ACHSE DER VETERANEN VON ANDREAS HARTMANN

Schnörkellos und gegenwärtig

Platten kauft heutzutage ja kaum noch jemand, aber auf Konzerte wird wie verrückt gerannt und der Bedarf, livehaftig die „Legenden“ des Rock wieder auf der Bühne erleben zu dürfen, ist hoch. Auch Radio Birdman aus Australien waren soeben mit neuer Platte wieder auf Welttournee, gut 25 Jahre nachdem ihr letztes Album erschienen ist. Punkopas, die es noch einmal wissen wollen? Das klingt gruselig, doch auf den Konzerten soll es nicht langweiliger als bei den ganzen jungen The-Bands zugegangen sein.

Als sich Radio Birdman 1974 in Sydney gründeten, gingen die Mitglieder der Sex Pistols noch zur Schule und die Ramones kauften sich gerade ihre ersten Lederjacken. Damals waren Radio Birdman schon Punk oder zumindest etwas in der Art, und manche behaupten, wenn sich die Band nicht am anderen Ende der Welt formiert hätte, sondern in New York, trüge sie jetzt den offiziellen Titel „Väter des Punk“. Was kann man von so einer Band heute auf Platte erwarten? Das, was man von ihr bekommt: guten, schnörkellosen Rock, der sich immer noch von den MC5 und den Stooges beeinflusst zeigt. Der aber, und das ist das Positivste, nicht nur so klingen möchte, als sei die Zeit stehen geblieben, sondern der mithalten möchte mit jungen Garagenbands wie etwa den Datsuns aus Neuseeland. „Zeno Beach“ klingt gut produziert und nach heute. In Zeiten, in denen alle klingen wollen wie gestern, ist das durchaus ein Statement.

Radio Birdman: „Zeno Beach“ (Shock Records)

Eigenbrötler out of space

Auch Pere Ubu wussten nie so recht, wohin sie gehörten. Ungefähr zur selben Zeit wie Radio Birdman gegründet, kamen sie ebenfalls nicht gerade aus dem Epizentrum des damaligen Rockgeschehens, sondern aus Cleveland, Ohio. Auch bei Pere Ubu wusste man nie so recht, ob das nun Proto-Punk, Postpunk oder etwas ganz anderes war und die Band heute irgendwo einordnen zu wollen, ist gar völlig unmöglich geworden. Was vor allem daran liegt, dass es sie eigentlich nur noch auf dem Papier gibt, wobei sie in Wahrheit aber einzig und allein von deren Kopf, David Thomas, zusammengehalten wird.

Thomas ist ein Kauz, ein schwergewichtiges Unikat, ein echter Eigenbrötler, der in den letzten 30 Jahren einfach immer weitergemacht hat und dabei zu keinem Zeitpunkt wirklich bedeutungslos war. Doch selbst für seine Verhältnisse klingt ein Plattentitel wie „Why I Hate Women“ bizarr. Hass, nun gut, auch gegenüber Frauen, das ist typisch Punk. Doch so sei das gar nicht gemeint, gibt Thomas selbst an. Nein, hier spräche ein literarisches Ich, und dass man das missverstehen könne, sei für ihn völlig unverständlich. Ohnehin sind Pere Ubu, wie eigentlich auf fast jeder ihrer Platten, bestens aufgelegt: Trotz Hass geht es viel um Liebe, vielleicht auch gerade deswegen. Und dass man es hier mit mehr als simplem Rock zu tun hat, das garantiert schon der Pere-Ubu-typische Spacesound des Theremins.

Pere Ubu: „Why I Hate Women“ (Glitterhouse)

Hardcore und metrosexuell

Auch die Lemonheads gibt es wieder und wie bei Pere Ubu bedeutet das, einen Sänger mit einer wild zusammengecasteten Begleitband begrüßen zu dürfen. Unter eigenem Namen hat Evan Dando vor drei Jahren eine Soloplatte herausgebracht, für die wollte sich jedoch kaum jemand interessieren. Nun gibt es erneut eine Soloplatte, aber unter anderem Namen, nämlich unter der Marke Lemonheads, und die Begeisterung ist riesig. Weißt du noch, Liebling: „Into your arms“ oder „Great Big No“? Ja, das waren echte Lemonheads-Hits, Anfang der Neunziger.

So schön wie damals könnte es doch auch heute noch einmal sein. An Dando und seiner Truppe soll es nicht liegen. Die tut alles dafür, nochmals diese herrliche Mischung aus Hardcore und Pop, aus Aufbegehren und Herschmerz aufzubereiten, die seinerzeit die Grunge- und Slacker-Generation so begeisterte. Dando war für den Hardcore dasselbe wie David Beckham für Fußball, metrosexuell avant la lettre. Er sah viel zu gut aus für eine Musik, in der alle Holzfällerhemden trugen, aber er blieb immer Teil der Szene. Entsprechend hat er sich für seine neue Band altgediente Hardcore-Recken ausgesucht, die schon bei Black Flag oder den Descendents mit dabei waren und jetzt dafür sorgen, dass Dando weicher Gesang nie zu verschmust klingt. Nein, man kann durchaus sagen: die Lemonheads sind zurück, es ist wieder 1992 und Geschichte wiederholt sich doch.

The Lemonheads: „The Lemonheads“ (Vagrant)