Der subversive Kapitalist

Wenn jemand immer wieder, wie es Muhammad Yunus gerne tut, seinen „tiefen, festen, leidenschaftlichen“ Glauben daran betont, „dass wir eine Welt frei von Armut schaffen können“, mag man das bewundern und zugleich anzweifeln. Wenn man lernt, dass dieser Mensch Wirtschaftsprofessor ist, lauscht man vielleicht ein wenig genauer, aber der Eindruck vergeht nicht, dass er vielleicht ein wenig verrückt ist, ein muslimischer Don Quixote.

Bis man entdeckt, dass dieser Mensch einer der erfolgreichsten Kapitalisten der Welt ist, der vor dreißig Jahren mit zwei Mitarbeitern eine Bank gründete und heute 20.000 Leute beschäftigt und 18 weitere Unternehmen ins Leben gerufen hat, darunter die größte Mobilfunkgesellschaft Südasiens. Und dann fragt man sich, ob die utopische Vision dieses Verrückten nicht doch Methode hat. Vor allem, weil dieser ganz besondere Kapitalismus nicht Profit als wichtigste Mission sieht, sondern Hilfe für die Ärmsten.

Muhammad Yunus ist für den Kapitalismus, was Bill Gates für Computersoftware ist. Nur ist sein Geschäftsumfeld viel härter als das geruhsame Seattle. Sein Labor ist Bangladesch, ein Land von der Größe Englands mit 145 Millionen Einwohnern, die meisten bitterarm. Yunus wurde 1940 geboren, als Bangladesch noch Indien war und die Briten regierten. Er hat die Ärmsten der Armen dieses armen muslimischen Landes erwählt, die am meisten unterdrückten und am wenigsten besitzen – die Frauen.

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„Es war eine verrückte Idee“, sagt Nurjahan Begum und grinst bei der Erinnerung an die Anfänge der Grameen Bank, in einer Wellblechhütte mit einem Tisch und einem Stuhl, zwei Bänken, ohne Strom und Telefon. Nurjahan war eine der beiden Ökonomiestudentinnen, die 1976 Professor Yunus halfen, sein Projekt zu starten. Ihr Job war die Feldforschung, gegen erbitterten Widerstand ihrer Eltern, die sie lieber daheim sehen wollten, beim Warten auf den von ihnen auszuwählenden Ehemann. Nun sollte sie herausfinden, ob man eine Bank darauf gründen kann, bitterarmen Frauen Geld zu leihen. „Völlig verrückt!“, sagt Nurjahan Begum und kichert ungläubig über ihren jugendlichen Idealismus.

Die kleine Frau mit einem gütigen, intelligenten Gesicht und runder Brille sitzt heute im himmelblauen Sari hinter einem Schreibtisch im achten Stock der 21-stöckigen Grameen-Zentrale, die in Bangladeschs Hauptstadt Dhaka so etwas darstellt wie das Empire State Building in New York. Nurjahan ist eine von drei Geschäftsführerinnen, Leiterin des Trainingsprogramms und Direktorin von Grameen Shikkha, einem Stipendiatenprogramm für Kinder. In Dhaka ist es heiß und feucht, aber sie hat in ihrem großen, weiträumigen Büro keine Klimaanlage, nur Fenster und Ventilatoren. Auf ihrem Tisch befindet sich eine Klingel. Wenn sie sie drückt, und das tut sie in den anderthalb Stunden meines Besuchs ungefähr alle zehn Minuten, erscheint ein Mann. Er bringt Tee oder ein Papier oder ein Buch oder eine Statistik oder wieder Tee. Es ist nicht immer der gleiche Mann. Es sind mindestens vier.

