ANDREAS BULL ÜBER DIE INSOLVENZ DER ABENDZEITUNG MÜNCHEN

Primitives Management

Jetzt hat es also die Nächste erwischt: Die Abendzeitung München (AZ) ist insolvent. Schlag auf Schlag treffen solche Meldungen ein. Und das nicht nur aus Deutschland. Gestern saß man in Paris über das nämliche Schicksal der Libération zu Gericht. Insolvenz oder Fortführung? Dann aber ohne den Geschäftsbereich Journalismus.

Strukturell ist das Vorgehen des Managements der AZ fast identisch mit dem bei der bereits Ende 2012 eingestellten Financial Times Deutschland. Eine recht primitive Strategie, mit dem Geldbeutel subventionierte Auflagen in den Markt zu drücken, um den Anzeigenkunden Leserkontakte vorzugaukeln. Knapp 40 Prozent der mit gut 100.000 als „verkauft“ angegebenen „strategischen“ Auflagen waren in beiden Fällen über Jahre hinweg Sonderverkäufe. Sie haben dazu beigetragen, die verheerende Niedrigpreis- oder gar Gratiskultur für journalistische Produkte zu etablieren.

Die Strategien der marktbeherrschenden Verlage, mit solchen Tricks die immer enger werdenden Märkte zu verstopfen und zu verzerren, sind leider weit verbreitet. Springers Welt etwa „verkauft“ 42 Prozent der Auflage als Bordexemplare oder Sonderverkäufe. Die Anzeigenkunden bleiben dennoch aus, und auch die Leser. Grotesk wird es, wenn Springer-Chef Mathias Döpfner über seine Angst vor Google klagt. Hierzulande nimmt er eine ähnlich marktverzerrende Rolle wie der Internetkonzern ein.

Nun also kommt der Insolvenzverwalter der AZ und zieht den Verlagsführern die Ohren lang: Die Verkaufspreise sollen drastisch steigen. Er hat ja recht, eine seriöse Zeitung sollte den LeserInnen mindestens so viel wert sein wie eine Tasse Cappuccino. Wenn er aber gleichzeitig, um Kosten zu sparen, ohne Vollredaktion planen will, wird es nichts werden mit der Rettung der AZ.

■ Der Autor ist Geschäftsführer der taz