Chromosomen ausgestattet sind, würde auf all unseren Lebenswegen kein Hindernis mehr darstellen“. Hindernis oder Benachteiligung, was ist der Unterschied? „Die weiblichen Führungskräfte verdienten im Schnitt 27 Prozent weniger als die männlichen Kollegen.“ Na, wenn das keine Benachteiligung ist, kann man das Wort gleich aus dem Duden streichen.

Es scheint, als müsse sich jeder neue Feminismus erst einmal dadurch qualifizieren, dass er sich von einem früheren Feminismus distanziert. Und so versucht jede Frau, die sich irgendeines emanzipatorischen Anliegens wieder annimmt, zwanghaft, der Sache einen hippen Touch zu verleihen. Weil Dorn, wie gesagt, eine gute Beobachterin ist, ist ihr das Problem bewusst: „Es ist nicht ‚peinlich‘, Sexismen als das zu bezeichnen, was sie sind: Sexismen. Sich für die Emanzipation zu engagieren, ist kein stilistischer Fauxpas wie die Karottenhose in den 80ern.“ Oder: „In Sachen Emanzipation muss das Rad nicht neu erfunden werden. Worauf es im Jahr 2006 ankommt, ist, dieses Rad zu entrosten und wieder in Schwung zu bringen.“

Zum Glück hat die Gegenseite nicht alle schönen Fernsehfrauen für sich gepachtet

Dass man sich eines Problems bewusst ist, heißt aber nicht, dass man ihm entrinnen kann. Nur eine Seite weiter betont dieselbe Autorin „inhaltlich unübersehbare Differenzen zum klassischen 70er-Jahre-Feminismus, der – wenigstens in seiner vulgärsten Form – die Trennlinie ‚Gut‘ und ‚Böse‘ schlicht zwischen ‚Frau‘ und ‚Mann‘ zog und in der ‚Zwangsheterosexualität‘ die Wurzel allen Geschlechterübels ausgemacht haben wollte.“ Im Rückblick gibt es den Feminismus, gerade aus der Sicht derer, die sich doch gar nicht intensiv mit ihm beschäftigt haben wollen, immer nur als Parodie.

Ironischerweise sind aber genau solche Selbstwidersprüche typisch für den Feminismus, zumal in seiner gelebten Form. Hier Dogma, dort Kompromiss. Hier lauthals protestieren, da gefallen und bewundert werden wollen. Hier große Klappe, da kleine Brötchen. Auch Bridget Jones, über die sich Dorn lustig macht, weil sie „sich nicht entscheiden kann, ob sie lieber den netten Langweiler Mark Darcy oder den coolen Hund Daniel Cleaver haben will“, ist ein solches Beispiel für das Nebeneinander von Einsicht und Begehren, Anspruch und Wirklichkeit.

Wer will Bridgets Libido befehlen, sich endgültig auf Charmeur oder Kumpel festzulegen? Wäre das nicht genauso rigoros wie zu verlangen, sie solle aus „politischen Gründen“ Frauen lieben? Und mehr noch: Zur in Zukunftsgewissheit und Erfolgswillen frisch gebadeten F-Klässlerin bleibt die gute alte Bridget mit all ihrer Selbstunsicherheit, ihrer kaum verhohlenen Einsamkeit und dem Magnetismus, den sie auf hässliche Pullover, öffentliche Fauxpas und sonstige Missgeschicke ausübt, eine unverzichtbare Ergänzung.