„Frauen wurden damals so benachteiligt“, erklärt sie. „Wir mussten so viel Ignoranz und Aberglauben und Tradition überwinden. Es war schrecklich. Frauen hatten sieben oder acht Kinder, und die Männer hatten mehrere Frauen und konnten sie verlassen, wann immer sie wollten, wenn sie einfach dreimal ‚Ich verstoße dich‘ sagten. Die Frauen durften ohne Erlaubnis des Mannes oder seiner Eltern das Haus nicht verlassen, nicht einmal ihre Mutter besuchen. Und die Männer schlugen die Frauen immerzu. Als ich im Laufe meiner Forschung von Dorf zu Dorf ging, stieß ich immer wieder auf den Glauben, dass eine Frau in den Himmel kommt, wenn sie geschlagen wird.“ Yunus' ursprüngliche Idee, Kredite halb und halb zwischen Mann und Frau aufzuteilen, war ein regelrechtes Erdbeben. „Das erste Problem war, dass keine Frau unser Geld wollte, weil sie alle Angst vor Schlägen hatten“, erzählt sie. „Außerdem hatten sie nie Geld in der Hand gehabt. Sie hatten davor Angst. Und als ob das nicht gereicht hätte, sprachen sich manche Imame gegen uns aus.“

„Menschen werden nicht auf diese Erde geboren, um ihr Leben lang nach Nahrung zu suchen“

Yunus hatte noch ein anderes Problem. Um seine Bank zu starten, musste er die konventionellen Banken überreden, ihm Geld zu leihen. Und zwar gegen das unerschütterliche Bankenprinzip, dass man nur Geld verleiht, wenn der Empfänger unzweideutig dokumentiert hat, dass er es zurückzahlen kann. Yunus' origineller und komplett subversiver Plan war, Geld in kleinen Mengen ohne Sicherheit zu verleihen, auf der Grundlage von Vertrauen, nicht von Verträgen. Die Bankmanager blickten ihn an, als sei er wahnsinnig, erinnert sich Yunus in seiner Autobiografie.

Die Banker sind wahnsinnig, oder das von ihnen verkörperte System ist es, glaubt Yunus. Und die Welt ist wahnsinnig, weil sie das akzeptiert. „Die Banken vertreten die eklatanteste finanzielle Apartheid“, sagt Yunus. „Sie sagen, dass zwei Drittel der Weltbevölkerung es nicht wert sind, ihre Dienste zu empfangen. Nicht kreditwürdig. Sie setzen die Regeln, und wir nehmen das hin, weil sie mächtig sind.“

Yunus spricht mit mir nicht in der obersten Etage seines Bankgebäudes, wie das Präsidenten großer Unternehmen meistens tun, sondern vier Etagen tiefer als Nurjahan, in einem ebenso weiträumigen Büro, auch ohne Klimaanlage. Er trägt ein kragenloses braunes Hemd und strahlt Begeisterung aus wie ein kleiner Junge, noch betont durch seinen unbändigen weißen Haarschopf. Überschüttet mit Preisen und Ehrendoktortiteln, wirkt er drei Jahrzehnte jünger als seine 66 Jahre. Unkompliziert, neugierig, humorvoll, ebenso brillant wie leidenschaftlich. „Die Banken sagen jemandem: Sie haben keine Sicherheit, also können wir mit Ihnen kein Geschäft machen. Wer sagt, dass man Sicherheiten braucht? Das braucht man nicht!“

Unglaublich, aber wahr. Innerhalb von sechs Jahren überzeugte Yunus erst die institutionalisierten Banken davon, ihm das Geld zu leihen, das er brauchte – obwohl er dafür zuerst selbst bürgen musste –, um die Kredite zu geben, die er Mikrokredite nannte, ein von ihm erfundenes Wort. Und dann schaffte er es, Parität zwischen den Geschlechtern zu erreichen, also ebenso vielen Frauen wie Männern Geld zu leihen.

„Wir stellten fest“, sagt Yunus, „dass nicht nur die Frauen verlässlicher abzahlten als die Männer, sondern dass die kleinen Geldsummen für die Frauen der Familie viel mehr brachten. Der Grund, vor allem in sehr armen Familien, ist, dass die Frauen sich ganz unbewusst antrainiert haben, knappe Ressourcen zu strecken. Wenn sie scheitert, hungert die Familie, der Mann ärgert sich und schlägt sie. Also wenn wir ihr Geld leihen, 30 oder 50 Dollar, geht sie damit effizient um und maximiert den Nutzen. Der Mann hat andere Prioritäten. Er will draußen Spaß haben, vor seinen Freunden angeben. Die Prioritätenliste einer Frau beginnt nicht bei sich selbst. Sie beginnt mit den Kindern, dann kommt der Haushalt. Wenn man jemals ihren Namen auf der Liste sieht, dann ganz unten.“

Yunus hat seine Lehre in die Tat umgesetzt. Grameen – auf Bengali „Dorf“ – wurde 1983 formell als Bank registriert, und seitdem ist die Strategie klar: Kredite für Frauen. Das Prinzip: so viel Flexibilität und so wenig Zinsen wie möglich. Heute operiert Grameen in 70.000 Dörfern, hat 2.200 Filialen und 6,6 Millionen Kunden, davon 97 Prozent Frauen und alle arm. In einem Land, wo kaum jemand lesen und schreiben kann oder Strom hat, funktioniert Grameen „wie ein Uhrwerk“, sagt Yunus gerne. Nur 1,5 Prozent der Kredite müssen abgeschrieben werden, darauf kann jede große Bank neidisch sein. Außer 1983, 1991 und 1992 hat Grameen immer schwarze Zahlen geschrieben, und die Profite werden immer reinvestiert. Die Bank wächst ständig, und das Grameen-Modell hat in mehr als 80 Ländern Nachahmer gefunden und über 100 Millionen Menschen auf der Welt erreicht.

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Das Dorf Sadipur Sonargoan ist nur 42 Kilometer weit, aber die Reise dauert eine Ewigkeit, vor allem die ersten 20 Kilometer durch das wuchernde Dhaka mit seinen 12 Millionen Einwohnern und seinem manischem Verkehr. Nach dieser Vision der Hölle ist Sadipur das Paradies. Ruhige Alleen schlängeln sich unter üppigen Bäumen entlang, ab und zu passiert lautlos eine Rikscha. Stille Reisfelder, einzelne Kühe zwischen den Bananenbäumen, im Dorf selbst gepflegte Häuser mit Lehmböden.

Der Bankmanager des Dorfes ist ein junger 25-Jähriger mit leuchtenden Augen, der mir erzählt, dass er einen Studienabschluss in Erdkunde hat, und mir rund 70 der 4.883 Kundinnen seiner Filiale vorstellt. Die Geschichten, die ich erfahre, sind immer ähnlich. Eine Frau beantragt einen Kredit von etwa 3.000 Taka (rund 35 Euro) und kauft damit Waren für einen Kramladen oder eine hölzerne Spindel oder eine Kuh, oder sie mietet eine Ecke eines Reisfeldes. Aus dem Kredit wird Profit, das Geld wird zu 20 Prozent verzinst an die Bank zurückgezahlt, und es gibt den nächsten Kredit von 5.000 Taka. Damit wächst der Kramladen ein wenig, die Raten fließen wöchentlich oder alle 14 Tage, und es gibt noch einen größeren Kredit, vielleicht zum Hausbau, wofür der Zinssatz nur noch 8 Prozent ist. Und irgendwann hat die Frau sogar ein Sparkonto und bekommt vielleicht sogar einen Studienkredit zu 5 Prozent, damit ihre Kinder zur Universität gehen können.

So lief das bei Jahana, von Kopf bis Fuß in Schwarz gekleidet, die davon träumt, dass ihr 15-jähriger Sohn Muhammad Arzt wird. Vor Grameen war ein solcher Traum unrealisierbar, heute könnte er Wirklichkeit werden. Vier Universitätsstudenten gibt es in dem Dorf. Einer ist der Sohn von Rashida, die früher 60 Taka (weniger als 1 Euro) am Tag verdiente, bevor sie vor fünf Jahren ihren ersten Grameen-Kredit bekam; heute boomt ihr Kramladen, jedenfalls im Vergleich zu früher, und sie verdient am Tag 400 Taka. Dann ist da Aulia Begum, deren wunderschöne 22-jährige Tochter Roshanunina gerade ein paar Tage Ferien von ihrem Politikstudium an der Universität Dhaka macht. Weil Grameen Aulias kleiner Apotheke Geld lieh und ihr auch ein Universitätsstipendium vorstreckte, konnte sich ihre Tochter in unbekanntes Terrain vorwagen, das für ihre des Lesens und Schreibens unkundige Mutter ganz exotisch sein muss. „Ich interessiere mich besonders für internationale Politik“, sagt Roshanunina, groß, schlank und geschmeidig, ihre Gesichtszüge in einen rosa Schleier gerahmt, der nach Seide aussieht. Für die Generation ihrer Mutter waren Universitäten nicht zugänglich. Heute bezahlt Grameen 18.000 Stipendien, für genau so viele Mädchen wie Jungen. Hat sie einen Traum, frage ich Roshanunina. „Im Ausland studieren“, sagt sie selbstbewusst. „Kanada wäre toll.“

Für die acht Bettlerinnen, die ich als Nächstes traf, waren die Horizonte nicht so einfach. Grameens Bettlerprogramm, bekannt als „Struggle Loans“ (Mühsamkeitskredite), begann erst vor drei Jahren, zählt aber landesweit schon 80.000 Kreditnehmer. Ein typischer Kredit beträgt 1.000 Taka (rund 12 Euro), zinslos und ohne Rückzahlungsfrist. Sabitum, 54 Jahre alt, bettelte seit zehn Jahren, nachdem ihr Mann gelähmt wurde. Sie ging von Tür zu Tür und bat um Reis oder Lumpen. Jetzt macht sie das immer noch, ebenso wie all die anderen Bettlerinnen mit Bankkrediten, aber statt bloß zu betteln, bietet sie Schokolade zum Kauf an oder Bananen oder Kekse, die sie mit ihrem Kredit gekauft hat. Es sind Elendsgeschichten aus der allertiefsten Armut. Mojiton, 60 Jahre alt, neun Kinder, alle an Krankheiten gestorben, hat mit ihrem Kredit eine Ziege gekauft und hofft, bald Milch verkaufen zu können. Amina, 54 Jahre alt, aber mit einem Gesicht wie 74, ist seit zehn Jahren auf einem Auge blind und bettelt. Sie verkauft Reiskuchen und Pitabrot, bettelt aber trotzdem, obwohl sie sagt, dass sie das lieber nicht täte. Sabitum ist die Erfolgsgeschichte der Gruppe, sie bekam vor einem Jahr einen Kredit und zahlt jetzt 20 Taka wöchentlich ab. Hat Grameen ihr Los erschwert oder erleichtert? „Oh, es geht viel besser“, sagt sie und blickt zu mir hoch, vom Boden, wo sie barfuß hockt. „Mit dem Geld habe ich drei Hennen und drei Enten gekauft. Jetzt verkaufe ich Eier und bettle nicht mehr. Ich gehe immer noch von Tür zu Tür, aber jetzt habe ich ein Geschäft.“

Als ich ein wenig später ein Treffen von 50 Grameen-Vollmitgliedern besuche, ist die Stimmung so exaltiert wie bei einem WM-Finale. 50 Damen in ihren besten Saris haben sich kunterbunt und geometrisch auf Bänken arrangiert, in einer Hütte mit Wellblechdach und Holzbalken. Sie kommen zum Wochentreffen, um den Stand der Dinge zu besprechen, neue Kredite vorzuschlagen und alte abzuzahlen. Die gewählte Leiterin, die hochgewachsene Mazeda, mit Brille und – obwohl sie nicht lesen kann – der Ausstrahlung nach einer Juristin, erklärt mir, was ich schon in der Bankzentrale gehört habe: Die Grameen-Kreditnehmerinnen organisieren sich als Bedingung ihrer Kredite in Fünfergruppen. Jede Gruppe überwacht sich selbst, sichert die Einhaltung des Vertrauenspaktes mit der Bank, die Mitglieder ermutigen sich gegenseitig und garantieren einander solide Haushaltsführung. Wenn eine nicht zahlen kann, müssen nicht die anderen für sie zahlen, aber sie hat die anderen enttäuscht, und das geht gegen ihre Ehre. Das Grameen-System, gebaut auf Vertrauen, ist genauso bindend wie das übliche Banksystem, gebaut auf Verträgen.

Mit Stolz und viel Würde tritt Mazeda nach vorn und überreicht dem jungen Filialleiter einen Stapel von 500-Taka-Scheinen, ihre wöchentliche Rate. Andere folgen, sie legen ihr Geld auf den Tisch, ein Assistent notiert jede Summe genau in einem Buch. Was ich davon halte, fragt mich eine Frau hinterher. Ich sage: Ich dachte, ich käme in ein Dorf der Armut, aber ich treffe auf zwar nicht reiche, aber selbstbewusste, gesunde und glückliche Frauen. Ich sage: Man hatte mir gesagt, Frauen in Bangladesch seien so erzogen, immer demütig zu sitzen und nie den Mund aufzumachen, aber hier sehe ich, wie sich das verändert hat. Ich ernte eine große, lachende Runde von Applaus.

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Zurück in der Bankzentrale in Dhaka, erinnere ich Yunus an etwas, was er in einer Rede vor der Harvard Business School gesagt hat: dass Mikrokredite die Träume der Menschen freisetzen, den Armen Würde und Respekt schenken und ihrem Leben einen Sinn geben.

„Ja, das ist der zentrale Punkt“, sagt Yunus. „Als ich mit den Armen arbeitete, merkte ich sehr schnell, dass die Armen ihre Armut nicht selbst schaffen. Höre nicht auf die krasse übliche Sichtweise, dass die Armen faul sind, nichts können, keinen Ehrgeiz haben. Sie können nichts dafür. Sie sind nicht die Schöpfer der Armut. Unser System hat die Armut geschaffen. Die Armen haben genau so viel Ehrgeiz und schöpferischen Geist wie alle Menschen auf diesem Planeten.“

Also geht es darum, Energien freizusetzen? „Genau. Gib einer armen Frau einen Kredit, lass sie losgehen, und vor dir entsteht ein Wunder. Ihr ganzes Leben lang fühlte sie sich als ein Nichts, jetzt fühlt sie sich zum ersten Mal als Mensch. Sie kann sich um sich selbst kümmern. Das ist der Beginn der Selbstfindung. Deshalb nenne ich diese Kredite Wundergeld. Sie machen es Leuten möglich, zum ersten Mal ihr Leben als vollwertige Menschen anzugehen.“

Kapitalismus, so wie wir ihn verstehen, glaubt Yunus, muss sich verändern, angefangen mit dem Bankwesen. Er fordert keine kommunistische Revolution oder Ähnliches. Er verlangt die Erweiterung des Begriffs Kapitalismus über Profitmachen hinaus. Er steht auf der Seite des freien Unternehmertums, gegen karitative Wohltätigkeit.

„Wenn man Leuten etwas schenkt, nimmt man ihnen Initiative weg. Das ist der Deal: Mach dir keine Gedanken über dich, bleib, wo du bist, ich kümmere mich um dich. Aber was Menschen vom niedrigsten Niveau zu einem höheren aufsteigen lässt, ist ihre Eigeninitiative. Ohne das ist der Mensch nichts. Also sage ich: Du bist besser dran mit einem Kredit als mit einem Geschenk, denn mit einem Kredit übernimmst du Verantwortung, du nimmst mein Geld und machst daraus genug, um es mir verzinst zurückzugeben und immer noch was übrigzuhaben. Das ist der Deal. Wer von Geschenken lebt, braucht immer Geschenke. Guck dir die Wohlfahrtsempfänger in den USA oder Europa an: Nicht nur hängen sie an Wohlfahrt, sondern auch ihre Kinder, weil sie nichts anderes lernen.“

Also ist er gegen Wohlfahrt? „Nein, nein, das meine ich nicht. Was ich meine, ist: Gebt den Leuten eine Wahl, gebt ihnen einen Anreiz. Guck dir die Bettler an. Ich sage ihnen nicht: Hört auf zu betteln. Ich sage: Probiert doch auch noch was anderes. Mit der ersten Option verlieren sie die Kontrolle über ihr Leben; mit der zweiten gewinnen sie sie zurück.“

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In meinem zweiten Dorf, Rajabar, 50 Kilometer außerhalb von Dhaka, treffe ich wieder ein Dutzend Frauen. Eine heißt Nilufer Begum und denkt, sie ist 40 Jahre alt. Bis vor 16 Jahren lebte sie bei ihrer Mutter auf einer Matte auf dem Boden und teilte ihr Zimmer mit einer Kuh. Sie war vor ihrem Mann geflohen, einem gewalttätigen Faulpelz ohne Geld. „Ich bekam einen Kredit von 5.000 Taka, und damit kaufte ich eine Milchkuh. Ich verkaufte die Milch, zahlte den Kredit ab und bekam einen neuen von 10.000. Damit pachtete ich ein wenig Land und säte Reis. Ich zahlte die 10.000 zurück, bekam 15.000 und machte einen kleinen Laden auf. Dann kriegte ich noch einen größeren Kredit und baute mir ein Haus.“ Und so ging es immer weiter. Heute vermietet Nilufer Häuser, verdient 6.000 Taka im Monat und erwartet einen Kredit von 70.000, mit dem sie einen Minibus kaufen will.

„Gib einer armen Frau einen Kredit, lass sie losgehen, und vor dir entsteht ein Wunder“

Ich gehe mit Nilufer in ihren Laden. Ihr Mann arbeitet da, sozusagen als ihr Angestellter. Sie stellt sich neben ihn für ein Foto, und es ist klar, wer das Sagen hat. Der Laden ist einfach, ohne Kühlschrank – noch eine Ambition Nilufers –, aber es gibt so viele Waren wie in einem kleinen Supermarkt: Erfrischungsgetränke, Zahnpasta, Bananen, Kekse, Aspirin, Eier. Und er dient als Café, mit Tee und Kokosnussmilch trinkenden Gästen auf einer Bank vor dem Stolz des ganzen Dorfes: einem sehr alten, aber gerade noch funktionierenden Fernseher.

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Yunus ist nicht nur Visionär, sondern wahrscheinlich auch ein Genie: Er hatte eine Idee, die das Leben von Millionen verändert hat. Aber er wird nicht von Selbstherrlichkeit verzehrt. Er hat eine Mission, ist aber kein Fanatiker. Er hat eine hohe Meinung von seinen Grundsätzen, aber hält sich nicht für etwas Besseres. Und auch nicht George W. Bush. „Als das neue Jahrhundert begann, war die Welt voller guten Willens“, erinnert sich Yunus. „Wir waren voller Optimismus, wir wollten eine andere Welt. Zum ersten Mal in der Geschichte der Menschheit kamen alle Nationen zusammen und setzten mit den UN-Millenniumszielen ein Datum, um die Welt zu verbessern. Wir wollen die Zahl der Armen bis 2015 halbieren, sagten sie. Und dann kommt Bush! Und er dreht alles nach hinten. Er sät Misstrauen zwischen Menschen, er sagt: Ich mache alles selbst. Jetzt sitzen wir in der Patsche und wissen nicht, wie wir wieder herauskommen.“

Yunus glaubt fest an die Kraft der Vereinfachung. Komplexe Theorien machen uns für die Wahrheit blind, glaubt er. „Wo kommt Terrorismus her? Einfach. Er kommt von einem starken Gefühl der Ungerechtigkeit. Es kann religiöse Ungerechtigkeit sein oder politische oder wirtschaftliche. Es kann reale Ungerechtigkeit sein, es kann imaginäre Ungerechtigkeit sein – egal: Für mich, sagt der Terrorist, ist sie real. Also reagiere ich auf diese Ungerechtigkeit, und weil ich keine andere Wahl habe, weil ich dich nicht schlagen kann, gehe ich den Weg des Terrorismus. Ich mache dir Angst. Dagegen kommst du mit Gewehren oder Bomben nicht an. Bush wählte darauf die falsche Antwort, und das Ergebnis ist mehr Blutvergießen, mehr Terrorismus. Also begannen wir das Jahrhundert mit so viel gutem Willen, und jetzt sehen wir so viel Hass. Das war nicht der richtige Augenblick dafür. Das war der Augenblick, um die Armut zu bekämpfen, und Bush hat das vermasselt. Was für eine verschwendete Gelegenheit!“

Yunus greift nach jeder Idee, die ihm einfällt. Seine neueste Geschäftsidee ist ein Joint-Venture mit dem französischen Milchproduktehersteller Danone. Grameen-Danone, so heißt das Ergebnis, wird im November eine Fabrik in Bangladesch öffnen, um sehr preiswerten, sehr vitamin- und eisenreichen Joghurt für hungrige Kinder herzustellen. „Ich war letztes Jahr in Paris mit Danones Präsident Franck Riboud Mittag essen und sagte ihm, dass meiner Meinung nach Kapitalismus in eine zu enge Definition gepresst worden ist. Dass Geschäfte nicht nur mit Geldverdienen zu tun haben sollten, sondern mit der Bereicherung des Lebens der Menschen. Dass man aus einem Geschäft, das vorrangig nicht Geld verdient, sondern zum Beispiel einem Dorf sauberes Wasser bringt, Erfüllung und Befriedigung gewinnen kann. Das ist immer noch Kapitalismus, aber breiter, großzügiger und, glaube ich, am Ende lohnender. Ich sprach mit Riboud über mein Konzept des sozialen Unternehmertums. Und er reagierte sofort. Sofort! Er sagte: Das ist faszinierend, und er willigte auf der Stelle in die Gründung von Grameen- Danone ein. Unser Plan ist einfach. Wir werden Joghurt herstellen, der so billig ist, dass die Armen ihn sich leisten können. Und wenn das funktioniert, werden wir bald 50 Fabriken haben, jede kostendeckend, mit allen Profiten im Unternehmen reinvestiert.“

Was ist das Revolutionärste, was Yunus von den Armen gelernt hat, frage ich ihn. „Die große Sache, die ich gelernt habe, ist, dass in jedem Menschen grenzenloses Potenzial steckt. Aber ich habe leider auch gelernt, dass wir noch keine Gesellschaft geschaffen haben, die dieses Potenzial freisetzt. Wir kratzen nur an der Oberfläche. Die menschliche Zivilisation hat noch einen weiten Weg vor sich. Menschen werden nicht auf diese Erde geboren, um ihr Leben lang nach Nahrung zu suchen. Das tun Tiere. Wenn man mit den Armen arbeitet, lernt man, wie ungerecht die Gesellschaft mit den Armen umgeht, wie beschränkt und selbstsüchtig. Gebt den Armen die gleichen Chancen, die ihr hattet, und vor euren Augen werden sich Wunder entfalten.“